Fundament statt Kartenhaus

von Gert Pickel25.09.2011Gesellschaft & Kultur

Wer nicht an Gott glaubt, glaubt auch an nichts anderes. Dass Religion und Kirche einander brauchen, ist der Existenzgrund der Kirchen – doch von selbst kommt diese Verbindung nicht zustande.

Angesichts der “vielfältigen”:http://www.theeuropean.de/christian-boehme/8035-papst-benedikt-im-bundestag “Debatten”:http://www.theeuropean.de/jost-kaiser/8112-der-papst-besucht-deutschland-2 über den Besuch Benedikts in Deutschland, muten die Unkenrufe einer unaufhaltsamen Säkularisierung und Erosion gerade des christlichen Glaubens fast anachronistisch an. Religion ist in aller Munde – und insbesondere in allen Medien. Ist nicht eher eine De-Privatisierung zu beobachten und zeigen sich nicht allerorts Tendenzen einer Rückkehr des Religiösen, wenn nicht gar der Religionen?

Oder doch Säkularisierung?

Die Gründe sind vielfältig – und überwiegend sozialer Natur. Immer mehr Bereiche des Lebens lassen sich ganz rational erklären, religiöse Deutungen werden immer weniger notwendig. War früher Regen ein religiös bedingtes Ereignis, dann ist es jetzt meteorologisch bestimmbar. Doch auch die Steigerung individueller Verantwortung (Individualisierung), Zunahme an Mobilität und Auflösung traditional gewachsener Strukturen sowie eine Privatisierung des Religiösen durch die (funktionale) Differenzierung von Politik und Religion sind Auslöser für die seit einigen Jahrzehnten zu beobachtende Entwicklung. Zudem hat der zunehmende Wohlstand die Menschen von Sorgen um ihre Existenz entlastet, was Gott nicht mehr so notwendig für das eigene Leben erscheinen lässt.

Bastelreligion, Patchwork-„Religiosity“, Individualisierung?

Doch reicht der Blick auf die für Europa immer noch prägenden Institutionen des Christentums aus, Religiosität zu erfassen und zu beschreiben? Ist es nicht vielmehr so, dass man seinen individuellen Glauben auf dem Marktplatz der religiösen Angebote “selbständig zusammenstellt”:http://www.theeuropean.de/malte-lehming/8097-papst-benedikt-im-atheistischen-deutschland? Zweifelsohne ist der Synkretismus, im Sinne der Gleichzeitigkeit von Zen-Glauben, Bachblütentherapie und Weihnachtsgottesdienst, gewachsen. Gleichzeitig ist aber auch die Gruppe derer gewachsen, welche definitiv an keinen Gott glauben oder nicht wissen, woran sie glauben sollen. Selbst wenn die Mehrheit von ca. zwei Dritteln der Deutschen (und etwas mehr Europäern) sich noch selbst als religiös bezeichnet, findet sich ein christlichen Vorgaben entsprechender Glaube an einen persönlichen Gott nur noch bei einem Viertel der Westdeutschen (8% der Ostdeutschen). Diese Diffusion des Glaubens mündet dabei aber keineswegs in alternative Religiosität: Wer nicht an Gott oder eine höhere Macht glaubt, der glaubt auch meist nicht an Zen-Mediation, UFOs oder Horoskope. Von einer Rückkehr des Religiösen kann damit kaum gesprochen werden.

Fallstricke der Individualisierungsannahmen

Freilich fällt es in einer historisch über lange Zeit gewachsenen christlichen Kultur schwer zu akzeptieren, dass nicht nur der Bezug zur Institution Kirche erodiert, sondern auch die religiöse Indifferenz zunimmt. Vielleicht ist Religiosität ja auch einfach keine anthropologische Konstante, wie von vielen angenommen. Genau dieser Blick birgt nämlich auch Gefahren für Religion und Kirche. So haben sich lange Jahre die christlichen Kirchen gerne damit getröstet, dass die „verlorenen Schäfchen“ ja an sich noch religiös sind – und damit in ferner Zukunft vielleicht auch wieder zurückkehren. Dies scheint angesichts des rasanten sozialen und kulturellen Wandels eine gefährliche Hoffnung, ist doch Kirchlichkeit und Religiosität eng miteinander verwoben. Soziale Praktiken festigen und stärken den Glauben, religiöse Erziehung erzeugt, für das Verständnis, von dem, was Religion ist, notwendiges religiöses Wissen. Und für religiöse (oder spirituelle) Erfahrung benötigt man religiöse (oder spirituell aufgeladene) Räume. Vielmehr sind die immer noch breit in den europäischen Bevölkerungen verankerten Kirchen dazu angehalten sich auf die Pflege ihrer Gemeinschaften einzulassen, vielleicht auch unter neuen Begleitumständen durch organisatorische Umformungen.

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