Der Papst siegt 8:1

Guido Horst20.09.2010Gesellschaft & Kultur

Für vier Tage war Benedikt XVI. in gewisser Weise der Papst aller Briten. Selbst die Entourage des obersten Gottesdieners war überrascht von der Warmherzigkeit und den versöhnlichen Worten, die die für ihre Kampfeslust bekannte Inselpresse im Nachklang des ersten Papstbesuchs seit mehr als 500 Jahren fand.

Das moderne England hat in den vergangenen Tagen so viel über sich selbst gelernt wie lange nicht mehr. Denn was sollten die Reporter von BBC und Sky schon tun, die den Besuch Papst Benedikts komplett abgedeckt haben? Sie erzählten. Den ganzen Tag lang. Von Heinrich VIII. und den Anglikanern, von John Henry Newman und den großen Heiligen des Landes, von der Wiedererrichtung der katholischen Hierarchie im Jahr 1850 und der allmählichen Aussöhnung ihrer Staatskirche mit den Päpsten. Und sie lernten Joseph Ratzinger kennen, den feinen, liebenswürdigen und fast schüchtern wirkenden Mann aus Rom. Da war also doch nicht der “Rottweiler Gottes” gekommen, der “Panzerkardinal”, der der anglikanischen Gemeinschaft in Zeiten der Krise und inneren Zerwürfnisse noch schnell einige Gläubige wegschnappen möchte. Was mag den Umschwung bewirkt haben? Der warme Empfang in Edinburgh und Glasgow? Die herzliche Umarmung von Papst Benedikt und dem anglikanischen Primas Rowen Williams einen Tag später in London? Jedenfalls verstand man selbst im päpstlichen Gefolge die angelsächsische Welt nicht mehr.

Die Times feierte den “Holy Grandfather”

Selten ist bei einem Auslandsbesuch des Papstes die Stimmung in den Medien wie auf der Straße so gekippt wie jetzt. Wochenlang hatten die Leitmedien wie auch Gruppierungen von Laizisten und Atheisten einen Minengürtel um den Staatsgast gelegt. Doch als der Papst abreiste, hatte er die Herzen erobert. Die Times feierte den “Holy Grandfather” und selbst gestandene Atheisten schrieben – nachträglich! – in den großen Zeitungen, dass man Benedikt XVI. nicht so verbissen, sondern gut britisch auch etwas toleranter hätte empfangen können. Für vier Tage war Benedikt XVI. in gewisser Weise der Papst aller Briten, auch der Anglikaner. Zumindest emotional war plötzlich die Mehrheit katholisch, die Protestierer waren in der Minderheit. Am Samstag konnten die Londoner abstimmen. Papstgegner gingen zu “Protest the Pope” in der Downing Street, Papstanhänger in den Hyde Park zum Abendgebet mit Benedikt. Zehntausend hörten vor dem Regierungssitz die Bannflüche Richard Dawkins, acht Mal so viele feierten mit Benedikt. Acht zu eins, mit diesem Sieg kann die katholische Kirche in einem mehrheitlich säkularisierten Land sehr gut leben.

Das Gemeinsame stand im Vordergrund

Der Papst hatte der Queen seine Aufwartung gemacht, er war Gast der anglikanischen Staatskirche, in Westminster feierten beide Konfessionen einen ergreifenden ökumenischen Gottesdienst. Selbst die Seligsprechung des Konvertiten Newman geriet nicht im Geringsten zu einer antianglikanischen Geste. In England war Benedikt XVI. einmal mehr Pontifex, Brückenbauer. Das Gemeinsame stand im Vordergrund. Das Zeugnis für Jesus Christus bei Anglikanern und Katholiken, aber auch der säkularisierten Gesellschaft reichte der Papst die Hand. Eindrucksvoll legte er in Westminster Hall, dem Ort, wo Thomas More sein Todesurteil vernahm, dar, dass die Religion kein Problem sei, das beseitigt werden müsse, sondern vielmehr zu den Grundlagen gehöre, die auch eine moderne Gesellschaft zusammenhalte. So wie Benedikt XVI. den Traditionalisten in der Piusbruderschaft weit entgegengekommen ist und ihre vier Bischöfe vom Kirchenbann befreit hat, so suchte er auch in England nicht die Spaltung. Wie sehr hätte das Gedenken an den Märtyrer Thomas More oder Kardinal Newman Anlass sein können, der Staatskirche Englands und den Anglikanern nochmals den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Keine Spur davon. Der Papst wollte heilen, nicht verwunden. Die Engländer haben das erspürt.

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