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Gesellschaft & Kultur > Coronakrise: Leben unter Masken

Das Geschäft mit der Angst hat Hochkonjunktur

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Die Angst regiert in Deutschland. Die Linke fürchtet die Rechten, die Rechten fürchten den Staat und der Staat fürchtet das Volk. Und über allem herrscht Misstrauen, so dass offenkundige Wahrheiten gar nicht mehr als solche erkannt werden - aus Angst, dass die gegnerische Seite sie für ihre Zwecke instrumentalisiert. Ein ewiger Kreislauf, der nur noch mit dem verzweifelten Ruf nach Solidarität überdeckt werden kann.

Frau mit Mundschutzmaske, sitzt auf Bank, picture alliance / Eibner-Pressefoto | Weber/ Eibner-Pressefoto
Frau mit Mundschutzmaske, sitzt auf Bank, picture alliance / Eibner-Pressefoto | Weber/ Eibner-Pressefoto

Ideale werden zu Zwangsjacken, edle Ziele zu steinernen Statuen. Denn auf dem Höhepunkt der Vollendung seiner Zeit will der Mensch sich nicht eingestehen, dass er sie aufgeben muss, um zu sich zurückzukehren. Stolz und Vorurteil besiegen den Schmerz, aus dem alles geboren ist. Innere Feinde werden beschworen, die Ordnung stabilisiert, Übergänge verschlossen und die Wegmarken mit Ritualen besetzt, die die soziale Kontrolle einübt und verfestigt: die Geburt der Maske ist vollbracht. Die Aufführung der Posse beginnt. In der neu geschaffenen Anonymität wuchern wilde Gedanken und grenzgängerische Halbwahrheiten, die sich wie ein Dickicht ausbreiten und die gewohnte Fläche überlagern.

Wir fügen uns der Belehrung und unterwerfen uns der kultischen Macht der Integration, die uns dauerhaft das Bewusstsein unserer natürlichen Schuld heraufbeschwört. Deutschland, einig Vaterland - was ist Dir die Würde des Menschen wert, die du doch so hoch schätzt, dass sie immerhin das Heiligste begründet, was Du besitzt, nämlich das Grundgesetz? Wie können wir Würde be-greifen, wenn sie doch unantastbar ist? Wo fängt sich an und wo hört sie auf? Kann man sie überhaupt allgemeingültig für alle bestimmen? Oder ist sie etwas höchst Individuelles? Während der eine die Maske mit stoischem Gehorsam trägt, raubt sie der anderen mehr als nur den Atem. Aber ist diese sensible Befindlichkeit weniger oder mehr wert als der prognostizierte Durchschnitt einer Lebensspanne?

Mit dem Körper beginnt alles

Habeas corpus - du kannst den Körper haben, wenn die entsprechenden Rechtsprozesse eingeleitet wurden. Historisch bildet dieser Rechtsakt von 1679 eines der größten Fundamente in der Geschichte des Rechtsstaats. Um die individuelle Freiheit gegen willkürliche Exekutivmacht zu schützen, unterschrieb König Karl II. in England auf Druck des Parlaments das Recht auf ein ordentlichen Verfahren für jeden, der in Haft gehalten wurde. Die Habeas Corpus-Akte ist auch im deutschen Grundgesetz verankert. In Artikel 104 heißt es: „Die Freiheit der Person kann nur auf Grund eines förmlichen Gesetzes und nur unter Beachtung der darin vorgeschriebenen Formen beschränkt werden. Festgehaltene Personen dürfen weder seelisch noch körperlich mißhandelt werden.“

Wo aber beginnt körperliche oder seelische Misshandlung bei jedem Einzelnen? Und welcher Maßstab wird dafür genommen? Solidarisch verzichten bei 300 oder 30.000 Euro Haushaltsgeld im Monat? Zwangsquarantäne auf 25 oder 250 Quadratmetern? Selbstisolation von vernunftbegabten Erwachsenen oder behördlich angeordnete Isolation von entmündigten Alten oder Kindern? Maximaler Stress und Depression als erträgliche Nebeneffekte im Kampf um das nackte Überleben oder übersteigerter Eifer aus einem falschen Verständnis von Gesundheit, die Risikooptimierung über alles stellt?

Ich bin nicht nützlich, also bin ich

Wir nützen uns selbst. Ist das wirklich der einzige Mehrwert, den unser Leben erzeugt? Die Sterbe-Vermeidungs-Gesellschaft sieht den Tod als technischen Störfall, der aus den Statistiken verschwinden soll. Wenn das nicht geht, dann doch bitte so gut wie möglich minimieren. Leben unter Masken für eine saubere Statistik. Aber der Tod bedeutete einmal etwas, er ist mehr als nur ein Bug. Er hat etwas zu tun mit Verantwortung, mit Loslassen, mit Abgeben an die nächste Generation, mit den Ansprüchen und Begrenzungen der eigenen Körperlichkeit, aber auch mit Vollendung und Schönheit, die eben nur aus dem Paradox zwischen Flüchtigkeit und einer unendlich ausgedehnten Gegenwart entstehen kann.

Aber wir sind schon nicht länger real in unserer Unvollständigkeit, wir sind nur noch geistige Potentiale, die ihren Wert erst in der Skalierbarkeit erfahren. Die Wahr-Zahlen erschaffen den besorgten Quant, der seinen Wert nach dem geringsten Risiko bemisst. Er glaubt tatsächlich, so nicht nur Unsterblichkeit, sondern auch noch die Weisheit einer alles übersteigenden Intelligenz zu erlangen. Und all das ist längst System, denn das dysfunktionale Auseinanderdriften der gesellschaftlichen Schichten erzeugt eine Regulierungswut, die die Individualität des Einzelnen immer weiter im Auftrag der inklusiven Gesellschaft beschränkt. Sich einschränken um Andere teilhaben zu lassen. Aber woran?

Die Freiheit des Herzens ist eine andere

Die inklusive Gesellschaft normiert mit ausgeklügelten Anreizsystemen und psychologischer Ansprache von relevanten Zielgruppen. Polittechnologen kreieren nach Vorgaben ihrer Herrscher gesellschaftliche Trends, die auf geschickte Weise Forderungen nach Gerechtigkeit und Frieden entschärfen, indem sie sie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduzieren. Mit Bioengineering und Nudging-Kampagnen wird den Menschen die Widerstandskraft Stück für Stück aus der Immunabwehr gebrochen, um sie statt dessen mit Glücksversprechen auf allerlei zusätzliche käufliche Hilfsmittel zu konditionieren, die noch mehr Geld in die Kassen der Herrschenden spült. Die fröhliche Wissenschaft dagegen erfindet multiple Spiegeluniversen, die sich in dem „höher, schneller, weiter“ der eigenen Eitelkeit sonnt. Die Verpflichtung zur Erkenntnis der Welt und dem mühsamen Prozedere von Versuch und Irrtum ist längst den wachstumsorientierten Zielen der Bedarfserweckungsgesellschaft gewichen.

Die selbst gemachten Abgründe der gelenkten Demokratie in der Ressourcen-zehrenden Informationsgesellschaft werden neuerdings mit einer „Trunkenheit nach Genesung“ kompensiert. Die Freiheit dagegen ist zum Kampfwort derjenigen geworden, die dagegen sind. Die Freiheit ist eine arme Hure, der Kapitalismus hat sie vereinnahmt und der Sozialismus gleichermaßen. Die Kollektive werden nicht müde, uns auf eine bessere Zukunft zu vertrösten. Der moderne Mensch lebt doch schon längst unter so vielen unverbindlichen Masken, dass er vor seinem wahren Gesicht erschrecken würde. Frei ist, wer möglichst viele vorgekaute und häppchenweise servierte Wünsche der Werbeindustrie internalisiert. Frei ist, wer sich anpasst, um den endlosen Fortschritt voranzutreiben. Frei ist, wer sich der Vernunft der Technokratie unterwirft.

Am Anfang steht die Einsicht

Das Leben ist rund - das wussten schon Van Gogh und Rilke. Wie eine luftige Spirale dreht es sich aus sich selbst heraus, um sich schließlich wieder in sein Ebenbild zu verfestigen. Eine seltsame Schleife, die selbst solch erhabene Wissenschaft wie die formale Mathematik hinters - oder doch ans? Licht führt. Die Zeit kehrt zurück in die Schale. Erst wenn sie sich sammelt, ganz klein und kondensiert wird, so dass sie schon fast verschwunden ist und doch in ihrer vollen Potentialität ganz bei sich ist, dann wird sie in ihrem eigentlichen Wesen erkennbar.

Die Jugend will gestalten, radikal, sie will eine Umwertung aller Werte. Sie schwärmt, sie ist widerspenstig, dem logischen Kalkül immer ein Dorn im Auge. Sie sieht nur Missstände und nicht die Errungenschaften und die Mühen und Schmerzen, die damit verbunden waren. Sie schreibt ihre eigene Gegenwart neu und belastet sich nicht mit Gedächtnis. Jede Zeit hat ihre eigenen Ideale. Sie verkennt die Linien der Vergangenheit aufs Neue, sie driftet weg vom  Mittelpunkt, um ihn durch einen neuen Ursprung wiederzufinden.

Die Funktionsgesellschaft kann das auf Dauer nicht zulassen, denn sie reduziert die Würde des Menschen immer weiter auf das Recht auf ein unbeschadetes Leben. Aber wessen Leben ist besser davon geworden, dass er keinen Schaden getragen hat? Ist nicht mein Mangel, den ich innig in meinen Eigenweiden als untrennbaren Teil meiner Selbst empfinde, ein integraler Bestandteil meiner Würde? Aber wenn das so ist, ist dann nicht der Kern der Würde die Verletzlichkeit und Widersprüchlichkeit, die das Individuum in Interaktion mit seiner Umwelt erst erzeugt?

Der ewige Abschied

Die Corona-Krise ist ein Abschied. Abschied vom letzten Jahrhundert, dass noch bis jetzt seine letzten Todeskämpfe ausgetragen hat. Wo führt die Krise uns hin? Etwas verändert sich, verändert uns alle. Wir geben ab, nehmen Neues an und schaffen neue Wunden, indem wir die alten verschließen. Wir wachsen schnell über uns hinaus, viel zu schnell um zu verstehen, was uns treibt. Wir vergessen, wer wir waren, um uns der Zukunft zu öffnen. Eine Zukunft, die wir erst erschaffen. Wir treten heraus in ein weites Land.

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