Umzug nach Hause

GRAFT 25.11.2009Gesellschaft & Kultur, Politik, Wirtschaft

Nach dem Hurrikan Katrina ist vor dem Wiederaufbau. Über den Versuch, in New Orleans eine globale Lösung zur Wohnungsproblematik zu finden.

Die aktuellen globalen humanitären Herausforderungen haben viele Facetten, unterschiedliche Komplexitäten und betreffen verschiedene geografische Regionen. Umweltverschmutzung und Erderwärmung, die Ausbreitung von Krankheiten wie Malaria oder Aids, Trinkwassermangel, Nahrungsmangel und fehlende sanitäre Standards und Unterkünfte fallen dazu direkt ein. Bewaffnete Konflikte und unzureichende Bildungseinrichtungen kommen hinzu und verschlimmern existierende Probleme oftmals. Bei der Vielzahl der Herausforderungen werden wichtige Fragen und Probleme notwendigerweise vernachlässigt – und bedrohen so die stabile und nachhaltige Existenz des Menschen auf diesem Planeten. Es ist daher die Sache jedes Einzelnen, an der Bekämpfung dieser Probleme mitzuwirken und Menschen in Not zur Seite zu stehen. Das “Make It Right”-Projekt hat einen Ansatzpunkt für Veränderung im urbanen Raum New Orleans geschaffen, um so regionale Entwicklung zu zünden und globale Lösungen zur Wohnungsproblematik zu erproben. Der Stadtteil Lower Ninth Ward steht im Fokus dieses Ansatzes: Er war am meisten von den Zerstörungen durch Hurrikan Katrina betroffen und ist durch die Armut der Bewohner bisher auch nur teilweise wieder aufgebaut worden. Vor dem Hurrikan war der Lower Ninth Ward jedoch eines der bedeutendsten kulturellen Zentren des Landes, ein Nährboden für Musik mit vielen Angeboten für Familien.

Nicht bloß Zwecklösung

Eine robuste Lösung bedarf einer umfassenden Problemanalyse. In der Architektur ist dies oftmals nur unzureichend geschehen. Bautechnische Lösungen, die nur auf Schutz vor den Elementen und sanitäre Mindeststandards abzielen, gelten heute als überholt. Durch Erfahrungen aus der Vergangenheit und durch technologischen Fortschritt können Gebäude heute jedoch deutlich mehr – für weniger Geld. Wir müssen uns bewusst machen, dass der Schutz kulturellen und sozialen Kapitals und die Achtung der Biosphäre durch Architektur ein Gut an sich darstellt. Architektur ist nicht bloß eine Zwecklösung: Gebäude sind nicht nur Instrumente der menschlichen (physischen) Existenz, sondern fungieren auch als Orte der Imagination und der Kreativität, die uns Menschen einzigartig macht. In den Worten von Albert Einstein: “Die zählbaren Dinge zählen nicht unbedingt; und die Dinge, die zählen, sind mitunter unzählbar.” In diesem Sinn können auch die Verluste und Zerstörungen im Lower Ninth Ward nicht vollständig durch Bauvorschriften erfasst werden. Viele der heutigen Bedürfnisse können positivistisch nur schwer beschrieben werden, doch werden sie trotzdem greifbar in ihrer Intensität. Die ehemals lebendige Kultur New Orleans’ war fest in der Architektur des Viertels verankert. Viele der Wohnhäuser befanden sich generationenlang im Familienbesitz und sind eng mit privaten Erinnerungen und Identitäten verwunden. Sie waren von physischer und psychologischer Bedeutsamkeit und boten eine Plattform für das soziale und kulturelle Leben ihrer Bewohner. Daher müssen beim Wiederaufbau neben funktionalen, umwelt- und sicherheitstechnischen Aspekten auch kulturelle und gemeinschaftsorientierte Überlegungen eine Rolle spielen. Die Bedeutung des Lower Ninth Ward für Musik, Geschichte und das soziale Gefüge der Stadt kann nur so wieder verstanden und wiederbelebt werden. Die Dringlichkeit der Situation macht schnelle Lösungsansätze notwendig: Obdachlose müssen unbürokratisch und kostengünstig mit Wohnungen versorgt werden. Doch in genau dieser Situation müssen sich die Planer und Architekten bewusst machen, dass es neben der Bereitstellung von Behausungen auch um die Schaffung eines Zuhauses für die Menschen geht.

Suburbia dient nicht als Beispiel

Öffentlich finanzierte Bauprojekte sind jedoch oftmals von pragmatischen und praktischen Denkansätzen bestimmt und tragen nicht sonderlich zur Entwicklung sozialer Strukturen bei. Auch die architektonische Geschichte der amerikanischen Vorstädte ist nicht gerade von Innovationen geprägt, sondern von Monotonie und einer Ignoranz gegenüber lokalen Traditionen. Im Idealfall kann Architektur jedoch konstruktiv wirken: durch eine Stärkung der Ambitionen und Initiativen jedes Einzelnen und der Gemeinschaft. Als Architekten müssen wir uns dieser Verantwortung bewusst sein und altes Rasterdenken durch eine Offenheit gegenüber neuen Möglichkeiten ersetzen. Um die Probleme New Orleans’ im konkreten Kontext zu verstehen, steht das “Make It Right”-Projekt im Dialog mit einer Vielzahl lokaler Vereinigungen und zielt darauf ab, die Bewohner des Lower Ninth Ward von Anfang an in den Entwicklungsprozess einzubinden. Diese Menschen haben viel Zeit in das Projekt investiert und in Diskussionsforen ihre Wünsche, Bedürfnisse, Bedenken und Hoffnungen dargelegt. Ihre Entschlossenheit und ihr Durchhaltevermögen haben uns zutiefst beeindruckt. Viele der Opfer des Hurrikans Katrina fühlen sich hilflos und von einer ineffizienten und fehlgeleiteten Krisenbürokratie vernachlässigt. Die Bewohner des Lower Ninth Ward hatten keine andere Möglichkeit, als ihre Häuser und Existenzen zurückzulassen und anderorts Zuflucht zu suchen. Gegen diese Zwangspolitik stellen wir Wahlfreiheit und Eigenverantwortlichkeit: Durch die Beteiligung am Design des Hauses wird Verantwortung zurück auf die Eigentümer übertragen und gibt ihnen die Möglichkeit, ihrer Individualität Ausdruck zu verleihen. Diese Stärkung des Einzelnen ist gleichzeitig eine Plattform für die Entwicklung eines Gemeinschaftssinnes im Lower Ninth Ward. In der Vergangenheit ist die Bereitstellung modularer Wohnungen für die schrumpfende amerikanische Mittelschicht oftmals gescheitert. Gleichzeitig hat sich die Architektur zunehmend an den Wünschen der Oberschicht orientiert und dadurch ihre Wahrnehmung als elitäres Unterfangen nur bestärkt. Im Idealfall können architektonische Lösungen jedoch für alle sozialen Schichten angeboten werden. Design ist ein Instrument, um die Umwelt in das Leben des Menschen zu integrieren und ein Klima des Wohlfühlens zu generieren. Die Architektur schafft die Fundamente, auf denen Gemeinschaften wachsen können. Durch technologischen Fortschritt und praktische Erfahrungen kommunizieren wir in immer komplizierter werdenden Prozessen mit einer immer größer werdenden Masse von Menschen. Wir finden uns wieder in Gemeinschaften, die immer stärker miteinander vernetz sind – und dadurch auch zunehmend aufeinander angewiesen sind. Der Lower Ninth Ward ist ein Ansatzpunkt in diesem System der Vernetzung: Positive Veränderungen und eine Einbeziehung der Bewohner in den Wiederaufbauprozess können als Vorreiter für regionale, nationale und globale Projekte dienen – und die Beziehungen zwischen Bewohnern, Geldgebern und Architekten nachhaltig beeinflussen. Der Fortschritt der Menschheit kann sich nicht an bestimmten sozialen Gruppen messen lassen, sondern bedarf der Einbeziehung aller. Wir sind eine Gemeinschaft – und wir müssen Zeit und Willen investieren, um Vertrauen untereinander aufzubauen und miteinander zu wachsen.

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