Vollkommen in Ordnung

von Giovanni Maio24.04.2013Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Der Mensch muss begreifen, dass Perfektion kein erstrebenswertes Ziel ist. Denn im gleichen Maße, wie die Wissenschaft seine Leistungsfähigkeit steigert, beraubt sie ihn seiner Einzigartigkeit.

Wir leben in einer von Naturwissenschaft und Technik geprägten Gesellschaft. Das hat enorme Bedeutung für die Werte, die wir für erstrebenswert halten. Die Technik lässt uns an eine grundsätzliche Machbarkeit glauben. Aus ihrer Sicht gibt es keinen Punkt, an dem das Bestehende vollkommen erscheint.

Es ist immer die Annahme der Unvollkommenheit, mit der Menschen, die auf Technik setzen, auf die Welt zugehen. Sie halten Steigerung für einen Wert an sich. Dieser Glaube beruht auf einer einseitigen Vorstellung erfüllten Menschseins und auf einer Glorifizierung von Effizienz. Je schneller, desto besser.

Dieses Credo mag im Umgang mit bestimmten Dingen hilfreich sein, im Umgang mit Menschen ist es jedoch verhängnisvoll. Denkt man genauer über die Leistungssteigerungen des Menschen nach, so wird klar, dass die Hochschätzung des „Immer mehr“ ein falsches Verständnis vom guten Leben ist. Denn dieses ist nur möglich im Wechsel zwischen hoher Leistung und Entspannung sowie der Akzeptanz von Grenzen. Also das Sich-anfreunden-können mit dem, was man weniger gut kann. Der Mensch ist eben keine Maschine, die umso besser ist, je schneller sie arbeitet.

Vielmehr braucht der Mensch Effizienz genauso wie Muße, braucht das schnelle Erreichen von Zielen, aber auch die Wendungen des Lebens. Er braucht Widerstand, um überhaupt zu reifen, er braucht Misserfolg, um zu lernen. Wie auch das vollkommene Gesicht erst durch den Makel interessant wird, braucht der Mensch das Unvollkommene, um besonders zu sein. Wer könnte schon einen perfekten Menschen lieben?

Alles – bis hin zum Menschen selbst – einfach schneller zu machen, bedeutet daher nicht automatisch, dem Menschen etwas Gutes zu tun: Denn Perfektion und Vollkommenheit sind nicht dasselbe.

Je perfekter der Mensch werden will, desto unvollkommener wird er. Das Streben nach Perfektion im Sinne absoluter Intoleranz gegenüber Fehlern lässt Menschen obsessiv werden. Der Blick für das Wesentliche kommt abhanden. Er ist dann perfekt, aber unvollkommen. Und auch umgekehrt gilt, dass derjenige, der zu seiner Fehlerhaftigkeit steht, der Vollkommenheit näher ist als der selbstbezogene Perfektionist. Ein Umweg ist in diesem Sinne also der bessere Weg zum Ziel, sofern das Ziel ein erfülltes Menschsein ist und nicht das perfekte Funktionieren.

Die Vermutung liegt nahe, dass der Drang zur Perfektion nur ein verzweifelter Versuch des modernen Menschen ist, den durch Säkularisierung und Technisierung verloren gegangenen Sinn durch ein krampfhaftes Festhalten am Ideal der Perfektion zu ersetzen. Der Perfektionswahn ist eine Antwort auf die fehlende Transzendenz in einer lediglich auf Effizienz ausgerichteten Marktgesellschaft.

Dieser Drang nach Perfektion macht sich gerade im Umgang mit ungeborenem Leben bemerkbar. Mithilfe der Medizin strebt der Mensch nach der Zeugung makelloser Kinder. Dann wird sogar von Leidenslinderung gesprochen, wenn ungeborene Kinder abgetrieben oder im Reagenzglas aussortiert werden. So werden Praktiken salonfähig, durch die menschliches Leben als Ausschussware behandelt und getötet wird.

Dahinter steckt die fixe Idee, dass nur ein perfektes Leben ein glückliches Leben sein kann. Und perfekt ist dieses Leben eben erst dann, wenn es den gängigen Idealen von Leistung und Tauglichkeit genügt. Wenn dann später das einst taugliche Leben krank wird und auf andere angewiesen ist, ist es der Perfektionswahn, der die Menschen verzweifeln lässt. Der Drang nach Perfektion wendet sich dann letztlich gegen das Leben selbst.

Jeder Mensch ist vollkommen, weil er unverwechselbar ist

Daher lautet die zentrale Frage: Welches Leben ist vollkommen? Die moderne Gesellschaft setzt ganz auf die Machbarkeit und nutzt Technik und Wissenschaft zur Bestimmung von Vollkommenheit auf Basis der Perfektion. Dieser Versuch ist zum Scheitern verurteilt.

Der technologische Fortschrittsgedanke ist nicht alleiniger Maßstab des guten Lebens. Diese Verengung auf Funktionalität und Tauglichkeit führt zu einer Sichtweise, in der es nur noch standardisierte Vorstellungen von Perfektion gibt: Menschen, die alle die gleichen Höchstleistungen zu vollbringen und möglichst immer zu funktionieren haben.

Doch die eigentliche Vollkommenheit des Menschen liegt nicht in seiner Leistungsfähigkeit, sondern in seiner Einzigartigkeit. Jeder Mensch ist vollkommen, weil er unverwechselbar ist. Auch der Kranke bewahrt seine Faszination. In diesem Sinne ist unser technischer Drang nach Perfektion ein Blindwerden für eine Vollkommenheit, die es bereits gibt und die nicht herstellbar ist. Es ist die unverwechselbare Brillanz des Lebens selbst.

Die Wissenschaft muss deshalb neue Zugänge zur Natur und den Menschen erlernen. Bei allem Drang zum Beherrschen und zum Überschreiten von Grenzen dürfen wir das Staunen und das Hochgefühl im Angesicht der Vielfalt des Lebens nicht verlieren. Unbenommen der Segnungen, die diese Form der Wissenschaft hervorgebracht hat, ruft sie auch eine Grundeinstellung auf den Plan, die sich am Ende gegen das Leben selbst richtet. Demut und Staunen müssen deshalb die Prämissen einer Wissenschaft der Zukunft werden.

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