Der Traum von der Miniaturkirche

von Gerhard Besier29.03.2013Gesellschaft & Kultur

Das Pfarrhaus steht für ein Lebensmodell – zu Unrecht. Der Mythos hält sich hartnäckig, weil viele Menschen an dem Trugbild einer moralischen Instanz festhalten.

Der Mythos des evangelischen Pfarrhauses wie der des protestantischen Familienideals hat seine Wurzeln in der Reformation. Die Ikonisierung dieser Narration erfolgte allerdings erst durch die Malerei des 19. Jahrhunderts. Seither gehörten die gesellschaftlich kanonisierten Vorstellungen vom Pfarrhaus und die Familienidylle des Drei-Generationen-Haushalts zum sozialethischen Imaginationsfeld der Deutschen. Erst in den späten 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts verloren sie für die Mehrheit der Deutschen allmählich ihren Zauber. Doch was ist dran an diesem Mythos?

Unrealistische, moralische Erwartungen

Als nach 1520 Mönche und Nonnen die Klöster verließen und heirateten, entwickelten sich das Pfarrhaus und die Pfarrfamilie zu einer Art „Miniaturkirche“ und zu einem Modell für die Gemeindemitglieder. Das Pfarrhaus wurde zum Inbegriff gläubigen Zusammenlebens, häuslicher Liebe, moralischer Standards und erzieherischer Qualitäten. Die Frau des Pfarrers war dem Pfarrherrn – gemäß den patriarchalischen Normen – zwar deutlich untergeordnet, zog aber aus ihrer Stellung als seine Gehilfin einen deutlichen Prestigegewinn im Vergleich zu anderen Frauen in der Gemeinde. Andererseits war ihre Stellung als fromme Frau des Pfarrers so sehr mit unrealistischen moralischen Erwartungen aufgeladen, dass sie diese von Beginn an kaum erfüllen konnte. Über die Moralinstanz hinaus festigte sie ihre Stellung in der Familie, indem sie den Pfarrhaushalt führte – meist ein offenes Haus mit zahlreichen Gästen –, für die Aufzucht der oft vielen Kinder zuständig war, die Großfamilie verpflegte sowie den Gemüsegarten und die Haustiere versorgte.

Das Bild des Pastors in der Mehrfachrolle des allwissenden, strengen, aber gerechten Pfarrherrn wie in der des treusorgenden Ehemanns und Vaters, der mit den Kindern musiziert, sich um deren religiöse Erziehung kümmert und für die Familie wie die Gemeinde die christlichen Feste vorbereitet, hat einen realen Hintergrund. Denn der neue Typ des protestantischen Geistlichen repräsentierte aufgrund seiner besseren Ausbildung nunmehr den väterlichen Intellektuellen in einem straff geführten Kirchensystem.

Doch zu keiner Zeit blieben diese Ideale unangefochten. Insofern war das Pfarrhaus immer auch ein Ort furchtbarer Tragödien. Davon erzählen nicht wenige Romane. Bis in unsere Tage hinein suchen einige Kirchenleitungen mit zweifelhaften Mitteln das heile Bild der Pfarrfamilie zu erhalten. Mit der Emanzipation der „Pfarrfrauen“ in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts erodierte auch das traditionelle Pfarrhaus. Dem Pfarrer kam die Arbeitsgefährtin abhanden, weil diese sich oft einer eigenen Berufstätigkeit zuwandte und keine Lust mehr verspürte, in ihrer Freizeit das überkommene Modell zu inszenieren. Die neue Zweigleisigkeit der „Pfarrer-Ehepaare“ führte zu Spannungen und – ähnlich wie in der übrigen Gesellschaft – auch zu zahlreichen Ehescheidungen. Gegenmaßnahmen der Kirchenleitungen zur Eindämmung dieser Entwicklung – etwa „Strafversetzungen“ – fruchteten kaum.

Der Mythos hält sich

In der DDR wurden nicht wenige Pfarrer erpressbar, weil die Staatssicherheit den Betroffenen drohte, der Kirchenleitung ihr außereheliches, manchmal gar homosexuelles Liebesverhältnis zu verraten. Bis heute werden homosexuelle Partnerschaften im Pfarrhaus meist nur unter besonderen Auflagen toleriert und müssen äußerst diskret gelebt werden, damit die konservativen Gemeinde-Glieder keinen Anstoß nehmen. Denn viele fromme Christen wollen sich von dem alten Idealbild des Pfarrhauses nicht verabschieden. Das gilt auch für die selbstverständliche Annahme, dass die Ehefrau des Pfarrers, wenn denn schon berufstätig, dann wenigstens doch evangelischen Bekenntnisses sein sollte. Aber in einer pluralistischen Gesellschaft kann es schon einmal passieren, dass die Pastorin oder der Pastor einen Partner ehelicht, der sich zum Islam bekennt. In diesem Fall bleibt kirchenrechtlich nur das Ausscheiden aus dem Gemeindepfarramt.

Dennoch hält sich der Mythos vom Pfarrhaus zählebig, weil die Menschen eben gerne „traumschönen“ Idealen nachhängen. Was sie selbst nicht verwirklichen können, möchten sie doch wenigstens als romantisches Trugbild bei den Vertretern einer dafür vermeintlich zuständigen moralischen Instanz erleben – auch und vielleicht gerade dann, wenn sie nicht mehr dauerpraktizierende Christen oder aus der Kirche ausgetreten sind. Das ist durchaus nicht nur für dieses Milieu typisch, sondern auch für andere Subkulturen, von deren Repräsentanten man die Einhaltung eines besonderen Verhaltenskodex erwartet.

Erheblicher Vorsprung im deutschen Bildungsmilieu

Um nicht ständig in ihren Erwartungen enttäuscht zu werden, suchen manche Menschen förmlich nach Mythemen, indem sie sie selektiv wahrnehmen. Sie rekonstruieren die Aura des Besonderen, indem sie darauf verweisen, welche öffentlichen Persönlichkeiten aus dem Pfarrhaus stammen und erzählen dann entsprechende Geschichten über jene Personen, um nachzuweisen, dass hier überzufällige Prägungen stattgefunden hätten. Solche Narrationen werden von interessierten Kreisen und ihren Multiplikatoren gerne verstärkt. Macht man die Pfarrhaus-Romantiker hingegen darauf aufmerksam, dass es sich lediglich um zufällige Häufungen handelt und statistisch gesehen das Pfarrhaus mitnichten die „Elite“ des Landes stellt, sind sie tief enttäuscht. Überdies könnte man zeigen, dass auch zahlreiche Menschen, die aus dem Pfarrhaus stammen, in ihrem späteren Leben gescheitert sind. Solche bedauerlichen Schicksale wiederum dienen den Verächtern des Pfarrhauses als willkommene Beispiele, um zu demonstrieren, wie schädlich das binnenkirchliche Milieu für die menschliche Psyche sei.

In Wirklichkeit ist es wohl so, dass Menschen, die aus dem Pfarrhaus stammen, nicht viel anders sind als jene aus anderen intellektuellen Milieus auch – etwa Lehrer-, Rechtsanwalts- oder Arztfamilien. Sie alle haben im deutschen Bildungssystem einen erheblichen Vorsprung gegenüber jenen, die aus nichtakademischen Familien kommen. Aber das ist ein anderes Thema.

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