68er-Rhetorik nichts als Quatsch und Phrasendrescherei

von Günter Albrecht Zehm19.10.2018Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Historische Täter – so auch Karl Marx – seien in der Regel keine frechen Lügner, sondern Idealisten, deren Gesagtes aber immer in der puren Banalität enden würde. Was ist dran am Vorwurf von Günter Zehm?

Vom „jungen Marx“, dem noch stark von Hegel und Feuerbach geprägten, später so folgenreichem Sozial- und Revolutions-Ideologen Karl Marx, stammt der Begriff von den „heroischen Illusionen“. Historische Täter, so Marx, müßten sich, um öffentlich auffällig zu werden und ihre Ziele (und sich selbst) durchsetzen zu können, unabwendbar der „heroischen Illusion“ hingeben, also Täuschung verbreiten, die zum guten Teil auch Selbsttäuschung sei. Es seien in der Regel keine frechen Lügner, sondern „Idealisten“; ihr Wort künde von edlen Sachen, was aber am Ende herauskomme, sei die pure Banalität.

Marx demonstrierte seine Theorie am Beispiel der französischen Revolutionäre von 1789, den „Käsehändlern“, wie er sich ausdrückte, Mittelstand und Kleinbürger. Sie wollten ihren Reden zufolge „die Welt befreien“, ein „Reich der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aufrichten“, m Wirklichkeit sei es aber nur um die staatliche Erlaubnis gegangen, für ihren Käseladen einige weitere Schaufenster eröffnen zu dürfen – was sie am Ende ja auch erreicht hätten, nach Guillotine, Völkertumult und napoleonischen Kriegen.

Vielleicht wäre es heute an der Zeit, einmal die Taten, Erfolge und Illusionen unserer 68er unter dem jungmarxschen Okular etwas genauer zu betrachten. Ihrer wird ja in diesem Jahr (fünfzigster Jahrestag!) in sämtlichen Medien derart dröhnend und umfänglich gedacht, daß man glauben könnte, hier würde ein historisch ungeheures, ja geradezu welthistorisch bedeutsames Ereignis wieder erinnert. Seine Protagonisten werden bis hinab zum letzten Mitläufer in gründlichster Ausführlichkeit ausgeleuchtet, so als handle es sich um Heiligenfiguren von höchster Gelehrsamkeit und tiefster Menschenfreundlichkeit.

Dabei wäre (in der Optik von Marx) zunächst einmal festzustellen, daß es sich bei allen Beteiligten nicht einmal um erfolgreiche Käsehändler gehandelt hat, daß ihre Illusion von der bevorstehenden Weltbefreiung auch nicht die geringste reale Unterlage gehabt hat. Der von ihnen bis aus Messer bekämpfte Kapitalismus ist seit 1968 in unglaublicher Weise aufgeblüht und hat mittlerweile auch die ehemaligen, zu 68er Zeiten noch kommunistisch regierten Staaten vereinnahmt, einschließlich der DDR nach der deutschen Wiedervereinigung.

Westdeutsche Großintellektuelle etwa Hans Magnus Enzensberger haben trotzdem
die Mär verbreitet, erst das Erscheinen und die Aktivitäten der 68er hätten die Bundesrepublik Deutschland zu einer „wahrhaft demokratischen Gesellschaft” gemacht, vorher habe es nur „Nazischeiße und Obrigkeitsstaat” gegeben. Gleich mehrmals bekräftigte er das seinerzeit in einem großen Interview mit der Zeit. „Die Studentenrevolte hat die Bundesrepublik Deutschland überhaupt erst bewohnbar ge¬macht. Vorher war sie unbewohnbar (. . .) Die Studentenrevolte war zivilisatorisch eine Notwendigkeit. Dazu stehe ich nach wie vor”.

Dabei hatte er vorher im selben Interview bekräftigt; daß die ganze 68er-Rhetorik „von oben bis unten nichts als Quatsch und Phrasendrescherei” gewesen sei. Was er nicht sagte, war die Tatsache, daß es just jener Quatsch und jene Phrasen der 68er waren, die Ereignisse nach sich zogen, die weite Bereiche der BRD zeitweise an den Rand der Unbewohnbarkeit brachten. Man beließ es ja nicht bei Phrasen, sondern schritt umgehend zur terroristischen Tat. Eine Weile beschränkte man sich dabei noch auf „Gewalt gegen Sachen”, aber schnell verwischten sich die Grenzen zwischen Sachen und Personen, denn diese, sofern mißliebig, seien ja gar keine richtigen Personen, hieß es bei den sit-ins und teach-ins, sondern „Charaktermasken”, die man getrost zerstören, das heißt demütigen, anspucken, verprügeln, töten dürfe.

Unzählige wohltätige Institutionen wurden damals „umfunktioniert” oder gleich vollständig kaputtgemacht: Universitätsinstitute, Kunstvereine, wissenschaftliche Gesellschaften, Verlage. Dozenten und Multiplikatoren wurden, sofern sie sich nicht dem Jargon der Quatschköpfe und Phrasendrescher anpaßten, von ihren Kathedern vertrieben oder gar in den Wahnsinn gehetzt, wobei es, wie in solchen Fällen üblich, vor allem die mutigen und hoch qualifizierten traf, darunter manch zurückgekehrten Emigranten, der einst vor den Nazis geflüchtet war und nun zum zweiten Mal Deutschland in Richtung Amerika verließ.

Man macht sich heute kaum noch eine adäquate Vorstellung von der Absurdität der Rituale und marxistischen Sprachbilder, die anno ’68 ins deutsche Geistesleben einbrachen.
Gottlob kam die Bewegung vor den Fabriktoren zum Stehen, sonst hätten wir im Westen wohl eine zweite „Volksdemokratie” von der Art der DDR bekommen. Die Arbeiter, die „Harthütte“, zeigten den studentischen Agitatoren die kalte Schulter und ließen sie nicht in die Werkhallen hinein. Sie und niemand anders retteten damals die alte Bundesrepublik.

Die 68er ihrerseits entblödeten sich nicht, in ihren Schulungen zahllose von der SED im Schulunterricht der DDR verwendete Polit-Lehrbücher zu verwenden und weiterzuempfehlen. Viele 68er wurden Stasi-Agenten und lieferten regelrechte Spitzelberichte aus dem Inneren der Bewegung. Das Ostberliner SED-Regime finanzierte auf üppige Weise 68er-Zeitungen wie konkret und bot Mördern und Brandstiftern der so genannten „zweiten Generation“ der 68er, die von der westdeutschen Polizei gesucht wurden, Fluchtmöglichkeit, Unterschlupf und Erholungsaufenthalt unter falschem Namen in verschiedenen Städten der DDR.

Ein Wichtiges Moment der Zusammenarbeit zwischen 68ern und SED/Stasi bot auch der „gemeinsame antiisraelische Kampf“ und die Unterstützung des damaligen palästinensischen Terrors gegen Israel. Junge 68er, die unbedingt mit der blanken Waffe gegen den imperialistischen Klassenfeind kämpfen wollten, wurden mit Hilfe der Stasi an palästinensische Ausbildungslager vermittelt und bekamen dort neben der militärischen Ausbildung auch noch sämtliche Tricks und Hinterhältigkeiten des unerklärten Partisanenkriegs beigebracht. Berichte von Leuten die dabei waren, wie Bettina Röhl oder Stephan Aust, vermitteln darüber beinahe unglaubliche Einsichten.

Bettina Röhl war es auch, die kürzlich (in einem Interview mit dem Spiegel) sehr überzeugend darauf hingewiesen hat, daß die deutschen 68er nichts weniger waren als eine exklusive, speziell gegen deutsche Verhältnisse protestierende Truppe; sie waren lediglich die deutsche Variante eines Phänomens, das den ganzen demokratischen, wirtschaftlich gerade damals mächtig vorankommenden „Westen“ befallen hatte: „Wohlstandsverwahrlosung“, wie sie es nennt. Auch im übrigen Europa, in den USA oder in Japan gab es solche Bewegungen, und sie waren ortsweise noch sehr viel rabiater als in Westdeutschland.

„Blumenkinder „hießen sie in Kalifornien, „action directe“ in Frankreich, „Rote Brigaden“ in Italien, aber ihr Ziel war in allen Ländern das gleiche: die „Zerschlagung“ teils bürgerlicher, teils uralter kultureller Traditionen, das Wegräumen kultureller Übereinkünfte zugunsten von massenzivilisatorischen „Errungenschaften“. Anti-Vietnam, Vergangenheitsbewältigung, Kampf gegen Notstandsgesetze, gegen Faschismus – alle diese Parolen dienten als Vorwand und Windmacher, um den Furor der Zerschlagung und der Entsublimierung in Gang zu bringen und in Bewegung zu halten.

In den gegenwärtigen medialen Beiträgen „zum fünfzigsten Jahrestag der 68-Revolution“ geht es immer wieder um die angeblich hochgeistigen, hochschulphilosophischen Wurzeln der Bewegung speziell in Deutschland; man erinnert an die „Frankfurter Schule“, an Theodor W. Adorno. Aber gerade das Schicksal Adornos offenbart sowohl die internationale Weite als auch die geistige Düftigkeit der Bewegung. Ihre Ur-Implse kamen aus China und aus den USA, wo sich die „Kulturrevolution” von Anfang an als Abräumaktion zu erkennen gab, als bewußte Abkehr von der Tradition, als planmäßige Vernichtung alt eingeschliffener Kulturpraktiken und als flächendeckende Entsublimierung.

In Deutschland freilich war ihr Einfluß beträchtlich, nachdem sie auch hier einmal Fuß gefaßt hatte. Der psychoanalytisch denunzierende Duktus der Adornoschen „Soziologie”, ihre Intention, moderne Bürokratie und Profitwirtschaft faktisch mit „Faschismus” in eins zu setzen und die Abräumaktionen als längst fällige, bisher angeblich vollkommen verdrängte Abrechnung mit den Vätern und ihrer „untilgbaren Schuld” auszugeben, machte ungeheuer Schule und verschaffte den 68ern einen moralischen Feldvorteil, den sie anderswo nicht hatten. Nirgendwo gelang der „Marsch durch die Institutionen” (Dutschke) so gut wie im Zeichen der Frankfurter Schule – und es war nur konsequent, daß er auch vor dem eigenen Institut nicht haltmachte, ja, gerade dieses aufs Korn nahm und seinen Direktor Adorno (Horkheimer hatte sich rechtzeitig in die Schweiz abgesetzt) in gröbster Weise attackierte und demütigte.

Das Institut wurde „besetzt”, Adornos Vorlesungen gesprengt beziehungsweise in obszöne Happenings „umfunktioniert”. Die „Kritik” verwandelte sich selber in Bürokratie und „(Links-)Faschismus” (Habermas). Statt feinsinniger Musik-Analysen setzte es nur noch „Vollversammlungen”, „Strategiedebatten”, Gewaltaktionen gegen Hochschullehrer, gerade auch gegen liberal oder sozialistisch gesinnte. Adorno floh, nachdem er die Polizei hatte rufen und einen Kriminalprozeß gegen seinen Lieblingsschüler Hans-Jürgen Krahl hatte führen müssen, in den vorgezogenen Semesterurlaub, wo er dann einen Herzinfarkt erlitt, zu Tode gehetzt von seinen eigenen Schülern.

Der erklärte Hauptfeind der 68er in Deutschland war der Verleger Axel Springer. Springer seinerseits sah sie – völlig richtig – lediglich als die andere Seite jenes kommunistischen Staats-Imperialismus, dessen Charakter ihm bei jedem Blick aus den Fenstern seines Berliner Büros direkt an der Mauer tagtäglich vor Augen lag. Er hatte nichts dagegen, daß in den von ihm verlegten Blättern Ostflüchtlinge und Dissidenten wie Maximow oder Amalrik abgedruckt wurden und ihre Kritik ungehindert zu Wort kommen durfte und auch über die Taktiken der 68er in Westberlin ausführlich und anschaulich geschrieben wurde.

Beides wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde regelrecht überzogen mit übelsten Boykottmaßnahmen gegen seine Zeitungen, Brandanschlägen und Mordversuchen. die ihm außerordentlich zusetzten und sein Leben wohl verkürzten; die ersehnte Wiedervereinigung erlebte er nicht mehr. Im Grunde erging es ihm ähnlich wie Adorno. Beide waren mit Freunden, beziehungsweise Feinden konfrontiert, die kein Maß und keine Moral mehr kannten und sich dennoch für echte Gutmenschen und Befreiertypen hielten. Hoffentlich ändert sich so etwas bald einmal.

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