Jeder Herrscher braucht Verbündete. Je größer die Verantwortung, desto mehr Verbündete braucht er. Silvio Berlusconi

Eine Fußnote in der Geschichte?

Die Zeit für die Kanzlerin Angela Merkel ist abgelaufen, wie lange ihr offizieller Abgang auch noch hinausgezögert werden mag und mit welchen Tricks. Eifrige Historiker fragen bereits nach dem „historischen Format“, das sie hinterlassen wird.

War sie wirklich – wie es phasenweise in den Medien hieß – eine der fünf mächtigsten Persönlichkeiten der Erde, gleichauf mit den Präsidenten der USA, Chinas und Rußlands und mit dem Papst? Oder war sie nur eine ambitiöse kleine Phrasendrescherin, die sich überall in Europa Feinde machte und damit wider Willen den Untergang der EU einleitete?

Wahre historische Größe oder beiläufige Fußnote in den Geschichtsbüchern – das ist nun die Frage. Zwischen beiden Positionen liegen üblicherweise keine vielen Einzelstufen, die zu diffizilen Abwägungen einladen, sondern man ist in den Augen der Historiker entweder das eine oder das andere. Wichtig ist für sie weniger der Blick auf das Gesamtbild der Akteure als vielmehr die Art, wie diese sich in einer anstehenden Situation entscheiden. Merkels „Willkommenskultur“ von 2015 hat ihr historisches Format mit Sicherheit mehr geprägt als all ihre sonstigen Maßmahnen oder Nichtmaßnahmen vorher oder nachher.

Ob das direkt an ihr selber liegt, mag dahingestellt bleiben. „Zeit für Größe“, schrieb der große Schriftsteller und Kriegsberichterstatter Theodor Fontane in seinem „Stechlin“, „kann nur entstehen, wenn’s beinah schief geht, wenn man jeden Augenblick fürchten muß: Jetzt ist alles vorbei“. Und der große Essayist Gotthold Ephraim Lessing warnte in seinen Überlegungen über das Wesen der Fabel davor, historische Größe für ein Glück zu halten; sie sei viel öfter mit schrecklichem Unglück akkordiert, sowohl für den Täter selbst als auch für die vielen, die seine Taten hinnehmen müssen.

Viele Nachdenker und Dichter glauben sogar, daß der Trend zum Verhängnis direkt im Wesen des großen Täters angelegt ist. „Sie täten gern große Männer verehren, / Wenn diese nur auch zugleich Lumpen wären“, dichtete Goethe, selber ein großer Mann, in seinen „Zahmen Xenien“. Und Nietzsche stimmte ihm in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ begeistert zu: „Große Männer sind wie große Zeiten“, notierte er, „es sind Explosivstoffe, in denen eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist“. Und er sprach dabei ausdrücklich über Größe in Literatur und Wissenschaft, nicht nur über Staatsaffären.

Historische Größe beschränkt sich in der Tat ja keineswegs auf siegreiche Feldzüge und spektakuläre Staatsaktionen. Auch wissenschaftliche Entdeckungen und Erfindungen gehören dazu, und auch sie tragen ein Janusgesicht, schwanken zwischen gut und böse, Glück und Verhängnis. Man denke nur an die großen abendländischen Entdeckergestalten der frühen Neuzeit in Amerika, Afrika und Ozeanien, welche nur allzu oft völlig moralfreie Abenteurer waren, goldgierige Galgenvögel, die über Leichen gingen. Und so mancher große Erfinder war kaum anders, warf skrupellos Giftgas und Drogenpillen auf den Markt.

Große Männer waren in allen Lebenslagen schon zu Homers Zeiten (!) ein Problem, und schon damals kam die Frage auf, ob es für die Menschen nicht besser gewesen wäre, wenn es in ihrer Geschichte nicht so viele große Männer und dafür mehr große Frauen gegeben hätte. Es kursierte in der antike ein pseudo-homerischer Papyrus, die „Baztrachomyomachia“ (zu deutsch: „der Froschmäusekrieg“) in dem es darum geht und den Georg Rollenhagen (1549 bis 1609) ins Deutsche übersetzt und im gut lutherischen Geist kräftig erweitert hat. Aber darin steht: „Großen Männern und schönen Frauen / soll man gern dienen und wenig trauen“.

Mit anderen Worten: Mann oder Frau – es läuft letzten Endes auf dasselbe hinaus. Maria Theresia, die Gemahlin des deutschen Kaisers, Herrscherin über Österreich-Ungarn und Widersacherin des preußischen Königs Friedrich II. (Friedrich der Große), war nicht nut schön, sondern sie hatte auch eine Menge Töchter, die sie alle strikt herrscherlich erzog und, sobald sie einigermaßen heiratsfähig waren, per Eheschließung auf zahlreichen Thronen platzierte und so ihre eigene Macht ungemein festigte. Auch die langjährige russische Zarin Katharina die Große setzte ihren Sex ungeniert als Herrschaftsinstrument ein.

Angela Merkel hat weder viele Töchter noch agiert sie mit den Mitteln einer Sexbombe, verfügt aber wohl über genügend Erfahrung und Machtbewußtsein, um mit den übrigen oben genannten fünf aktuellen Großen der Politik in einer Reihe zu erscheinen. Wenn sie trotzdem Gefahr läuft in künftigen Geschichtsbüchern lediglich als Fußnote zu erscheinen, so liegt das nicht zuletzt daran, daß die Karten für speziell politische Größen heute in Zeiten des Fernsehens und des Internets ohnehin nicht sehr gut aussehen. Größenpartner wie Donald Trump oder Wladimir Putin haben noch viel schlechtere als Merkel.

Hinzu komm allerdings bei ihr, daß sie von vornherein durch teils natürlichen, teils bloß eingebildeten Ressourcenmangel in ihren Aktionen scharf eingeschränkt war. Wie predigte einst der romantisch-realistische Dichter Ludwig Uhland in seinem Poem „Roland Schildträger“? „Ein kleiner Mann, ein großes Pferd, / Ein kurzer Arm, ein langes Schwert / Muß eins dem andern helfen …“ Merkels Arme waren für die große Politik zu kurz, und sie wuchsen während ihrer Regierungszeit um keinen Zentimeter. Und das Schwert, mit dem sie herumhantierte, war viel zu kurz.

Das stolze Pferd namens „Europa, auf dem sie zu sitzen glaubte (und offenbar weiterhin glaubt), ist in Wirklichkeit ein hölzernes Schaukelpferd im Spielzimmer eines Erstkläßler-Internats, dem sie die Buchstaben EU auf die Kruppe gemalt haben und auf dem je nach momentaner Laune jedes Klassenmitglied „reitet“, sofern nur die Fernsehkanäle eingeschaltet sind und zumindest ein Medienvertreter des Mainstreams anwesend ist. Im Grunde ist dergleichen nicht einmal eine Fußnote im Buch der Geschichte wert.

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