Einen Opel braucht niemand. Das werden die Autofans unter Ihnen sicherlich bestätigen. Thilo Sarrazin

Unterwegs von Deutschland nach Deutschland

Ein sehr persönliches Dokument wird zur spannenden Zeitreise: Mit dem Jahr 1990 begann Grass sein bis heute anhaltendes intensives Notieren. Beobachtungen und Gedanken zur Wende von Günter Grass.

Nach dem Mauerfall war Deutschland im Umbruch, und Günter Grass wollte nah dran sein an der Stimmung unter den Menschen und den politischen Debatten. Er war viel unterwegs in der Noch-DDR, war präsent, wo über die Zukunft und den Prozess der Wiedervereinigung gesprochen wurde, pflegte einen regen Austausch mit seinen Kindern und Freunden. Das Tagebuch von Günter Grass gibt Einblicke in den Alltag eines Zeitgenossen, der im Bewußtsein des historischen Moments leidenschaftlich lebt und streitet, steckt voller Begegnungen, Beobachtungen und Gedanken.

Von Berlin nach Leipzig, am 20.2.90

Vorbei an einem großräumigen Truppenübungsplatz (Jüterbog). Ein von Panzern zerwühltes Gelände, spärlich von Birken und Kiefern bestanden. An einem Bahnhof mit weiß übermalter Ortsbezeichnung vorbei: der stehende Güterzug, beladen mit Panzern und Kettenfahrzeugen und großkalibriger Artillerie. (Sowjetische Einheiten vor dem Abtransport?) “Ein Schnäppchen machen”. Dieser Ausdruck, den Steidl nutzt, wenn er ein Nebenrecht wahrgenommen oder bei Künstlern einige Probedrucke oder Skizzen abgestaubt hat, ließe sich auf die DDR anwenden, sobald westdeutsche Wirtschaftsführer von möglichen Investitionen oder Politiker immer offener vom “Anschluß” reden. Kolonialherren, im Zugriff geübt. Beschämend, was diesen ausgepowerten, verängstigten Menschen zugemutet wird.

Dresden-Radebeul, am 2.3.90

Gut war die Veranstaltung gestern im Puppentheater in Dresden mit Baby Sommer, der, weil in seiner Heimatstadt, sogar Lampenfieber hatte. Die anschließende Diskussion und auch die Gespräche davor und danach machten mir deutlich, dass jene in der DDR bisher verdeckte, nun unverbraucht und offen zutage tretende rechte Mentalität, die sich nationalistisch, fremdenfeindlich, antisemitisch, vulgärmaterialistisch und insgesamt intolerant ausspricht, stärker ist, als ich befürchtete. Die vorausgesagte SPD-Mehrheit ist ernsthaft gefährdet. Hinzu kommt, dass alle Gruppierungen, die hier als stille Opposition überwintert haben und schließlich den Wechsel erzwangen, nun erschöpft, wie ohne Initiative sind, misstrauisch unter- und gegeneinander. Die letzte Station, Karl-Marx-Stadt, demnächst wieder Chemnitz, steht bevor.

Karl-Marx-Stadt, am 2.3.90

Der riesige Marx-Kopf vor dem Gebäude des “Rates des Bezirks”. Er soll verkauft werden, damit mit dem Erlös die Rückbenennung der Stadt finanziert werden kann. Die Veranstaltung im Museum mit Imbiss (zuvor) in einem der Ausstellungsräume. Der Museumsdirektor ist ein ehemaliges SED-Mitglied. Er spricht offen und doch gehemmt darüber. Kürzlich war Kohl hier und hat die Masse im Sportpalast-Stil gefragt: “Wollt Ihr die Einheit Deutschlands? Wollt Ihr unseren Wohlstand?” – Vulgärer geht es nicht.

Cottbus, am 17.4.90

Wurde Bahnhof Zoo abgeholt. Zwei Stunden Fahrt nach Cottbus. Wir essen mit Jimmi Metag im Hotel Lausitz. Später mit Metags Freundin im Cottbuser Hof. Sie ist Oberbuchhalterin in einem Betrieb, der mit Spermien von Bullen und Ebern handelt. Beide sind mit mir sicher, dass der geplante Währungsschnitt (1. Juli?) ein Schuss in den Ofen sein wird, weil die DM (so heiß ersehnt) sofort für westliche Produkte und für Westreisen – Paris, Italien, Spanien – ausgegeben wird, also wieder in den Westen abfließt, ohne die DDR-Wirtschaft zu beleben. Im Gegenteil: alle hier erwirtschafteten Produkte werden unverkäuflich, Firmen werden Pleite machen, auch solche, die sich durchaus hätten entwickeln können.
Westdeutsche “Investoren” sind bei Besichtigung von DDR-Betrieben nur am Vertrieb interessiert. Zu erwarten ist ein Heer von westdeutschen Verwaltungsjuristen (bei Einrichtung der Länder): Kolonialbeamte. Die Menschen in der DDR werden wieder “die Angeschmierten” sein.

Von Büchen nach Berlin, am 2. Oktober 90

Die letzte Eisenbahnfahrt mit der “Reichsbahn” durch die Noch-DDR. Ute bemerkt die schmutzige Toilette. Beide leiden wir unter der Kälte im Abteil. Draußen huschen die Dörfer (wie vergessen) vorbei. Zerfallene Scheunen, geduckte Kirchtürme, wie letzte Zuflucht. Das Mangelland wird noch lange seinen Zustand aufrecht erhalten: schneckengetreu, denn die von der Geschichte und ihren Tatsachenbehauptungen übersprungenen Phasen beeilen sich nicht.
Lese Zeitungen: FAZ, „Süddeutsche“, FR. Das Ende der Nachkriegszeit und der Nachkriegsliteratur wird (als Wunschvorstellung) behauptet. Der etwa 30jährige Schirrmacher, ein Reich-Ranicki-Eleve, gibt beschwörend den Ton an, als wolle er sich freischwimmen von meiner, der Vätergeneration, bleibt dabei vorsichtig in Ufernähe, denn man weiß nie…

In Berlin steht mir der Reichstag bevor: die Grünen und das Bündnis 90. Ob ihnen meine graustichige Rede Trost und Schnupftabak sein kann? – Danach fürs Fernsehen, Zweites Programm, letzte Worte vor der Vereinigung mit Bahr, Schäuble, Stürmer und mir. Dann schnell raus aus dem beginnenden Trubel nach Friedenau in die rettende Niedstraße.

Diese Wiederholungstäter! Schon wieder soll eine Stunde Null ausgerufen werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolfgang Thierse, Karl-Heinz Paqué, Michael Lühmann.

Leserbriefe

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