Deutschland ist, wenn neben den Containern für Weiß-, Grün- und Braunglas drei einsame blaue Flaschen stehen. Marina Weisband

Das System Gabriel

Mit einem großen Triumph ist Angela Merkel in ihre dritte Amtszeit gestartet. Doch die SPD hat sie schnell eingeholt. Kann Sigmar Gabriel der nächste Kanzler werden?

Am Abend der Bundestagswahl stehen im fünften Stock der SPD-Zentrale in Berlin-Kreuzberg die SPD-Funktionäre und starren, abseits der Kameras, auf eine Videoleinwand. Es ist 19 Uhr, auf einmal ist sogar eine absolute Mehrheit der Union denkbar. Es sind die Momente, in denen sich mancher Genosse nicht entscheiden kann, was er sich jetzt wünscht. Eine Große Koalition mit einer bärenstarken Union – oder doch lieber die totale Niederlage, eine absolute Mehrheit für Angela Merkel.

Einige Monate später ist die SPD in der Großen Koalition angekommen. So elend die Lage der Sozialdemokraten noch am beschriebenen Septemberabend war, so radikal hat sie sich mittlerweile verbessert. Nach geglücktem Mitgliederentscheid und einem für die SPD guten Ergebnis bei den Koalitionsverhandlungen klappt bei den Genossen auch zu Beginn der Regierungsarbeit mehr, als sich mancher gedacht hätte. Nach den ersten Wochen prägt die SPD das Bild der neuen Bundesregierung.

Die wichtigsten Duelle in der Regierung

Das liegt zum einen an der Ministerauswahl. Mit Energieminister Sigmar Gabriel, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Arbeitsministerin Andrea Nahles und Familienministerin Manuela Schwesig sind vier von sechs Posten mit Politikern besetzt, die sich bereits Jahre mit ihren Themen auseinandergesetzt haben. Besonders die vier haben ihren Vorteil zu Beginn genutzt, um mit politischen Initiativen in die Offensive zu gehen. Die Politik der ersten Wochen wird geprägt von diesen Gesichtern.

Das interessanteste Duell zwischen den beiden Koalitionspartnern auf Zeit findet auf der internationalen Bühne statt. Dort stehen sich Frank-Walter Steinmeier und die neue CDU-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen gegenüber. Von der Leyen ist eine spektakuläre Besetzung, die erste Frau an der Spitze des Bendlerblocks wird in den nächsten Jahren unter genauer Beobachtung stehen. Sie arbeitet ab sofort unter dem Motto „Up or out“.

Entweder, sie meistert ihren Job gut – dann könnte sie Angela Merkels Nachfolgerin als Unions-Kanzlerkandidatin werden. Oder sie scheitert wie so viele ihrer Vorgänger an den Unebenheiten ihres Amts. An teuren Rüstungsprojekten, gefallenen Soldaten oder der unbeherrschbaren Bürokratie ihres Ministeriums. Steinmeier dagegen kann frei agieren. Er ist Außenpolitiker aus Leidenschaft, seine zweite Amtszeit ist wie eine Zugabe für ihn, er kennt das Ministerium. Er scheint in den ersten Wochen wie ausgewechselt zu sein. „Als hätte er all seine Energie aufgespart für seine Zeit als Außenminister“, sagte vor Kurzem ein Bundestagsabgeordneter.

Tatsächlich vergeht kaum eine Woche, ohne dass der neue Außenminister Schlagzeilen macht. Europa, Afrika, zuletzt ein wuchtiger Auftritt beim afghanischen Präsidenten Hamid Karzai: Steinmeier hat Spaß daran, zu demonstrieren, was in seinen Augen in den vier Jahren der Amtszeit seines Vorgängers Guido Westerwelle gefehlt hat. Für Ursula von der Leyen ist das nicht ohne Risiko. Sie muss sich in all die Themen erst einarbeiten. Und Steinmeier macht seinen Führungsanspruch im Bereich der Auslandseinsätze klar. Dennoch: Von der Leyen ist unberechenbar, auch für den SPD-Routinier.

Vizekanzler Gabriel hat sich mit der Energiewende das wohl schwierigste Reformvorhaben der neuen Koalition ausgesucht. Nirgendwo sonst gibt es momentan so widerstrebende Interessen. Gabriel kann sich auf wenig verlassen, nicht mal auf seine Parteifreunde aus den Ländern. Schon nach wenigen Wochen steht er von allen Seiten in der Kritik. Anders als früher reagiert Gabriel bislang jedoch besonnen. Er ist geprägt von den erfolgreichen Wochen der Koalitionsverhandlungen, als er mit Zurückhaltung und geschickter Kommunikation seine Genossen von einer Zusammenarbeit mit der Union überzeugen musste.

Merkel kann an ihre Grenzen stoßen

Bis heute hält Gabriel diesen Kurs durch. Aus dem polternden Impulspolitiker ist ein Parteichef geworden, der sich an Kanzlerin Angela Merkel das Nicht-Kommentieren und die Deeskalation als Politikprinzip abgeschaut hat. Gabriel und Merkel, es ist das zweite, das große Duell der achtzehnten Legislaturperiode. Gabriel träumt von einer Kanzlerkandidatur, zumindest, wenn sich in den nächsten zwei Jahren endlich seine Beliebtheitswerte verbessern. Er versteht nicht, warum ihm die Bevölkerung überwiegend nicht traut, ihm, dem Arbeiterkind aus Goslar.

Sigmar Gabriel wird alles daran setzen, sich diesen Aufsteigertraum zu verwirklichen. Er weiß, dass er sich Zeit lassen muss bis zum Angriff. Er muss wie ein Radfahrer lange im Windschatten Merkels bleiben und erst im richtigen Moment vor der Ziellinie ausscheren. Tut er es zu früh, hält er den Spurt nicht durch. Tut er es zu spät, ist Merkel nicht mehr einholbar. Vieles spricht dafür, dass Gabriel einen großen Teil der Koalitionsarbeit kooperativ angehen wird. Erst in der zweiten Hälfte wird er attackieren.

Ob es am Ende reicht, hängt nicht nur an ihm persönlich. Über allem steht die Frage, ob die SPD überhaupt eine Chance hat, stark genug für die Führungsrolle in der nächsten Koalition zu sein. Noch haben die Genossen Angst, dass es ihnen wieder so ergeht wie 2009. Dass sie gerupft von der Koalition mit Angela Merkel enden. Dass sie wieder die Arbeit gemacht haben, und die anderen den Erfolg einfahren. Es kann diesmal aber auch anders kommen.

Angela Merkel könnte mit ihrem Hang zur Reaktion statt zur Aktion in den Jahren neun bis zwölf ihrer Kanzlerschaft an Grenzen stoßen. Wenn der Wunsch der Deutschen nach Veränderung aufkommt, dann dürfte in dieser Legislaturperiode die Stunde von Sigmar Gabriel schlagen. Wer hätte das gedacht vor einem guten halben Jahr, vor den Bildschirmen im Willy-Brandt-Haus.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Zitelmann, Matthias Matussek, Vera Lengsfeld.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 2/2014.

Darin geht es u.a. um die Liebe: Sie ist die letzte Unbekannte in unserer Welt. Wir lassen diskutieren, warum sie immer noch unser Leben diktiert. Weitere Debatten: das Erbe der Großen Koalition, die Grenzen des Teilens und warum die Renaissance des Kommunismus ausbleibt. Dazu Gespräche mit Sahra Wagenknecht, Marina Abramović, und Viviane Reding.

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