Da muss man kein Mathematiker sein, da reicht Volksschule Sauerland, um zu wissen: Wir müssen irgendetwas machen. Franz Müntefering

Auf verlogenem Posten

1968 und 2013 lassen sich nicht vergleichen. Während Nazi-Deutschland nur durch die totale Niederlage zu bezwingen war, haben die DDR-Bürger ihre Diktatur selbst überwunden.

In seinem äußerst aufschlussreichen Vortrag „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ hat Theodor W. Adorno einige entscheidende Probleme aufgezeigt, die nach dem Zweiten Weltkrieg einer (selbst-)kritischen Aufarbeitung im Wege standen. Es handelte sich unter anderem um die innerpsychischen Vorgänge sowie die ideologischen Prozesse der Entsorgung von Mitschuld an einem Verbrechen, dessen Grausamkeit vor dem NS-Regime überhaupt nicht vorstellbar war. Diese individuellen Strategien zur Bewältigung der Vergangenheit standen einer gesellschaftlichen Aufarbeitung im Weg.

Der Text von Adorno ist auch für die heutige Aufarbeitung des Staatssozialismus wichtig geblieben. Nicht etwa, weil das Gerede von den „zwei deutschen Diktaturen“ gerechtfertigt sei! Der gleiche Name („Diktatur“) unterschlägt, dass sie höchst ungleich waren. Die eilig nachgeschobene Versicherung, dass man nicht alles gleichsetzen wolle, wird mehr als hohl, sobald die „Methode“ der Aufarbeitung eine identische sein soll.

Die relevanten Unterschiede im Gegenstand der Aufarbeitung machen klar, dass es zur individuellen Bewältigung des NS-Regimes gewaltig divergierende Bewältigungsstrategien bezüglich des Staatssozialismus gegeben hat – und auch noch gibt.

Wenn man die Nazidiktatur mit einem Wort charakterisieren will, muss man sie als Vernichtungsprojekt beschreiben. Opfer waren: Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti, Behinderte, die Völker Osteuropas, die Arbeiterbewegung (Kommunismus und Sozialdemokratie), die Demokratie, der Rechtsstaat und die moderne Kultur. Der Krieg im Osten wurde als Vernichtungskrieg geführt. Der Vernichtungswille der Nazis war konsequent genug, auch noch in Selbstzerstörung zu münden. Es handelte sich ausschließlich um verbrecherische Ziele und Methoden.

Entwertung von DDR-Leben

Auch der Staatssozialismus war, insbesondere zur Stalinzeit, aber auch noch später, mit Verbrechen verbunden. Das darf man weder leugnen noch kleinreden oder relativieren. Aber er hatte nicht diesen Ausschließlichkeitscharakter. Der Sozialismus verstand sich – noch bevor er Staatssozialismus wurde – als ein Projekt, das die kapitalistisch blockierten Emanzipationspotenziale der bürgerlichen Gesellschaft freisetzen wollte.

Und so wird er auch heute noch begriffen. Gerade als die DDR entstand, verbanden viele – nicht nur Kommunistinnen und Kommunisten – mit ihr die Hoffnung, dass eine andere, neue Geschichte anbrechen könnte. Eine Geschichte jenseits der Gewalt und der Ausbeutung.

Das hat Folgen für die Aufarbeitung. Für die PDS galt: Von allen Parteien der ehemaligen DDR hatte sie sich als einzige intensiv mit der Vergangenheit des Staatssozialismus, nicht nur in der DDR, und ihrer Mitverantwortung auseinandergesetzt. Das war und ist schmerzhaft.

Denn gerade Menschen, die einen Großteil ihres Lebens in der DDR verbracht hatten, sahen sich einer Entwertung dieses Lebens ausgesetzt. Viele Menschen widmeten ihr Engagement nicht den Verbrechen, sondern dem Anspruch, eine menschlichere Gesellschaft zu verwirklichen. Trotzdem war und ist diese Auseinandersetzung für uns wichtig, auch um den humanen Gehalt sozialistischer Ideen nicht zu verraten.

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Unterschied. Die Befreiung vom NS-Regime war nur durch den Sieg der Anti-Hitler-Koalition im Zweiten Weltkrieg möglich. Eine Notwendigkeit zur revolutionären Beseitigung dieses Regimes wurde in der deutschen Bevölkerung mehrheitlich nicht gesehen, trotz des mutigen Widerstands.

Demokratie verkommt zur Legitimationsmaschine

Die DDR hingegen scheiterte auch aus einer Reihe ökonomischer Gründe. Ihre wirtschaftliche Leistungskraft lag bei 60 Prozent der Kraft der Bundesrepublik, und die Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern blieb mangelhaft. Aber erst die Verweigerung der DDR-Führung gegenüber dringend gebotenen demokratischen Reformen löste die „Friedliche Revolution“ aus.

Eine Bevölkerung, die ihre Souveränität behauptet, wird individuelle Entlastungsstrategien, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitet waren, nicht nötig haben. Der heute kaum noch erwähnte Verfassungsentwurf des „Runden Tischs“ ist ein Dokument jenes Augenblicks der demokratischen Souveränität.

Was ist dann aber jene „Ostalgie“, die hauptberuflichen und kenntnisarmen Aufklärern wie Hubertus Knabe solche Sorgen macht? Sie resultiert aus der Konfrontation mit einer anderen Gesellschaft. In der DDR gab es nun einmal ein leistungsfähigeres Schulsystem, das gleichzeitig unter der Prämisse sozialer Gleichheitsanforderungen stand. Plötzlich fanden sich die Leute in einem schulpolitischen Mittelalter wieder, wo jedes kleine Bundesland sein Bildungssystem hat und die Vergleichbarkeit von Schulleistungen nicht gewährleistet ist. Auch das Ehe- und insbesondere das Scheidungsrecht der DDR waren einfacher und moderner.

Schließlich gab es die Erfahrung eines hohen Maßes sozialer Gleichheit. Nicht die DDR wird nostalgisch verklärt; aber angesichts der Realitäten und insbesondere der Zumutungen des Kapitalismus spielen sozialistische Wertvorstellungen nach wie vor eine wichtige Rolle bei den politischen Orientierungen in den Neuen Ländern.

Dennoch: Bei allen Defiziten leben wir in einer rechtsstaatlichen Demokratie. Das ist die Voraussetzung für weitere Emanzipation. Sie läuft aber Gefahr, in Folge des herrschenden Krisenmanagements, zur bloß nachholenden Legitimationsmaschine zu verkommen.

Aufarbeitung heißt deshalb auch: Die Gefährdungen der Demokratie rechtzeitig zu erkennen und daraus politische Konsequenzen zu ziehen. Sie bedeutet zudem, die wachsende soziale Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Demokratie Verkommt zur Legitimationsmaschine.

Die Bilder in dieser Debatte stammen von dem Berliner Fotografen Harald Hauswald. Sein Bildband „Vor Zeiten – Alltag im Osten, Fotografien 1976-1990“ erschien im Juni 2013 im Lehmstedt-Verlag.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Gunter Weißgerber, Dietmar Bartsch, Dietmar Bartsch.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 3/2013 des „The European“ enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Endlich Arbeitslos – Wenn Roboter unsere Jobs übernehmen, geht die Arbeit erst so richtig los. Über Chancen und Risiken einer Welt ohne Mühsal debattieren u.a. dm-Gründer Götz Werner und Nobelpreisträger Robert Solow. Weitere Debatten: Die Ressource Big Data, die neuen Geschlechterrollen sowie die Aufarbeitung der deutschen Teilungsgeschichte. Dazu Gespräche mit Jean-Claude Juncker, Jürgen Trittin und Anne-Marie Slaughter.

Sie können es hier direkt bestellen.

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