Knall auf Fall

Götz Neuneck20.12.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft

Das Wissen ist schnell beschafft, doch die Entwicklung dauert Jahre: Der Bau einer Atombombe ist nicht so einfach, wie er scheint. Vor allem wenn die Bombe zuverlässig funktionieren soll.

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Die friedliche Kernenergienutzung und der Nuklearwaffenbau sind siamesische Zwillinge, denn sie fußen auf den gleichen kernphysikalischen Grundlagen. Die Kerntechnik ist seit Beginn des Nuklearzeitalters eine ambivalente Technologie: Sie kann für die friedliche Energieerzeugung ebenso genutzt werden wie für den Bombenbau. Die Geschichte des Nuklearzeitalters ist voll von Beispielen, in denen die vermeintlich zivile Nutzung der Kerntechnik auch militärische Hintergedanken von Staaten offenbarte und die Widersprüche offen zutage traten. Indien führte 1974 einen “friedlichen Nukleartest” durch und ist heute Nuklearmacht. Nordkorea nutzte sein Plutonium zur Energieproduktion und stellte seine getestete Bombe daraus her. Irak betrieb ein geheimes Militärprogramm im Schatten seines Zivilprogramms. Andererseits betreiben Staaten Kerntechnik ausschließlich für die zivile Energieproduktion und lassen dies umfassend überwachen. Dennoch sprach IAEO-Generalsekretär El-Baradei von 30 “virtuellen Kernmächten”, die über das Know-how und Kernmaterial für den Bombenbau verfügen. Was also ist nötig, um eine Atomwaffe zu bauen? Zunächst sind die wissenschaftlich-technischen Prinzipien zur Erzeugung einer explosiven Kettenreaktion für Staaten und Einzelpersonen heute kein Geheimnis mehr. Die kernphysikalischen Grundlagen sind weitgehend bekannt und nachlesbar. Entscheidend ist zunächst, in den Besitz von “waffenfähigem Material” wie Plutonium oder hochangereichertem Uran zu kommen. Dies ist durch den Ankauf von waffenfähigem Material oder durch eigene Herstellung möglich. Zur Eigenproduktion dieser gefährlichen Stoffe benötigt man einen Brennstoffkreislauf, der mit der Gewinnung von Natururan in Minen beginnt, über die Verarbeitung und Herstellung von Brennstoff für Reaktoren führt und bei dem am Ende waffenfähiges Plutonium oder angereichertes Uran gewonnen wird. Uran muss in speziellen großtechnischen Anlagen zum Beispiel in Tausenden Gaszentrifugen “angereichert” werden. Ist der Anreicherungsgrad gering, zum Beispiel 4 Prozent, kann das Endprodukt für Reaktorbrennstäbe zur Energieproduktion genutzt werden. Leitet man dieses Uran wieder durch die Anreicherungsanlage, so kann am Ende hochangereichertes Uran gewonnen werden, das als Bombenstoff dient.

Menge einer Pampelmuse reicht für Bombe

Der andere Bombenstoff, das hochgefährliche und giftige Plutonium, entsteht nach kurzer Bestrahlung in Kernreaktoren und muss danach aus den Brennelementen herausgelöst werden. In speziellen Wiederaufarbeitungsanlagen wird dies durch komplexe, aber beherrschbare chemische Verfahren bewerkstelligt. Hier sind geeignete Technologien und ingenieurtechnische Verfahren nutzbar, die auch bei der zivilen Kerntechnik Anwendung finden. Ein Exportverbot dieser Technologien ist seit Langem überfällig. Zum Bombenbau ist nur wenig waffenfähiges Material nötig. Je nach Erfahrungsgrad genügt eine Menge von acht Kilogramm Plutonium oder 15 Kilogramm hochangereichertem Uran. Eine Menge, die nicht größer ist als eine große Pampelmuse, reicht aus, um eine einfache Bombe vom Hiroshimatyp herzustellen. Die zweite Stufe des Bombenbaus ist der Entwurf und Bau eines Kernsprengkopfes, der zum Beispiel auf einer Rakete eingesetzt werden kann. Insbesondere die Sprengstofftechnik, die dafür sorgt, dass der Kern des Bombenmaterials die explosive Kettenreaktion in Gang setzt, ist kompliziert, aber lösbar. Hinweise und Erfahrungen hierfür könnten von anderen Kernwaffenstaaten oder ehemaligen Bombenbauern stammen. Eine einfache Kernwaffe aus hochangereichertem Uran ist relativ einfach zu realisieren. Geheimforschung von einigen Jahren ist dennoch notwendig, schon alleine, um eine passende Konfiguration aus möglichst wenig Bombenmaterial zu erreichen. Auch müsste sichergestellt sein, dass solch ein Sprengkopf “zuverlässig” funktioniert.

Entwicklung dauert Jahre

Für eine einfache Uranbombe ist ein Test nicht zwingend nötig, für eine Plutoniumbombe jedoch schon. Ein Staat, der seine Atomwaffenfähigkeit nachweisen möchte, würde auch einen unterirdischen Test oder spezielle Experimente zur Detonationstechnik durchführen. Schließlich müssen die diversen Konfigurationen getestet werden. Alles in allem sind also einige Jahre zusätzlich nötig, um nach der Gewinnung des waffenfähigen Bombenstoffes ein Sprengkopfdesign herzustellen und zu testen. Ist dies gelungen, so würde schließlich die Produktion mehrerer Sprengköpfe beginnen. Das dafür verwendete Nuklearmaterial müsste schließlich für die Bombenproduktion genutzt werden und stände nicht mehr für die zivile Energieproduktion zur Verfügung. Der Streit um das Nuklearprogramm Irans ist ein Beispiel für die Ambivalenz der Kerntechnik. Iran steht nach den NVV-Statuten die friedliche Nutzung von Kerntechnologie prinzipiell zu. Allerdings wurde das Vertrauen, dass Iran lediglich die zivile Option anstrebt, durch die Entdeckung nicht bekannter Anlagen und Aktivitäten erheblich erschüttert. Dieses Beispiel macht deutlich, dass nur eine Kombination von intrusiven, dauerhaften und umfassenden Kontrollen gewährleisten kann, dass ein Staat nicht das Recht auf friedliche Kernenergie nutzt, um daraus ein militärisches Programm zu machen. Die anstehende Überprüfungskonferenz für den Atomwaffensperrvertrag im Mai 2010 in New York muss dringend neue Verifikationsverfahren, Rüstungskontrollinitiativen und Exportverbote für Kerntechnologie ausarbeiten, um weitere Proliferationsfälle in Zukunft zu verhindern.

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