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Gesellschaft & Kultur > Deutschland gespalten - Corona sind die anderen

Zwischen Covid-Zirkus und zivilem Gehorsam: Deutschland ist gespalten

Artikel vom

Gibt es eigentlich „Schwarmvernunft“ und das Zufallskollektiv“ in Anbetracht der Corona-Pandemie? Was das alles mit dem Lockdown im Frühjahr zu tun hat und warum sich die Deutschen nach Normalität sehnen, erklärt Thomas Schmid.

Zerrissene Gesellschaft, Foto: imago images / Steinach
Zerrissene Gesellschaft, Foto: imago images / Steinach

Die meisten Deutschen halten die verordneten Corona-Regeln noch immer für angemessen. Das jedenfalls sagen Umfragen. Die Bürger leiden unter den Einschränkungen, nehmen sie aber hin. Und es verärgert sie auch nicht besonders, dass Gesundheitsminister Jens Spahn fast täglich mit einer neuen Idee oder einer neuen Deutung oder einer neuen Maßnahme aufwartet. Es gibt freilich auch eine lautstarke Minderheit, die der Regierung kein Wort glaubt, die den ganzen Covid-Zirkus für einen einzigen großen Unfug hält und die entschlossen ist, die staatlichen Regeln zu missachten. Vermutlich ist diese Minderheit im Wachsen. Und wahrscheinlich war sie von Anfang an größer, als die grelle Schar der Demonstranten vermuten ließ.

Es hat nach der Verhängung des Lockdowns nicht lange gedauert, bis die Überzeugung oder zumindest der Verdacht geäußert wurde, es habe kaum etwas mit Vernunft zu tun, dass so viele Bürger das Einfrieren des gesellschaftlichen und eines beträchtlichen Teils des wirtschaftlichen Lebens ohne Widerworte hinnahmen. Schnell hieß es, da komme wieder der alte, obrigkeitshörige deutsche Michel durch, der sich so gerne Vorschriften machen, der sich so bereitwillig gängeln lässt und das Ganze dann auch noch zu einem kollektiven Volkserlebnis verklärt. Es mag sein, dass das auch mitgespielt hat und dass mancher, der auf die Einhaltung der Regeln sah, sein insgeheimes Blockwartbedürfnis bediente. Im Großen und Ganzen aber sah das Alles eher nach vernünftiger Übereinkunft, nach Überzeugung aus.

Wie diese zustande kam, hat kürzlich die Literaturkritikerin und Autorin Ursula März in einem bemerkenswerten Artikel in der „Zeit“ zu ergründen versucht. Sie verglich die unerklärte kollektive Zustimmung zur Corona-Achtsamkeit mit dem Verhalten von Autofahrern in einem zehn Kilometer langen Stau bei großer Sommerhitze. Wie von Zauberhand geführt, machten alle ohne Ausnahme die Rettungsgasse in der Mitte der Fahrbahn frei. Und es gab auch keine wütenden Hupkonzerte, aus denen sich schnell eine aggressive Jeder-gegen-jeden-Stimmung hätte entwickeln können. Die Autorin spricht von der „Schwarmvernunft“ dieses „Zufallskollektivs“. Es brauchte keine großen Debatten, damit alle das Richtige taten. Es gab eine schweigende Übereinkunft. Diese steht natürlich in schlechtem Ruf, denn man assoziiert sofort „schweigende Mehrheit“ und hegt den Verdacht, sie sei von Ressentiments getrieben und verheimliche ihre wahren Motive.

Tatsächlich aber sei, so die Autorin, auf der Autobahn wie beim „größtmöglichen Konsens des Stillhaltens“ während der Corona-Krise so etwas wie eine gemeinschaftliche Vernunft am Werk gewesen. Das ist vielleicht etwas pointiert, trifft aber einen Punkt. Corona macht Angst. Diese Angst führte aber weder zu Tumult und Aufstand, noch zum Tanz auf dem Vulkan. Die Angst setzte sich in Vertrauen in Staat und Regierung um. Und zwar nicht a priori, sondern weil für jede und jeden zu beobachten war, dass die Regierenden sich bemühten, die Gefahr realistisch und ohne Drohgebärde zu beschreiben. Und weil sie wie schon lange nicht mehr darauf bedacht waren, eindringlich zu erklären, warum sie taten, was sie taten. Die Ruhe, die hier als Bürgerpflicht angemahnt wurde, ist keine Duckmäuser-Tugend.

Auf der anderen Seite des deutschen Mondes leben aber jene, die nichts von solcher Zurückhaltung und Achtsamkeit im Umgang miteinander halten. Auch eine schweigende, aber quicklebendige Mehrheit. Ich meine damit nicht so sehr die „Querdenker“ und anderen Demonstranten, die dem Staat erklärtermaßen das Recht absprechen, ihnen Verhaltensvorschriften zu machen. Ich meine jene Vielen, denen man inzwischen tagtäglich in Parks, Einkaufszentren, Restaurants oder an den Stränden der Ostsee kaum noch aus dem Weg gehen kann. Sie bekämpfen das Corona-Regiment nicht, sie unterlaufen es, wortlos und mit der ganzen Kraft ihrer Existenz. Da ist die entgegen kommende vierköpfige Familie, die in breiter Front spaziert und nicht Platz macht. Darauf angesprochen, kommt die Antwort: „Wir sind doch eine Familie.“ Oder: „Weichen Sie doch aus!“ In beiden Fällen lautet die Botschaft: Corona – das sind die Anderen, mit uns hat das nichts zu tun, belästigen Sie uns damit bitte nicht.

Diese Menschen wissen vermutlich sehr wohl, dass das gefährliche Virus im Prinzip allgegenwärtig ist. Aber sie wollen es per Willensakt von sich fernhalten. So als könnten sie sich aus dem gesellschaftlichen und ökologischen Ganzen herausschneiden, als gelte John Donnes berühmte Zeile „No man is an island entire of itself“ nicht für sie. Man kann heute kaum vor das Haus treten, ohne dass einem diese Haltung begegnet. Sie tritt einem nur vereinzelt aggressiv, meist dagegen fast unschuldig, aber in reflexhafter Schnelligkeit entgegen. Zugleich aber mit großer Wucht, so als wäre sie angeboren. Die meisten wollen ihrem Gegenüber nicht böse, sie wollen aber in ihrer Bewegungsfreiheit auf gar keinen Fall eingeschränkt, sie wollen nicht behelligt werden. Und sie verübeln es dem Anderen, wenn er ihnen als wandelnde Corona-Mahnung gegenübertritt.

Ihre Devise lautet: Es soll wieder Normalität sein, um jeden Preis! Die Corona-Zeit soll nur ein schlechter Traum gewesen sein. Und dazu gehört, dass man die Kontrolle über seine Lebensumstände oder zumindest die Illusion dieser Kontrolle zurückgewinnt. Kontrolle gewinnen bedeutet Sicherheit, auch wenn diese nicht wirklich ist. Man muss nur sich und seine Familie zum Zentrum, zum Dreh- und Angelpunkt machen.

Es ist wahrscheinlich kaum zu ermessen, wie tief diese Haltung in die deutsche Mentalität der Nachkriegszeit eingeschrieben ist. In den auf ihre Weise unpolitischen 50-er Jahren erblühte eine Kultur radikaler Privatheit. Der private Raum war ein heiliger Raum. Ein staatlich beschützter, aber ein staatsfreier Raum. Je größer er war, umso größer war das Glück, der so erschütterungsreichen Zeit davor entronnen zu sein. Es setzte sich damals – durch eine entsprechende Wirtschafts- wie Gesellschaftspolitik gestützt – der unaufhaltsame, unerschütterliche Wille zur Wiederherstellung von Normalität durch. Die Bürgerinnen und Bürger, die Corona implizit zu einem extraterritorialen Geschehen erklären, stehen noch immer in dieser Tradition. Übrigens in West wie Ost gleichermaßen: Hierin war Deutschland nie geteilt.

Man hat oft zu erklären versucht, warum nach 1945 in Deutschland die NS-Zeit schon bald und dann für etwa zwei Jahrzehnte lang kein Thema war, warum die Deutschen damit leben konnten. Verdrängung sei am Werk gewesen, heißt es. Andere sagen mit dem Philosophen Hermann Lübbe, die NS-Vergangenheit sei „beschwiegen“ worden, um sich so gewissermaßen für die kommende Demokratie fit und passend zu machen. Beide Erklärungsversuche haben etwas für sich, können das damalige Verhalten aber wohl nicht ganz fassen. Verdrängung setzt einen erklärten Willen voraus, der kaum gegeben war. Und die Theorie vom „Beschweigen“ übersieht, dass die damals Schweigenden vieles im Sinn hatten, aber wohl kaum den Wunsch verspürten oder gar den Willen hatten, möglichst schnell in der ihnen noch völlig unbekannten liberalen Demokratie anzukommen.

Vielleicht obsiegte nach dem 8. Mai 1945 fast wie über Nacht der unbedingte Wunsch nach Rückkehr zur Normalität. Zu einer Normalität des Privaten. Zu einer von Geschichte und Vergangenheit befreiten, gereinigten Normalität. Zu einer unschuldigen Umwelt, zu Vater-Mutter-Kind. Zu Auto-Haus-Garten. Zum Aufwachen aus einem bösen Traum, in dem Hitler dann nur eine Phantasmagorie gewesen wäre. Auch dieser eiserne Wille zur Normalität war am Werke, als in den Jahren 1946 bis 1949 Karneval und Fasching am Rhein wie ein beschwörender Rausch gefeiert wurden. Und schaut man auf Fotografien in die Gesichter vieler Trümmerfrauen, ist auch ihnen eine nach der Katastrophe umstandslos zurückgekehrte Unbekümmertheit anzusehen. Zwar Trümmer, viele Trümmer, die Gesichter jedoch sagen: Sonst aber ist eigentlich nichts geschehen, alles ist wieder wie vorher.

P.S.: Freilich, auch die Schwarmvernünftigen können sich nicht gänzlich sicher sein, ob sie mit ihrer Einwilligung in die Corona-Regeln das einzig Richtige tun. Sie können nicht wirklich wissen, ob nicht auch sie der illusion of control aufsitzen.

Quelle: Thomas Schmid - Die Texte

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