Feldzug gegen die Erotik

Gerhard Amendt11.04.2013Gesellschaft & Kultur

Die Sexismusdebatte ist eine Erfindung der Feministen. Kein Wunder: Diese führen eine Schlacht gegen die menschliche Natur.

Das Lamento über den Sexismus stammt aus der Waffenkammer des Feminismus. Es ist ein Kampfbegriff der politischen Indoktrination, der die Welt von Männern und Frauen als weitgehend unversöhnlich beschreiben soll. Denn Gewalt und nicht Erotik herrsche dort vor. Erotik störe, weil sie Gemeinsamkeiten statt Trennendes betont. Sie soll als Überleitendes vom Fremden zum Vertrauten geschwächt werden. Denn solange Erotik etwas Kultivierendes ist, hat die Ideologie von der zweigeteilten Welt in Täter und Opfer keine Überlebenschance. Erotik widerlegt, dass männliche Feindseligkeit Frauen beherrscht.

Genehmigungen einholen – bis zum Sexualakt

Die Sexismusschimäre verleugnet nicht nur, dass Erotik Beziehungen stiftet, sie soll sie als Instrument der Männerdominanz obendrein „entlarven“. Nicht durch Arrangements, die sie miteinander planvoll oder unbewusst eingehen, sondern durch männliche Gewalt seien Mann und Frau aneinandergekettet. Das widerspricht zwar der Lebenswirklichkeit, aber ohne diese Schimäre gäbe es kein weibliches Opferkollektiv und die Opferverliebtheit ihrer Anhänger wäre nicht nachvollziehbar.

Weil Erotik auf das Intime des Anderen zugeht, ist sie riskant. Sie kann zu Fehleinschätzungen, Anstandsverletzungen und Gewalttätigkeit führen. Und zwar auf beiden Seiten. Dafür ist „Brüderles Bemerkung“ beispielhaft. Sie werden von Männern wie Frauen in jedem Lebensalter an jedem Ort gleichermaßen begangen. Weil feministische Zirkel das nur Männern zutrauen, soll erotische Spontaneität durch ein Verhaltensreglement ersetzt werden, um sie an die Kandare zu legen. Schritt für Schritt bis zum Sexualakt sollen sie Genehmigungen einholen. Das werde Frauen beschützen. An amerikanischen Universitäten gibt es deshalb Kurse für Männer: „Sie fürchtet Dich!“ Dem Reglement hat Bill Clinton 1999 entsprochen, als er Monica Lewinsky fragte, ob er sie berühren dürfe. Sie hat Ja gesagt. Trotz der zahnlos werdenden Erotik bleibt das Ja oder Nein jedem erhalten. Allerdings geht die Spannung verloren, die durch das Überschreiten von Grenzen entsteht. Hätte George Clooney statt Brüderle am Hoteltresen gestanden, dann wäre daraus vielleicht ein Fall Lewinsky geworden.

Weil Erotik etwas Intimes ist, wurde sie zum Alltagsrisiko von Frauen erklärt. Deren Körper werden zu ganzheitlichen Verbotszonen, die von einem Tschador aus Zugangsregeln umgeben sind. Was der Tschador im Islam verhüllt, sollen in der Demokratie Schutzbestimmungen leisten. Die Sichtblende Tschador wird vom säkularen Berührungsverbot ersetzt. Es schränkt weibliche Selbstdarstellung ein, die als schrittweise Entkleidung angelegt ist. So mausern feministische Klischees sich zu angewandter Prüderie. Die Erotik, einmal als Risiko erklärt, lässt männliche Aktivität als Gewaltdrohung in den gängigen Übertreibungen erscheinen.

Das Begehren, nicht weniger die Leidenschaft, wie das „sie schwiegen sich so aneinander still“, all das fällt ins Wasser. Manche Männer fürchten schon, dass in ihnen ein „Brüderle“ schummere, sie ein Vergewaltiger sein könnten und irgendwann Frauen zuerst auf dem Po statt in die Augen geblickt hätten. Wer das fürchtet, der hat sich mit der Schuldzuweisung schon infiziert. Er lebt nicht mehr als Individuum, das Frauen lustvoll begehren kann, sondern zählt zum fantasierten Täterkollektiv. Genau das bezweckt die Polarisierung der Geschlechter. Jeder Mann soll von Schuldgefühlen heimgesucht werden.

Das dürfte die Welt von vielen SPD-Männern bereits bestimmen. Nach deren Grundsatzprogramm lässt sich die menschliche Gesellschaft nur erreichen, wenn die männliche vorher beseitigt wurde. Aber zugleich wollen Männer sich dieser Entwicklung entziehen. Sie suchen nach Hinweisen, wonach auch Frauen sexistisch seien. Das „Ihr-seid-nicht-viel-besser-als-wir“ geht am Kern aber vorbei. Einen Sexismus von Frauen gibt es nicht. Hingegen aber genauso viele Übergriffigkeiten wie von Männern. Wer Frauen Sexismus anhängen will, der verkennt dessen Wurzeln im Verdammungsfeminismus. Nur Männer sind Täter und Missbräuchliches kann deshalb nicht von deren Opfern ausgehen.

Wer Frauen des Sexismus zeiht, missversteht die Polarisierung der Gesellschaft, wie sie der Genderfeminismus betreibt. Alles Persönliche soll verschwinden. Zwischen der zärtlichen Berührung, die zu früh kommt, dem Blick, der irritierend sein kann, dem Po-Grabscher, fehlenden Frauen in Vorständen, nadelnden Christbäumen und indischen Vergewaltigungsmorden gibt es keine Unterschiede mehr. Das ist gewollt. Deshalb wird ein Recht für Frauen gefordert, nach Belieben festzulegen, was Gewalt für sie ist. Statt sich zu verteidigen, wird die Annäherungen an Männer als bedrohlich ausgemalt.

Grenzüberschreitungen erhalten

Der Kampf geht darum, ob sich Erotik als die am höchsten entwickelte Form zivilisierter Grenzüberschreitungen erhalten lässt. Denn allein kultivierte Grenzübertretungen bewahren uns vor Verletzungen und stiften die begehrte Intimität, denn Erotik will über Getrenntheit hinweg Gemeinsames ermöglichen. Nur wer Alltagsgrenzen überwinden kann, wird in intimen Beziehungen enden. Sonst bleibt er alleine.

Männer greifen bereits mit dem Blick zu, mal flirtend, mal aufdringlich, hinreißend oder „dirndljägerisch“. Sie sind die Aktiven, nicht immer, doch am häufigsten. Frauen sind wählerischer, lassen sich umwerben, um erwählt sich zu fühlen, nicht immer, aber besonders häufig. Das Schwebende zu beenden, wird nicht selten als Wertschätzung erlebt.

Das Flirten mit puritanischer Prüderie will den unsichtbaren Tschador, während sie den sichtbaren bekämpfen.

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