Schlagernde Verbindung

von Götz Widmann28.10.2013Gesellschaft & Kultur

Zuckersüße Melodien begeistern, auch wenn man sich als Erwachsener manchmal dafür schämt. Ein Star der Szene hätte trotzdem den Preis für’s Lebenswerk verdient.

Meine erste Erinnerung an den deutschen Schlager stammt aus dem Jahr 1972. Ich war sieben Jahre alt und mit Eltern und Brüdern zu Besuch bei meiner Tante. Meine Cousins waren schon ein bisschen älter. Diesem Umstand verdankte ich nicht nur etliche Erweiterungen meines schmutzigen Wortschatzes, sondern eben auch meine erste Begegnung mit Dieter Thomas Heck und der ZDF-Hitparade. Meine Cousins fieberten die ganze Zeit nur einem Lied entgegen: Christian Anders mit „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“. Und als es dann endlich kam, fuhr bei mir auch ein Zug ab. So etwas Schönes hatte ich noch nie gehört. Ich schmolz dahin.

Seitdem verpasste ich möglichst keine Schlagersendung mehr. Howard Carpendale, Chris Roberts, Roberto Blanco, Bata Illic, Michael Holm, Marianne Rosenberg, Cindy und Bert und Costa Cordalis wurden ein Teil meines Lebens. Meine absolute Lieblingssängerin war Manuela – kennt heute kaum noch jemand, ist vielleicht auch besser so. Ich habe mir gerade noch einmal meinen damaligen Favoriten, „Prost Onkel Albert“, auf Youtube angeschaut. Leider hat es nicht mehr die gleiche Begeisterung in mir hervorgerufen wie vor 40 Jahren. Abneigungen sind da definitiv stabiler. Die Leute, die ich damals schon zum Grausen fand, bereiten mir heute immer noch fast körperliche Schmerzen. Karel Gott und Heino sind seit 40 Jahren in dieser Kategorie ganz weit vorne.

Udo Jürgens, Reinhard Mey und Ulrich Roski

Nächtelang lag ich vor dem Radiowecker meiner Eltern und schnitt mit meinem ITT-Schaub-Lorenz-Kassettenrecorder meine absolute Lieblingssendung mit: „Vom Telefon zum Mikrofon – Wunschkonzert aus Baden-Baden“. Ich entdeckte meine Vorliebe für Lieder, bei denen der Text eine Rolle spielt, fand Udo Jürgens gut, Reinhard Mey. Ganz groß auch Ulrich Roski, mein Held unter den vielen langhaarigen Nonsensbarden, die damals die Szene bevölkerten – eine heute medial völlig ausgestorbene Spezies. Wann haben die endlich mal ihr Comeback? Leider alle totgesoffen. Naja, wie bei den meisten Jungs damals kamen irgendwann die Beatles, die Stones, Pink Floyd, Deep Purple, AC/DC, und auf einmal war Schlager völlig uncool. Peinlich, dass man das mal gut gefunden hatte. Am besten sprach man nicht darüber.

Auch nicht darüber, dass man sich gelegentlich doch noch tief in der Nacht heimlich den zuckersüßen Harmonien der Münchener Freiheit hingab und einen dabei ein überirdisches Glücksgefühl durchströmte. Anfang der 1990er-Jahre entdeckten dann ziemlich viele Leute gleichzeitig, dass man mit genügend Schnaps und ein paar 1970er-Jahre-Schlagerplatten auch die ödeste BWLer-Party in eine trashig-ironische Massenekstase verwandeln konnte. Typen wie Guildo Horn und Dieter Thomas Kuhn tauchten auf. Etliche alte Schlagerstars hatten auf einmal ihren zweiten Frühling. Sie mussten nur akzeptieren, dass sie jetzt Kult waren, man sich also im Grunde über sie lustig machte, dann waren auch wieder richtig fette Gagen drin. Rex Gildo wird nicht zuletzt deswegen aus dem Fenster gesprungen sein.

Eine Menge Leute hören sich freiwillig Schlager an

Heute ist es wieder anders. Ich kenne eine Menge Leute, auch aus der Liedermacherszene, die sich ernsthaft wieder freiwillig Schlager anhören, auch nüchtern. Bei mir ist das so eine Launensache, manchmal kann ich es nicht ertragen, manchmal höre ich ein ganzes Tourwochenende nur WDR 4, MDR 4, SWR 4, die Sender, wo Oldies und Schlager laufen. Den Preis fürs Lebenswerk erhält bei mir Howard Carpendale. Es gibt Songs von ihm, deren Arrangements ich ernsthaft für großartig halte, da brauche ich dann kein bisschen trashige Ironie, um das gut zu finden. „Wer von uns“ zum Beispiel. Die haben noch richtig mit Orchestern Popsongs aufgenommen, die hatten das noch drauf. Zum Weinen schön teilweise.

Und die Texte meiner ganzen Lieblingssongs hat alle ein Mann geschrieben. Fred Jay. Wie so viele andere große Texter war er jüdisch. Nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt und im erstaunlichen Alter von 55 Jahren ins deutsche Schlagerbusiness eingestiegen und es noch bis ganz nach oben geschafft. Seine Texte sind irgendwie tiefer als der Rest. Die packen einen direkt im Herzen, auch einen zynischen Liedermacher wie mich. Genau wie „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ damals. Und jetzt können Sie ja mal googeln, wer den Text geschrieben hat.
Leider alle totgesoffen.

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