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Es gibt keinen Grund für Optimismus

Das hat es bisher wohl noch nicht gegeben; daß ein Buchautor – kein Belletrist, kein Spaßmacher sondern ein so genannter Politologe, vom Anspruch her also ein ernsthafter Wissenschaftler – einen langen Sermon über die aktuelle Weltlage abliefert – und dann am Ende ein Kapitel nachreicht, in dem er alles, was er soeben geschrieben hat, aufs Schärfste dementiert, es zur bloßen Chimäre erklärt.

Die Rede ist von Richard David Prechts neuem Opus „Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ (erschienen im Goldmann Verlag, München 2018, gebunden, 284 S., 20.00 Euro). Die ersten elf Kapitel unterscheiden sich in der Thematik und im Ton kaum von der seit langem üblichen linken, scharf antikapitalistischen Polit-Rhetorik, nur daß hier, ganz à la mode, die Digitalisierung entschieden in den Mittelpunkt gerückt wird. Precht preist sie als „technische Revolution 2.4“, benennt aber auch die „humanitären Defekte“, die sie mit sich bringt. Der Digitalisierungsprophet „Silicon Valley“ muß manchen Rüffel einstecken.

Prechts eigene Position faßt er in sechs Punkten zusammen: Erstens soll für alle deutschen Staatsbürger endlich das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt werden. Zweitens sollen die Privatsphäre des Bürgers und seine informelle Selbstbestimmung endlich solide geschützt werden. Drittens soll jeder Bürger ohne jeden kommerziellen und bürokratischen Aufwand an die „digitale Grundversorgung“ heran gelassen werden – als da sind Suchmaschinen E-Mail-Verkehr, Sprachassistenten, soziale Netzwerke.

Viertens und fünftens fordert Precht, daß jederlei Änderung digitaler Geschäftsmodelle in Sachen künstliche Intelligenz, ob nun vom Staat oder von großen Konzernen betrieben, sofort und gänzlich öffentlich gemacht und so der Kontrolle der Bürger unterstellt werden. Die Idee der „Gemeinwohlökonomie“ soll endlich real durchgesetzt werden, damit das von den Geologen behauptete gegenwärtige „Anthropozän“, also die Herrschaft des Menschen auf der Erde, welches bisher doch nur ein „Monetozän“, eine Herrschaft des Geldes, gewesen sei, ihrem Namen gerecht werden kann.

Forderung Nummer sechs schließt sich da gewissermaßen seinslogisch an: Die Menschheit, so heißt es, soll sich zu strikter Nachhaltigkeit verpflichten „zur Schonung natürlicher Ressourcen auch und gerade angesichts digitaler Innovationen“. Pankraz war versucht, das Buch an dieser Stelle achselzuckend aus der Hand zu legen. Was soll`s, fragte er sich; wieder einmal ein Gutmenschengeaseire olus erhobenem Zeigefinger, angestimmt ohne konkrete Kenntnis des Lebens oder in bewußter Ignoranz dagegen, wie das bei denen halt üblich ist. So was gibt’s schon lange im Dutzend billiger.

Aber da war noch ein Schlußkapitel mit dem irritierenden Titel „Nachtgedanken“, Untertitel: Die Digitalisierung trifft die ganze Welt“. Und dort am es knüppeldick. Der ganze bisherige Text, so erfuhr man, sei ja nichts anderes als die Entfaltung einer bloßen Utopie, ,also – wörtlich übersetzt – eine Erzählung aus dem Lande Nirgendwo. All die dort angesprochenen Themen seien ja nur in einem Kreis grundsätzlich übereinstimmender „Kritiker“ versprachlichbar. Die „Jäger und Hirten“, will sagen: die ungeheure Mehrheit der Menschheit, hätten doch ganz andere Sorgen und folglich auch ganz andere Sprachen!

Bezeichnenderweise findet der Autor diese an sich nahe liegende Einsicht als bestürzend und Schrecken auslösend; deshalb der Titel „Nachtgedanken“. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die in diesem Schlußkapitel geäußerten Gedanken nicht dem kritischen Alltag am Laptop entsprungen seien, sondern den Träumereien und Halbschlafeinfällen des Im-Bettliegens. Auf keinen Fall möchte der Autor mit ihnen identifiziert werden. Das sei ja llles, schreit es geradezu aus ihm heraus, der reinste Pessimismus. Er aber, Precht, sei überzeugter Optimist, Daran werde sich nie nie etwas ändern.

„Während der Optimist Mut braucht“ schreibt er, „kann es sich der Pessimist in seiner Feigheit bequem machen. Er benötigt nur genug von seinesgleichen, um sicher recht zu behalten“. Und dann die allerletzten Zeilen des Buches, ausdrücklich in Kursiv gesetzt: „Der Optimist jedoch, dessen Erwartungen sich nicht erfüllen, hat allemal ein sinnvolleres Leben geführt als ein Pessimist. der sich bestätigt fühlt. Pessimismus ist keine Lösung!“

Dem kann man nur sarkastisch hinzufügen; Nun, dann genieße mal schön dein sinnvolles Leben! Unterm Stich, gleichsam global und kosmologisch betrachtet, gibt es keinen Grund für Optimismus. Wir alle, jeder einzelne von uns, jedes Volk, die Menschheit und die Erde insgesamt sind vergänglich. Einmal schlägt jedem die Stunde, und wir verschwinden im Nichts. Nichts bleibt übrig, nicht einmal der Ruhm. Wer sich derlei klar macht, ist weder dumm noch feige, er ist allerdings auch kein banaler Pessimist, wie ihn Precht hinstellt.

Er ist, um mit Albert Camus zu sprechen, „heroischer Pessimist“. Im Grunde sind wir alle, selbst die auf Transzendenz-Hoffenden, heroische Pessimisten: wissend um unsere Endlichkeit und die Bitternis des Abschieds – und trotzdem gelassen bleibend, Panik vermeidend, für uns und unsere Nächsten Sorge tragend wie für die Ewigkeit, den Gobal- und Totalentwürfen der Kritiker“ spontan mißtrauend, sie als Ausdruck wahrer Feigheit durchschauend.

Die Stunde für die Bewährung des heroischen Pessimismus kommt wenn es gilt, eine begrenzt-konkrete Lebens-Situation gegen global-gleichmacherische Angriffe zu verteidigen. Meist handelt es sich dann um winzige Grüppchen, die gegen größte Übermachten antreten müssen. Sie haben ihre Niederlage genau im Auge, wissen um die Vergeblichkeit ihres Kampfes – und kämpfen dennoch bis zum Tode. Letztlich ist das absurd, doch just in dieser Absurdität, meinte Camus, zeige sich die wahre Würde des Lebens.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Günter Albrecht Zehm: Haben wir überhaupt noch Eliten?

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