Brückentechnologie Wikileaks

Guido Strack11.09.2011Gesellschaft & Kultur, Politik

Datenleck bei Wikileaks: Alle US-Depeschen stehen plötzlich unredigiert im Netz. Damit bekleckert sich die Organisation nicht gerade mit Ruhm – aber eigentlich erfüllt sie nur ihren Zweck.

a48242d5a9.jpg

Wikileaks habe „Blut an den Händen“, setze US-Informanten gefährlichen Risiken aus, so lautete schon vor einem Jahr die erste Reaktion der USA auf die Veröffentlichung von Militärdokumenten aus dem Afghanistan-Krieg. Kurze Zeit später wurde dieser Vorwurf jedoch offiziell zurückgenommen. Bei der Veröffentlichung der US-Diplomatendepeschen setzte Wikileaks auf die Zusammenarbeit mit Medienpartnern und die redigierte Veröffentlichung, vor allem um Informanten der USA aus totalitären Regimen zu schützen. Erst nach einer Verkettung von Leichtsinnigkeiten, Pannen und Indiskretionen aufgrund derer sowohl die verschlüsselte Datei mit den Depeschen, als auch das zugehörige Passwort im Internet auftauchten, hat Wikileaks nunmehr alle 251.287 Depeschen unredigiert auf der eigenen Webseite veröffentlicht. Die ehemaligen Medienpartner haben diesen Schritt als unverantwortlich kritisiert. Ist Wikileaks nun am Ende? Jegliches Vertrauen in Leaking-Plattformen für immer zerstört?

Verantwortung besteht auf beiden Seiten

Klargestellt werden sollte zunächst, dass Wikileaks seine eigenen Quellen bisher nicht verraten hat. Zwar ist Bradley Manning seit Mai 2010 in US-Militärgefängnissen, unter teils menschenunwürdigen Bedingungen, in Haft, seine Verhaftung geht aber darauf zurück, dass er sich selbst in Internet-Chats als Quelle geoutet haben soll. Genaugenommen hat Wikileaks überdies jetzt nur gemacht, was es seinen Quellen noch 2010 versprochen hatte: die vollständige Veröffentlichung der von ihnen eingereichten Originaldokumente. Aber, darf dies geschehen um den Preis der Gefährdung von Menschenleben? Nein, sicherlich nicht! Auch Leaking-Plattformen haben eine Verantwortung und müssen diese wahrnehmen. Verantwortung hatten aber auch die USA: in Diplomatenberichten, die einem großen Kreis von Personen zugänglich waren, keine Klarnamen zu verwenden, den Zugang zu jenen Informationen besser abzusichern, und spätestens seit dem Bekanntwerden der Leaks alles zu tun, um ihre Informanten zu schützen, statt auf deren Schutz alleine durch Wikileaks und seine Partner zu vertrauen. Wenn hier jemand Blut an den Händen hat – und der Nachweis hierfür steht bisher noch aus – so ist es sicherlich nicht nur Julian Assange.

Leaking ist nur ein Schritt zur Offenheit

Aus meiner Sicht müssen die aktuellen Ereignisse weder das Ende von Wikileaks noch von Leaking-Plattformen im Allgemeinen bedeuten. Sie sollten jedoch daraus lernen und zukünftig: transparenter werden (z.B. eigenen Quellcode und eventuelle manuelle Bearbeitungsschritte und deren Kriterien offenlegen), Technik verbessern (z.B. eigene Datensicherheit stärken, anonymen Rückkanal zur Kommunikation mit der Quelle einrichten) und eigene Grenzen anerkennen (es gibt keine automatische absolut sichere Bearbeitung von Quelldokumenten, es kann sinnvoll sein, Aufgaben aufzuteilen, Menschen sind nötig und machen Fehler). Schließlich sollten auch all diejenigen, die Wikileaks & Co. bisher bewundert haben und jetzt vielleicht enttäuscht sind, den Blick weiten. Leaking-Plattformen sind ein Bausteinchen auf dem Weg zu einer transparenteren und demokratischeren Gesellschaft, aber es gibt andere, die vielleicht noch wichtiger – leider medial aber weniger sexy – sind: der alltägliche persönliche Einsatz für ein kulturelles Umdenken im Sinne eines anderen Umgangs mit Kritik und einer anderen Fehlerkultur, und auch der Schutz von Whistleblowern in Organisationen und durch gesetzliche Regelungen. Für diese Ziele werden sich Organisationen wie Whistleblower-Netzwerk Deutschland und Whistleblowing Austria auch weiterhin einsetzen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Deutschland ist über Nacht zu einer offenen Gesinnungsdiktatur geworden

Man wird in der Geschichte wohl kein Beispiel finden, welches veranschaulicht, wie in einer Demokratie von Politik und Medien so offen ein urdemokratischer Prozess dämonisiert und ein gewählter Ministerpräsident einer solchen Hasskampagne von Politikern und Medien ausgesetzt wurde, dass er und se

Der Rundfunkbeitrag ist einfach nicht mehr zeitgemäß

Die konservative Basisbewegung innerhalb der CDU/CSU fordert die Landesregierungen auf, die Stimmung in der Bevölkerung ernst zu nehmen und umgehend Kostenschnitte für die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten zu beschließen.

Wir dürfen uns von der AfD nicht die Demokratie zerstören lassen

Es gibt sie noch, die besonnenen Köpfe in der Politik. Wohltuend unaufgeregt das Interview mit Thüringens früherem Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (CDU), Solche besonnenen Stimmen, die die Dinge vom Ende her durchdenken und nicht nur flotte Parolen oder moralische Dauerempörung im Programm h

Mit der verbrecherischen US-Oligarchie gibt es keinen Frieden und keinen „Klimaschutz“

Mit der verbrecherischen US-Oligarchie gibt es keinen Frieden und keinen „Klimaschutz“. Wenn die Grünen wirklich Frieden und Klimaschutz wollen, dann müssen sie der skrupellosen US-Oligarchie, die die halbe Welt terrorisiert, die kalte Schulter zeigen. Europa muss sich aus der Bevormundung der

Regierungsbildung in Thüringen: Dies ist ein bitterer Tag für die Demokratie

Dieses Ergebnis ist ein Dammbruch. Die Wahl des Thüringer Ministerpräsidenten hat gezeigt, dass CDU und FDP den Wählerauftrag nicht verstanden haben. Gemeinsam mit Stimmen der AfD haben sie die Wiederwahl Bodo Ramelows verhindert. FDP und CDU werden damit zum Steigbügelhalter der rechtsextremen

Sich mit der AfD wählen zu lassen, ist ein inakzeptabler Dammbruch

Es ist ein inakzeptabler Dammbruch, sich mit dem Stimmen der AfD und Herrn Höckes wählen lassen, so Ministerpräsident Bayerns Markus Söder.

Mobile Sliding Menu