„Politik ist nur ein Job“

von Jón Gnarr2.10.2012Außenpolitik

Zum Höhepunkt der Finanzkrise wurde der Komiker JĂłn Gnarr ĂŒberraschend BĂŒrgermeister von ReykjavĂ­k. Zwei Jahre nach seinem Amtsantritt sprach er mit Lars Mensel ĂŒber neue Arten von Politik, Vielfalt im Parlament und seine JedikrĂ€fte.

*The European: Bei den Kommunalwahlen von 2010 versprachen Sie, alle Wahlversprechen zu brechen. Wie geht es damit voran?*
Gnarr: Es hat sehr gut funktioniert – aber so ist das halt in der Politik. Ich finde es nichts besonderes.

*The European: Gab es etwas besonderes, was Sie als BĂŒrgermeister nicht umsetzen wollten?*
Gnarr: Im Großen und Ganzen ist es fĂŒr mich ein Experiment, ob ich das Amt ausĂŒben und dabei ich selbst bleiben kann. Es gibt da diesen Mythos, dass der Eintritt in die Politik einen verĂ€ndert, dass man ein anderer Mensch wird. Ich kĂ€mpfe dafĂŒr, mir selbst treu zu bleiben.

„Die Einstellung bestimmt die Motivation“

*The European: Das kommt mir bekannt vor – was haben zwei Jahre als BĂŒrgermeister mit Ihnen angestellt?*
Gnarr: Ich habe keine PersönlichkeitsverÀnderungen feststellen können. Bislang zumindest noch nicht. Doch in der Kultur unserer Politik bedarf es viel Arbeit, um sich nicht zu verÀndern. Man wird von den Anforderungen des Amtes schnell abgelenkt und versucht, einem Ideal zu entsprechen.

*The European: Aber die BĂŒrger haben einen Komiker gewĂ€hlt – heißt das nicht, dass die Erwartungen ganz anders waren?*
Gnarr: 
das war die Idee: Ihr bekommt, was ihr seht. In der Tat habe ich den Eindruck, dass die Menschen sehr positiv ĂŒberrascht waren.

*The European: Die Kommunalwahlen, bei denen Sie antraten, fanden zu einer schwierigen Zeit fĂŒr Island statt: Die Finanzkrise hatte die drei großen Banken des Landes ruiniert und die Regierungskoalition zu Fall gebracht. Der damalige Premierminister, Geir Haarde, wurde “wegen seines Versagens in der Krise verurteilt”:http://www.guardian.co.uk/world/2012/apr/23/iceland-geir-haarde-found-guilty. Ihr Wahlsieg wird daher oft als Protest gegen die etablierten KrĂ€fte bewertet – was denken Sie?*
Gnarr: Nicht unbedingt. Ich glaube, dass die meisten Menschen fĂŒr mich gestimmt haben, weil wir in Anbetracht der Lage wirklich als beste Option galten. Manche mögen fĂŒr die „Beste Partei“ gestimmt haben, weil sie fĂŒr keine der anderen Parteien stimmen wollten – doch das ist völlig legitimer demokratischer Protest. Andere haben es sicherlich als Möglichkeit gesehen, etwas Einzigartiges geschehen zu lassen – und die Tatsache ist, dass damals große politische InstabilitĂ€t herrschte. Nach der Wahl ist es uns gelungen, diese StabilitĂ€t wiederherzustellen: Ich bin nun bereits lĂ€nger BĂŒrgermeister als meine fĂŒnf VorgĂ€nger es waren. Außerdem: WĂ€re die „Beste Partei“ nur ein populistisches ProtestphĂ€nomen, hĂ€tte sie sich doch nach der Wahl aufgelöst. Es sind aber nach wie vor alle GrĂŒndungsmitglieder an Bord.

*The European: Wie sind Sie als Quereinsteiger mit der Politik zurechtgekommen? Man sollte meinen, es sĂ€he von außen alles einfacher aus, als es das eigentlich ist.*
Gnarr: Das kommt drauf an. In vielerlei Hinsicht mag das stimmen, doch wir versuchen als Partei auch zu demonstrieren, dass Politik nichts anderes ist als ein Job. Es kommt dabei enorm auf die Einstellung der Menschen an: Wenn man glaubt, die eigene Arbeit sei die komplizierteste Arbeit der Welt, dann kann absolut jeder Job auf der Welt so erscheinen. Die Einstellung bestimmt die Motivation, ob man nun KindergĂ€rtner oder Politiker ist. Politik mag noch so kompliziert erscheinen, letztlich ist es enorm wichtig fĂŒr unsere Demokratie – nicht nur in Island – dass Menschen aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft daran teilnehmen.

„Die Politik braucht auch die Übergewichtigen“

*The European: “Die Mehrzahl der deutschen Abgeordneten ist entweder Jurist oder Lehrer”:http://theeuropean.de/joerg-friedrich/12163-zusammensetzung-der-parlamente.*
Gnarr: Ganz genau, es ist ein globales Problem. Wir haben dieses absurde Bild eines Politikers erschaffen: Alpha-Persönlichkeiten, die schnell denken und schnell sprechen. Dadurch haben wir allerdings auch eine riesige Menge an Menschen ausgeklammert. Die Politik braucht frisches Blut, Menschen, die man normalerweise nicht mit ihr assoziiert. Dazu gehören die langsamer denkenden und langsamer sprechenden Menschen, Wissenschaftler, KĂŒnstler und schĂŒchterne sowie auch ĂŒbergewichtige Menschen. Nach selbstgemachtem Politikermythos dĂŒrfen nur die AuserwĂ€hlten in die Politik – und das finde ich ziemlich gefĂ€hrlich fĂŒr unsere Demokratie.

*The European: Heutzutage spielt sich Politik in den Medien ab: Wer im Fernsehen gut aussieht und eloquent spricht, der bekommt auch die höchsten Zustimmungswerte. Welche Chance haben da noch die SchĂŒchternen?*
Gnarr: Aktuell haben sie keine Chance. Deswegen mĂŒssen wir den Teufelskreis durchbrechen und uns vom Bild der Politikertypen verabschieden. In vielen LĂ€ndern arbeiten Politik und Medien zusammen und senden gemeinsam die Nachricht „Schaut her, Politik ist sehr kompliziert, sehr angsteinflĂ¶ĂŸend und nur die ganz Intelligenten steigen noch durch“. Wenn wir das verĂ€ndern könnten, hĂ€tten die Übergewichtigen und die SchĂŒchternen es viel leichter. Momentan braucht der Einstieg in die Politik zu viel Mut – und zu viele fehlgeschlagende Versuche.

*The European: Die „Beste Partei“ scheint das zu umgehen, indem sie die Politik nicht besonders ernst nimmt. Wie ernst werden Sie von den WĂ€hlern genommen?*
Gnarr: Ich glaube die WĂ€hler haben gemerkt, dass wir zwar keine Agenda haben, aber versuchen, mit gesundem Menschenverstand zu regieren. Im Stadtrat habe ich das oft beobachten können: Wenn wir beispielsweise Besteuerung diskutieren, sind die rechten Parteien gegen Besteuerung, die linken Parteien dafĂŒr. Unsere Partei hat dagegen einfach keine Ahnung. Das heißt aber auch, dass wir uns an keine Ideologie klammern können. Nur nach gesundem Menschenverstand zu arbeiten, ist ziemlich anstrengend. Einfacher wĂ€re es, sich an eine Ideologie halten zu können. Manche Politiker denken „Das entspricht nicht meinen persönlichen Überzeugungen, doch laut meinem Parteibuch ist es richtig“ – und stimmen der Maßnahme zu. In den Zeitungen und Blogs steht, dass unsere Partei zwar keine Agenda hat, aber immerhin nicht so wie die anderen Politiker agiert.

„Ich habe nie geglaubt, das Politiker nutzlos sind“

*The European: In Deutschland gibt es 82 Millionen Einwohner, eine Dauerkrise und viel Kritik, dass die Politik zu kompliziert geworden sei. Brauchen wir mehr Optimismus?*
Gnarr: Es ist immer ein Kampf gegen NegativitĂ€t und Pessimismus. In der Politik werden hĂ€ufig SĂŒndenböcke gesucht, was die gegenseitige Kritik und den Ton der Medien erklĂ€rt. Beginnt eine Debatte bereits mit einem Vorwurf, dann ist das hĂ€ufig wenig konstruktiv. WĂ€hler nehmen so etwas wahr.

Dennoch: Ich habe nie geglaubt, dass alle Politiker nutzlos sind
 nun, vielleicht dachte ich das frĂŒher einmal, aber ich habe mich umentschieden: Viele Menschen sind in der Politik, um wirklich etwas zu bewegen. Das ist Grund fĂŒr Optimismus.

*The European: Aber reicht es aus?*
Gnarr: Nein, wir mĂŒssen uns mehr Gedanken darĂŒber machen, wie unsere Demokratie funktionieren soll. Menschen kommen in die Politik, wollen etwas erreichen und arbeiten dann an Dingen, von denen sie keine Ahnung haben. Es ist viel zu einfach, mit großen Idealen anzutreten und diese dann der Maschinerie zu opfern. Die GrĂŒnen in Deutschland sind das beste Beispiel dafĂŒr. Das gleiche gilt fĂŒr junge Menschen: Davon gibt es in der Politik viel zu wenige.

*The European: Was ist mit Persönlichkeiten, die den Apparat auf den Kopf stellen?*
Gnarr: Das ist die Lektion, die ich gelernt habe: In vielen Interviews, die ich als BĂŒrgermeister gefĂŒhrt habe, ist der Tonfall extrem kritisch, extrem feindselig. Da reicht es schon aus, wenn ich einen frohen Gesichtsausdruck behalte und den Zuschauern zeige, dass alles gar nicht so schlimm ist. Das nĂ€chste Mal, wenn jemand genau wissen will, wie ich gedenke, dieses oder jenes Problem zu lösen, werde ich antworten: Mit meinen JedikrĂ€ften.

*The European: Bitte?*
Gnarr: Ich bin ein Jedi.

*The European: Heißt dass, dass Sie in Zukunft noch grĂ¶ĂŸeres planen? NĂ€chstes Jahr wird in Island ein neues Parlament gewĂ€hlt
*
Gnarr: Nein, das heißt es nicht. Ich möchte meine Arbeit in dieser Stadt fortsetzen. Ich bin mir sehr darĂŒber im klaren, dass ich noch 627 Tage Amtszeit ĂŒbrig habe – und bevor ich etwas anderes mache, möchte ich zu Ende bringen, was ich hier begonnen habe.

_Übersetzung aus dem Englischen_

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die erstaunlichen GeschÀfte der Greta Thunberg-Lobby

Greta Thunberg bricht mit einem Segelboot in die USA auf. Das globale Medienspektakel um die KlimaschĂŒtzerin erreicht einen neuen Höhepunkt. Doch im Hintergrund ziehen Profis ihre PR-Strippen und machen erstaunliche GeschĂ€fte.

"Ganz klar die AuslÀnderkriminalitÀt."

Vor einigen Wochen stellte Friedrich Merz völlig zu Recht - aber natĂŒrlich auch völlig entsetzt - fest, dass sehr viele Polizisten und Soldaten mittlerweile UnterstĂŒtzer der Alternative fĂŒr Deutschland sind.

Der Rest der Welt hĂ€lt Deutschland fĂŒr verblödet

Deutschland ist nur fĂŒr kaum mehr als 1 % des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, wĂ€hrend China, der grĂ¶ĂŸte Emittent, vom Pariser Klimaschutzabkommen das Recht auf Steigerung seiner CO2-Emissionen eingerĂ€umt bekommen hat. Die politisch herbeigefĂŒhrte Verelendung der deutschen Bevölk

Die SPD tut eigentlich sehr viel fĂŒr die Menschen

Die Halbzeitbilanz entscheide ĂŒber den Verbleib der SPD in der GroKo, sagt die kommissarische Parteichefin Schwesig. Was sie weiter saghte, sehen Sie hier!

Unsere Positionen sind keineswegs AfD-nah

Gern unterstellen unsere Gegner der WerteUnion, unsere Positionen seien AfD-nah. Die RealitĂ€t ist aber, dass die WerteUnion Positionen vertritt, die ĂŒber Jahrzehnte unbestritten Positionen der CDU/CSU waren. Leider hat die alte ParteifĂŒhrung diese Positionen in den letzten Jahren aber ĂŒber Bord

Warum Sie aus der Klimakirche austreten sollten

Es gibt in der Wissenschaft unterschiedliche Meinungen darĂŒber, ob es eine allgemeine KlimaerwĂ€rmung gibt und welchen Anteil der Mensch daran hat. Diese unterschiedlichen Positionen werden von Politik und Systemmedien nicht offen diskutiert; vielmehr wird wahrheitswidrig behauptet, dass nur ein un

Mobile Sliding Menu