Streitende sollen wissen, dass nie der eine ganz recht hat und der andere ganz unrecht. Kurt Tucholsky

Luststreben und schrankenloser Egoismus

Trotz Finanzkrise diktieren ökonomische immer noch politische Entscheidungen. Auch Social-Business-Strategien können nichts daran ändern. Dabei brauchen wir mehr als je zuvor menschenrechtliche Leitplanken und ökologische Begrenzungen.

Die Debatten über die Finanzkrise waren hoch emotional; deren Inhalte reichen von harter Regulation des Bankenwesens über den Wandel der Wirtschaft bis hin zu einer grundsätzlichen Kritik an unserem Wertesystem. Nach zwei Jahren ist die Bilanz dieser Erörterungen ernüchternd. Der kritische Beobachter muss erkennen, dass uns die Komplexität der Kausalitäten überfordert.

Noch immer dominieren die ökonomischen Interessen – als Wachstumsdiktat, als Standortpolitik, als Shareholder-Value. Auch die vielen vorbildlichen Social-Business-Strategien können nichts daran ändern, dass sich die menschlichen Grundwerte im Sinne einer neuen Ethik und einer neuen Einstellung zur Natur nicht geändert haben.

Luststreben und schrankenloser Egoismus

Ein grundlegender Kurswechsel bestünde darin, dass menschenrechtliche Leitplanken und ökologische Begrenzungen den Rahmen für ökonomische Ziele definieren. In Wirklichkeit aber gibt die Ökonomie den Takt vor. Wollen wir die Trias der Nachhaltigkeit wirklich ins rechte Lot bringen, müssen wir an den seelischen Grundlagen der Gesellschaft arbeiten. Als Albert Schweitzer 1954 seinen Friedensnobelpreis überreicht bekam, erklärte er der Welt, dass der Mensch ein Übermensch geworden sei: “Was uns aber eigentlich zu Bewusstsein kommen sollte und schon lange vorher hätte kommen sollen, ist dies, dass wir als Übermenschen Unmenschen geworden sind.” Schweitzer wies damit auf den Beginn des Industriezeitalters hin, als die Menschheit beseelt war vom unbegrenzten Fortschritt und damit der Unterwerfung der Natur, materiellem Überfluss und uneingeschränkter persönlicher Freiheit. Zwar gab es schon viel früher in der Menschheitsgeschichte solche Ideale, doch waren diesen bis dahin Grenzen gesetzt. Erst im 18. Jahrhundert erlebten die Menschen ein neues Gefühl der Freiheit; sie waren Herren ihres eigenen Lebens. Und obwohl dies nur für die Oberschicht galt, glaubten alle, zu gleichem Wohlstand zu gelangen, wenn die Industrialisierung nur rasch genug voranschreite.

Dass die neue Freiheit die Menschen nicht glücklicher machen konnte, liegt vor allem daran, dass unser Gesellschaftsbild von Luststreben und schrankenlosem Egoismus bestimmt ist. Diese Charaktereigenschaften, die das System fördern muss, um existieren zu können, hätten ohne die industrielle Revolution nicht zu den Leitprinzipien unserer Zeit werden können. Im Mittelalter wie in vielen hoch entwickelten und primitiven Gesellschaften wurde ökonomisches Verhalten durch ethische Normen bestimmt. Es war Teil des allgemeinen menschlichen Verhaltens und den Wertvorstellungen der humanistischen Ethik unterworfen. Erst der Kapitalismus trennte wirtschaftliches Verhalten von menschlichen Werten ab. Seitdem funktioniert der Wirtschaftsmechanismus als autonomes Ganzes – als System, das sich aus eigener Kraft und nach eigenen Gesetzen in Gang hält.

Ethische Geldanlagen machen komplexe Zusammenhänge sichtbar

Zum ersten Mal erkennen wir, dass ein Wandel nur einsetzen kann, wenn sich die Wirtschaft wieder ethischen Normen unterwirft. Solange sich der Geist der Eliten in Politik und Wirtschaft nicht eines Besseren besinnt, wird dies jedoch eine Utopie bleiben.

Ethische Geldanlagen und Kredite können dazu beitragen, an den seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft zu arbeiten, weil sie den komplexen Zusammenhang zwischen Geld und dem, was in der Welt geschieht, sichtbar machen und Bewusstsein schaffen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Matthias Weik, Lars Schäfers, Stefano Angioni.

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Kolumne

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von Gunnar Sohn
17.06.2015
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