Sexuelle Übergriffe sind nackte Gewalt

Günter Albrecht Zehm5.02.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Eros, verkündet Diotima, Urheber allen Begehrens nach vollkommener Zweisamkeit und körperlicher wie geistiger Vereinigung, ist weder gut und schön noch schlecht und hässlich, er ist kein Gott, sondern ein „Dämon“. Er kann den Menschen „nur“ helfen zueinander zu finden und sich wirklich kennen zu lernen.

Fund mit Seltenheitswert: der Essay von Leslie Jamison im Magazin der „New York Times“. „Weiblicher Zorn“ heißt sein Beitrag, und er schildert faktenträchtig und in nüchternstem Tonfall, dass die Entfaltung weiblicher Wut die Frauen nicht glaubhafter und auch nicht schöner macht, sondern sie schlimmstenfalls in eine Art Monster verwandelt, in keifende Megären, die am Ende in hysterisches Weinen ausbrechen, „so als würde ihr Körper“, so Jamison, „sie zu dem Gefühl zurückzwingen, mit dem sie in aller Regel assoziiert werden –Traurigkeit.“

Bei der Lektüre wird man an eine Affäre erinnert, die in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begann, also auf dem Höhepunkt der so genannten 68er Kulturrevolution – und die dann in den Achtzigern in einen wahren Tränenstrom einmündete, welcher damals viel Mitgefühl, aber auch höhnisches Gelächter auslöste. Protagonistin war Susan Brownmiller (heute 82) eine – wie man so schön sagt – „Aktivistin der ersten Stunde“, die im Rückblick geradezu als Begründerin des aggressiven Feminismus gelten kann, auf jeden Fall das literarische Schlüsselwerk dazu verfasste.

In Deutschland erschien das Opus 1978 im S. Fischer Verlag unter dem Titel „Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft“, und es liest sich heute, als sei es erst vor wenigen Wochen geschrieben worden, als brühwarmes verallgemeinerndes Donnerwort zu all den gegenwärtigen tagtäglichen Enthüllungen meist lange zurückliegender männlicher Handgreiflichkeiten. Sexuelle Übergriffe, so Brownmiller, hätten im Grunde nichts mit Sexualität zu tun, sie seien „nackte Gewalt“, bloße Instrumente der Machtausübunug über Frauen, und diese müssten sich endlich mit allen Mitteln dagegen wehren.

Jahre vergingen, und 1984 erschien, diesmal zeitgleich in den USA und in der BRD, hierzulande wiederum bei S. Fischer, ein neues Buch von Susan Brwonmiller, diesmal mit dem knappen Titel „Weiblichkeit“ – und leidenschaftliche Brownmiller-Leser waren verwirrt, ja geradezu verstört. Nicht die geringste Aggressivität mehr gegen das „männliche Prinzip“ vielmehr fragte jetzt Susan, ängstlich zwitschern: „Warum werden immer mehr Männer in Amerika homosexuell?“ Und sie hatte auch gleich die Antwort parat: „Weil wir Frauen nicht mehr appetitlich genug sind!“

„Jahrzehnte lang! so führte sie aus, „haben wir auf die Männer eingedroschen, haben sie beschimpft und sie immer nur mit unseren eige¬nen Sorgen behelligt – und heute nun blinzeln wir verdutzt aus unserer grauen, grobmaschigen Gesundheitsunterwäsche, denn die Männer sind einfach nicht mehr da. Und wir Frauen, alleingelassen, müssen rea¬lisieren, dass uns im Kampf ums Dasein auch noch die weichen, schwulen oder auf Unisex versesse¬nen Männer weit überlegen sind. Sie halten die Einsamkeit und die Gesellschaft unter ihresgleichen viel bes¬ser aus als wir armen Frauen. Wir sind wieder einmal die Gelackmeierten.“

Als Gegenmittel empfahl Susan damals eine geballte Offensi¬ve neuer Weiblichkeit. Körper, Haar, Stimme, Bewegung, Klei¬dung, Blick und Gestik – alles müs¬se wieder typisch weiblich werden, natürlich weich, fein, rosig, mollig, mit einem Wort: verführerisch. „Die Frauen müssen wieder lernen, sich kätzchengleich in die Sofaecke zu schmiegen, der Familie ein gemütliches Nest zu bauen, den Beschützerin¬stinkt im Manne zu wecken. Sie müssen wieder mehr ihre ty¬pisch weibliche Psychologie zur Geltung bringen, die Kunst der Stärke durch Schwäche, den leichten Druck auf die Tränendrüse als Mittel der Überredung.“

Stärke durch Schwäche, Tränen statt Kreischen – der eingangs erwähnte Leslie Jamison scheint das in seinem Essay für eine Art „Quid pro quo“ zu halten. so als sollte im Kampf der Geschlechter auf Frauenseite als Erfolgsgarant die Schönheit an die Stelle der Weisheit treten. Brownmiller war in ihrem Buch „Weiblichkeit“ entschieden anderer Meinung, hielt Schönheit und Weisheit für tief miteinander verwandt, und sie hatte damit recht. Zur Stützung seiner Behauptung möchte er auf keinen geringeren als Sokrates und seine Diotima-Erzählung in Platons „Symposion“ verweisen.

Sokrates, Inbegriff des Weisheitslehrers weit über die antike Kultur hinaus, war mit Xantippe verheiratet einer unentwegt kreischenden Megäre, die alles besser wusste und ihm das Leben zu Hause schwer machte; man bräuchte sich nicht zu wundern, wenn sich bei ihm daraus eine gewisse Frauenfeindlichkeit entwickelt hätte. Als er aber im „Symposion“ nach dem Wesen der Liebe, des „Eros“, befragt wurde, wich er einer direkten Antwort aus und erzählte stattdessen von einem Besuch bei der hochberühmten Seherin Diotima, die er selbst einmal nach dem Eros befragt hätte und deren Antwort er hier so gut wie möglich wiedergeben wolle.

Diese von Sokrates überlieferte Rede der Diotima, einer ebenso schönen wie klugen Frau aus Mantinera in Arkadien, ist in die Geistesgeschichte eingegangen und strahlt bis heute noch. Der Eros, verkündet Diotima, Urheber allen Begehrens nach vollkommener Zweisamkeit und körperlicher wie geistiger Vereinigung, ist weder gut und schön noch schlecht und hässlich, er ist kein Gott, sondern ein „Dämon“. Er kann den Menschen „nur“ helfen zueinander zu finden und sich wirklich kennen zu lernen. Ob sie mit ihm glücklich werden, darüber entscheiden die Götter und – nicht zuletzt – sie, die Menschen, selbst.

Von Geschlechterkämpfen ist bei Diotima nicht die Rede; sie stehen quer zu jeglicher Erotik, bei der es im Gegenteil darauf ankommt, sich möglichst schön und klug zu machen, um beim Partner gut anzukommen. Sokrates stimmt Diotimas Ausführungen im Symposion, wie zu erwarten, vollinhaltlich zu, ergänzt sie freilich durch den Satz, dass die Liebe auch für den wissenschaftlichen Erkenntnisweg der beste Helfer des Menschen sei. Daher solle man sie – Xantippe hin oder her – immer in Ehren halten, sich auf ihrem Gebiet fleißig üben und sie aus der Politik heraushalten.

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