Das Gegenteil von gut

von Gesine Schwan8.12.2009Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Der Geist ist aus den Hochschulen ausgezogen. Denn Bologna entwickelte sich in einem verhängnisvollen Kontext. Die Hochschulen sollten sich auf ihren Auftrag besinnen: die “Wahrheit” über die Wirklichkeit zu erforschen und der Öffentlichkeit zu vermitteln.

Humboldt vergessen, das hieße zukunftsträchtiger Wissenschaft den Boden entziehen. Denn wenn man den historischen Kontext seiner Überlegungen abzieht, bleibt ein entscheidender und nach wie vor gültiger Kern: Forschung und Lehre gehören zusammen, wissenschaftliche Erkenntnis fällt nicht vom Himmel, kann auch nicht einfach wie ein Sack Heu weitergetragen werden. Ihre Geltung hängt untrennbar von den theoretischen, methodologischen und methodischen Voraussetzungen ihrer Entstehung in der Forschung ab. Wer nie geforscht hat – und sei es in einem noch so kleinen Bereich -, kann wissenschaftliche Ergebnisse weder verstehen noch in ihrer Tragweite einschätzen. Der Bologna-Prozess hatte gute Absichten, entwickelte sich aber in einem verhängnisvollen ökonomischen und kulturellen Kontext. Das führte dazu, dass der Geist weitgehend aus den Hochschulen ausgezogen ist. Die guten Absichten zielten auf eine Entgrenzung des europäischen Kultur- und Wissenschaftsraums, auf die Erleichterung internationaler Mobilität, auf die Erweiterung des Horizonts, auf eine Gliederung des Studiums, die Übersichtlichkeit mit Vielfalt und individueller Betreuung verbinden sollte.

Entfesselter Wettbewerb sollte alles richten

Aber der Anstoß erfolgte aus einem sich zunehmend verselbstständigenden Motiv heraus: Die Europäische Union und vor allem die Studierenden sollten für den globalen Wettbewerb ertüchtigt werden – in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, auf den Arbeitsmärkten. Damit wurden Wissenschaft und Bildung zunehmend ökonomischen Denkmustern und quantifizierbaren Erfolgskriterien unterworfen. Der möglichst entfesselte Wettbewerb sollte alles richten. Daraus entstand an und zwischen den Hochschulen eine geradezu manische Kultur der Konkurrenz und des Ehrgeizes. Leistungsinhalte oder Kriterien wurden nicht mehr reflektiert, geschweige denn kontrovers diskutiert. Es ging nur noch darum, Bester zu sein, zur Elite zu gehören. Ein letztlich auf Eitelkeit beruhendes Motiv. Zugleich übten die Wirtschaft und die Finanzknappheit einen ungeheuren Druck auf die Hochschulen aus, die Studienzeiten so kurz und so vollgestopft wie möglich zu gestalten. Zum “Selbst-Denken” oder zum Auslandsaufenthalt blieb vor allem im Bachelor-Studium keine Zeit. Auch viele Hochschullehrer wollten das Gros der Studierenden möglichst schnell loswerden, um sich dann in Ruhe der kleineren Zahl der Fortgeschrittenen zu widmen. Der marktradikale Zeitgeist hat die Hochschulen im Bologna-Prozess zu weiten Teilen in studentische Legestellen verwandelt.

Die Finanzen müssen radikal aufgestockt werden

Die Universitäten können sich nicht einfach neu erfinden. Sie müssen sich auf ihren Auftrag rückbesinnen, die “Wahrheit” über die Wirklichkeit zu erforschen und der Öffentlichkeit zu vermitteln. Mit allen Schwierigkeiten. Die Finanzen müssen radikal aufgestockt werden. Gute Lehre braucht persönliche Kommunikation. In der Forschung muss eine ausgewogenere Balance zwischen autonomer Themensetzung und Drittmittelforschung hergestellt werden. Die Idee, dass hochkompetitive Drittmittelfinanzierung den faulen Professoren Beine machen und nur die Besten stärken würde, hat zu einer ausgetüftelten und absurden Antragsindustrie geführt, in der Wissenschaftler dann am erfolgreichsten arbeiten, wenn sie sich in smarte Manager verwandeln. Lieber ein paar “faule” Professoren als eine in den Fragestellungen fremdgesteuerte Universität, die jede Autorität verloren hat, weil sie sich ins Schlepptau wirtschaftlicher Partikularinteressen begeben hat.

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