Die große Depression der Neurose

Gerhard Bliersbach8.12.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft

Die Freudianische Psychoanalyse ist tief in unsere narrative Kultur eingedrungen und prägt unsere selbstreflexiven Diskurse. Doch die Krankheitsbegriffe sind dem Trend gefolgt: Heute dominiert die Depression, und der Begriff der Neurose wurde gewissermaßen planiert.

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Woody Allens Filme sind altmodisch und modern zugleich – mit ihren so häufig präsentierten Protagonisten, die auf langen Spaziergängen durch Manhattan und an den geselligen, aufgekratzten Abenden in den gediegenen Wohnungen der Upper East Side ihre quälenden Konflikte und ihre rastlose Objekt-Suche besprechen und sich heillos verwickeln. Die Lösungen sind vorläufig, die Klärungen werden auf den nächsten Film vertagt. So erzählt Woody Allen die New Yorker Comédie humaine von Menschen, die Sigmund Freuds Werk auf die eine oder andere Weise in sich aufgenommen haben und mit dessen Konzepten ihr Leben zu leben versuchen – die psychoanalytische Redekur im strapaziösen Alltag der New Yorker. Das kann nicht gut gehen; denn heute ist die Zeit knapp. Aber Woody Allens Filme machen aufmerksam, wie tief die Freudianische Psychoanalyse in unsere narrative Kultur eingedrungen ist und wie sehr sie unsere selbstreflexiven Diskurse geprägt hat. Woody Allens Filme sind leise Hymnen auf diese umstrittene Bastion der Kultur der Nachdenklichkeit, die so quer steht zum Tempo der Moderne, deren aktuelle Prinzipien der Arbeits- und Lebensorganisation Beschleunigung und Verdichtung heißen, und zur Ethik der Moderne mit ihrem hedonistischen Ideal der Individualisierung. Sigmund Freud sah den Erfolg seiner Psychotherapie in der gewonnenen Fähigkeit, das eigene Leiden als ein gesellschaftliches Elend zu relativieren. Heute verspricht die gängige Psychotherapie die Selbsterweiterung und folgt damit der weitverbreiteten aktuellen narzisstischen Fantasie, einmal groß herauszukommen. Die Krankheitsbegriffe sind dem Trend gefolgt und haben ihn expliziert: Freud sah die Krankheit der Neurose, heute dominiert die Depression. Die Neurose ist das Leiden an der Schuld und folgt der Struktur des Gewissenskonflikts. Die Depression ist das Leiden an der Unzulänglichkeit und entwickelt sich im Prozess der wütenden Erschöpfung über die unerreichten Lebenswünsche.

Die Psychotherapie ist das Mittel der Kur

Die Weltgesundheitsorganisation gibt das für die klinische, wissenschaftliche und finanzielle Verständigung über psychische Krankheiten entscheidende Klassifikationssystem heraus, dessen aktuelle Version unter der Chiffre ICD-10 kursiert. Die Autoren haben das klinische Bild der Neurose erhalten, aber den Begriff gewissermaßen planiert: Er dient wie die anderen Begriffe auch (zum Beispiel der Psychose) der Beschreibung, nicht der Erklärung. Das soll den von Theorien entlasteten Umgang mit den Diagnosen ermöglichen und den wissenschaftlichen Austausch fördern. Die Idee ist nicht schlecht, hat aber Folgen. Wenn für die Neurose der Gewissenskonflikt entscheidend ist, wie Sigmund Freud annahm, dann ist die Psychotherapie das Mittel der Kur. Wenn der Gewissenskonflikt nicht mehr der entscheidende Faktor ist, kann man an andere Mittel der Kur denken – an Psychopharmaka beispielsweise. Psychopharmaka, so notwendig sie sind, haben den Nachteil, dass sie das gründliche Nachdenken über die lebensgeschichtlichen Bedeutungen aussetzen. Der Arzt, der ein Schlafmittel verschreibt, wird sich in der nächsten Konsultation nach der Qualität des Schlafes erkundigen, um seine Medikation darauf einzustellen, aber er wird nicht die lebensgeschichtlich begründeten Quellen der Schlaflosigkeit explorieren. Mit anderen Worten: Die medikamentöse Intervention mit einem Psychopharmakum läuft Gefahr, die notwendige Auseinandersetzung über die verfehlten Lebenswünsche und den gescheiterten Lebensentwurf umzuwandeln in eine infantilisierte Abhängigkeit, die von der Verantwortung für das eigene Leben dispensiert und die eigenen Möglichkeiten verdeckt. Soll das so sein? Woody Allen, der Kino-Autor, der regelmäßig an den Herrn aus Wien erinnert, sagt: nein.

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