Wir können uns Zentralbanken fast schon als Geld-Elfen vorstellen. John Lanchester

Griff inʼs Klo

Unser Planet wird von Patenten überschwemmt, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Ein einfaches Gedankenexperiment zeigt, wo das Problem liegt.

Welchen Einfluss haben Patent-Trolle, Patent-Kriege oder das Patentrecht allgemein auf technologische Innovation? Eine interessante Frage. Innovation wird von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst, und solange uns weder ein akkurates Modell noch ausreichend Daten zur Verfügung stehen, ist es unmöglich, diese Faktoren auseinander zu dividieren.

Doch hinter der ersten Frage steht eine zweite, ernste und besorgniserregende Frage: Wie viele technologische Innovationen sind eigentlich noch übrig? Wie viele neue Ideen können entdeckt und kommerziell nutzbar gemacht werden? Haben wir die Spitze der Innovationspyramide bereits erreicht und müssen künftig mit geringerem Mehrwert rechnen?

Bei der ersten Frage geht es vor allem darum, wie das Geld zwischen den verschiedenen Parteien – Erfindern, Entwicklern, Firmen, Investoren – verteilt wird. Bei der zweiten Frage geht es ganz grundsätzlich um die Möglichkeit, die großen globalen Gesundheits-, Umwelt- und Arbeitsmarktprobleme zu lösen.

Sind alle neuen Innovationen wirklich wertvoll?

Regierungen und Firmen unternehmen derzeit wenig, um die Frequenz und Qualität von Innovationen zu messen. Das überrascht nicht: Die dafür notwendige technologische Kompetenz ist so hoch, dass sie weder in Behörden noch in der Wirtschaft zu finden ist. Doch ohne die entsprechenden Daten ist es unmöglich, den Einfluss der verschiedenen Faktoren zu unterscheiden. Wir wissen oftmals gar nicht, ob neue Innovationen wirklich wertvoll sind oder uns lediglich von PR-Abteilungen als wertvoll verkauft werden.

Ein Hinweis für die Qualität von Innovationen ist die Qualität der darauf vergebenen Patente. Man sollte meinen, dass die besten und wirtschaftlich rentabelsten Innovationen durch Patente geschützt werden. Leider wird die Qualität von Patenten aber fast nirgendwo gemessen. Kein Patentamt der Welt führt Buch über die Güte der dort vergebenen Patente. Internationale Organisationen wie OSZE oder IWF führen stattdessen Statistiken über andere Dinge – etwa die Anzahl von Patenten, die gemeinsam von Erfindern aus unterschiedlichen Ländern beantragt werden.

Vielleicht ist ein Grund für das Fehlen solcher Messungen, dass wir Angst vor den Ergebnissen haben. Seit dem Jahr 2000 haben Erfinder und Unternehmen über 22 Milliarden Euro ausgegeben, um über 2,5 Millionen Patente aufzukaufen. Die Forschungs- und Entwicklungskosten für dahinter steckende Innovationen belaufen sich alleine in den USA auf circa 600 Milliarden Euro. Das sind immense Kosten, doch niemand weiß wirklich, welche Qualität diese Patente haben und ob es sich daher gelohnt hat, so viel Geld für Forschung und Entwicklung auszugeben.

Patent-Trolle im IT-Bereich

Wenn man sich bei Experten umhört, bekommt man oft folgendes Fazit: Fünfzig Prozent aller Patente sind entweder nicht wirklich neu oder so offensichtlich, dass sie keinen innovativen Mehrwert bieten. Das bedeutet, dass seit der Jahrtausendwende elf Milliarden Euro für nicht innovative Patente ausgegeben worden sind. Wir sorgen uns also um Patent-Trolle und ihren Einfluss, während gleichzeitig durch Fehlmanagement gigantische Geldsummen verpuffen.

Besonders ausgeprägt ist dieses Problem im IT-Bereich: Zwischen 1984 und 2012 wurden Millionen von Patente auf analoge und digitale Elektronik vergeben. Zwei Drittel dieser Patente erhalten keinerlei Verweise auf vorher vorhandenes relevantes Wissen, sogenannte „prior art“. Das lässt vermuten, dass bei einer entsprechenden Untersuchung viele unterschlagene Ideen auftauchen würden und das Patent damit ungültig wäre. Denn nur wenn eine Innovation wirklich eine Neuheit darstellt und nicht lediglich vorhandenes Wissen neu verpackt, ist ein Patent gerechtfertigt. Schätzungen zufolge könnten bis zu 80 Prozent dieser Patente daher ungültig sein.

Qualität vor Quantität

Damit sind wir wieder bei der eingangs erwähnten Frage: Wie wollen wir den Einfluss von Patent-Trollen auf Innovationen messen, wenn wir keine Ahnung von der Qualität dieser Innovationen haben?

Seit über zwanzig Jahren sind wir auf dem qualitativen Auge blind. Neue Technologien können allerdings eine entscheidende Rolle bei der Lösung wichtiger globaler Probleme spielen. Höchste Zeit, die Augen aufzumachen.

Robert Gordon, ein Vertreter der Idee, dass wir den Scheitelpunkt der Innovation überschritten haben, stellt folgende provokante Frage: Wenn Sie die Wahl hätten zwischen der Technologie des Jahres 2002 inklusive moderner Sanitärtechnik oder der Technologie des Jahres 2013 ohne Sanitärtechnik, welche Welt würden Sie wählen? Anders ausgedrückt: Welche Entwicklung der vergangenen elf Jahre ist wichtiger als eine hygienische Toilette?

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Achim Doerfer, Burkhardt Müller-Sönksen , James Bessen.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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