Inter(national)

von Gerhard Reese17.07.2014Gesellschaft & Kultur

Bei der Europawahl wurden vermehrt nationalistische Parteien gewählt. Deshalb: Drei Ansätze, um die gemeinsame soziale Identifikation mit Europa zu stärken.

Die letzte Europawahl hat offenbart, dass sich Europa in einem scheinbaren Prozess der Renationalisierung befindet: In vielen EU Staaten wählten Bürger nationalistische oder zumindest EU-kritische Parteien in das europäische Parlament – ungeachtet der Warnungen oder besser Sorgen etablierter Parteien und pro-europäischer Initiativen. Ist die Idee einer gemeinsamen europäischen Identität damit ad absurdum geführt?

Über die Gründe des Erstarkens nationalistischer Parteien wird sowohl wissenschaftlich als auch politisch viel diskutiert – ökonomische Krise, existenzielle Bedrohungen, Angst vor Verlust nationaler Identitäten, Protest gegen etablierte Parteien oder mangelndes Demokratieverständnis sind nur einige der Schlagworte, derer sich gerne bedient wird. Weit weniger Beachtung bei vermeintlich vergleichbarer Wichtigkeit wird der Frage geschenkt, inwiefern Identifikation auf der Ebene Europas – und damit grenzüberschreitende Solidarität – überhaupt möglich ist. Unter der Annahme, dass diese Ebene sozialer Identifikation gesellschaftspolitisch wünschenswert ist, ist weiter zu ergründen, wie sich diese europäische Identifikation erreichen lässt.

Eine Basis für gemeinsame, transnationale Identifikation

Sozialpsychologische Forschung der letzten Jahrzehnte – in politischen Debatten leider häufig vernachlässigt – zeigt hier interessante Möglichkeiten auf, soziale Identifikation mit Europa zu stärken. Drei Ansätze scheinen für den europäischen Kontext dabei besonders relevant.

Erstens könnte die politische Elite aktiv dafür sorgen, Europa als komplexes und diverses Konglomerat verschiedener Nationen und Kulturen zu präsentieren. Damit ließe sich ein klassisches Phänomen erschweren: Die Wahrnehmung, dass die eigene Nation ein typischerer und damit relevanterer Vertreter für eine größere, inklusivere Einheit (hier: Europa) ist. So konnten eine Reihe psychologischer Studien zeigen, dass BürgerInnen verschiedener europäischer Nationen ihre eigene Nation als typischer für Europa (im Bezug auf Werte und charakterisierende Eigenschaften) sahen als andere Nationen. Diese Wahrnehmung hing konsistent mit negativen Einstellungen gegenüber fremden Nationen zusammen. Gelingt es jedoch, Europa als inklusive soziale Kategorie komplex und divers zu gestalten, können die national gefärbten Werte und Eigenschaften nicht mehr eindeutig auf Europa „projiziert“ werden. Eine alleinige Definitionsgewalt darüber, was Europa ausmacht, wäre damit erschwert und sollte zu positiveren Einstellungen gegenüber anderen Nationen führen – eine Basis für gemeinsame, transnationale Identifikation.

Zweitens sollte dem interkulturellen Austausch mehr Beachtung geschenkt werden. Kontakt zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen – institutionell begleitet und auf Augenhöhe – kann zu positiveren Einstellungen gegenüber und Empathie für „Andere“ führen, und damit die Identifikation in einer gemeinsamen, übergeordneten sozialen Einheit erleichtern. Austauschprogramme wie etwa das sehr erfolgreiche Erasmusprogramm für Studierende können hier durchaus Erwähnung finden, auch wenn die eigene nationale Identität im Ausland zunächst offensichtlicher wird. Ähnliche Programme könnten allerdings schon viel früher in der menschlichen Entwicklung ansetzen und breiteren Bevölkerungsschichten Zugang bieten.

Kleinere Identifikationsebenen bevorzugen

Drittens besteht die Möglichkeit, gemeinsame europäische Aufgaben und Herausforderungen zu finden, umzusetzen und als solche zu kommunizieren. So hat die Sozialpsychologie wiederholt zeigen können, dass ein gemeinsames Schicksal und gemeinsame Ziele dazu beitragen, eine gemeinsame Identität (und damit Handlungsfähigkeit) zu schaffen. Ein gemeinsames Ziel aller europäischen Nationen könnte dabei der Klimaschutz sein. Gelingt es den Nationalstaaten, hier eine gemeinsame Linie zu finden und diese öffentlich wirksam zu vertreten, könnte dies eine gemeinsame Grundlage sein – „Wir Europäer sind die Vorreiter im Klimaschutz!“. Doch allein dieses Beispiel verdeutlicht schon die Grenzen rein psychologischer Ansätze. Ohne politischen Gestaltungswillen scheint es schwierig, derartige gemeinsame Ziele effektiv zu kommunizieren. Inwiefern Wurzelbewegungen hier einen größeren Einfluss haben können, muss die nähere Zukunft zeigen.

Vor allem sollte nicht vergessen werden, dass Menschen nicht ohne Grund kleinere Identifikationsebenen bevorzugen – bieten diese doch in kriselnden oder bedrohlichen Zeiten eine unmittelbarere, instrumentellere und vertrautere Umgebung. Eine gemeinsame europäische Identität bei gleichzeitig nationaler und regionaler Identifikation könnte somit die schwierigste Aufgabe für das Ziel eines geeinten Europas sein.

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