So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht. Margaret Thatcher

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Die aktuellen Proteste erscheinen auf den ersten Blick pragmatischer als die Demonstrationen der 68er. Doch bei näherem Hinsehen stützen auch sie sich auf eine ähnlich verschwörerische Theorie.

Anno 1968 haben die Köpfe in vielen Teilen der Welt, und ganz besonders im Ursprungsland des Marxismus, gewaltig geraucht. Es ist wenig davon geblieben. Wenn ich nachdenke, welchen der damals eignen Bewegungstexte (von Dutschke, Krahl oder anderen), man heute einem jüngeren Teilnehmer der aktuellen Protestbewegungen empfehlen könnte, komme ich auf nicht sehr viel. Die Studentenbewegung war eher noch im Modus archivarischer Wiederaneignung, als dass sie selbst eine Quelle origineller Gedanken gewesen wäre. Alle die früheren Schriften von Marcuse, Adorno, Horkheimer und dann natürlich Marx & Co waren zunächst esoterische Schätze, die eilig gehoben und „geschult“ wurden, um sich der Legitimität seiner eigenen, ziemlich plötzlich gewonnenen Radikalität zu versichern. Als Wegweiser in die „neue Unübersichtlichkeit“ des immer noch rasant expandierenden Kapitalismus taugten sie nur beschränkt. Kurzum, die toten Textmassen vergangener Revolutionsepochen, in deren Banne man stand, lasteten (frei nach Marx) als Alp auf den Hirnen der Lebenden.

Viele Ideen sind wiederzuerkennen

Vieles ist heute ganz anders, aber vieles ähnelt den damaligen Bewegungsbildern auch. Die unmittelbaren Forderungen der „Occupy“-Bewegung, die sich auf die Einhegung der Finanzmärkte beziehen, unterscheiden sich jedenfalls auf angenehme Weise vom dröhnenden „Nieder mit“-Verbalradikalismus der Nach-68er-Bewegungen. Heute gibt es eben kein mythisches „revolutionäres Subjekt“ mehr, das man aus seinem Schlaf zu erwecken hätte. Und man kann erst recht keinen externen Agenten zu Hilfe rufen: „Sieg im Volkskrieg der Taliban“ hat man noch nicht gehört.
Problematischer wird es, wenn man sich manche der weltanschaulichen Hintergrundtexte anschaut, z.B. die vom Wissenschaftlichen Beirat von Attac. In dieser Mentorenliteratur erkennt man viele der alten, ideologischen Engführungen wieder. Der „Kapitalismus“ erscheint als eine finstere Verschwörung von Finanzkapital, westlichen Regierungen und gekaufter neoliberaler Wissenschaft. Man konstruiert absolute „Grenzen des Wachstums“, hinter denen die eherne Systemfrage beginnt. Und man lässt weitgehend außer Betracht, dass es der gewaltige Schub des ultra-kapitalistischen Industrialismus der neuen „global player“ von China bis Indien oder Brasilien war und ist, der zu einem guten Teil die Geldkapitalmassen produziert (hat), die die internationalen Finanzsysteme dann in billige Subprime-Kredite und Staatsanleihen verpackt haben. Kleiner ist das Problem nicht. Think global!

Aus Negierung kann kein Übergang erwachsen

Und: So viel sollte jeder, der seinen Marx mit Verstand gelesen hat, doch wissen: dass alle Vorstellungen eines Übergangs von einer primär auf die kapitalistische „Produktion um der Produktion willen“ gerichteten, außengesteuerten Lebensform hin zu einer anderen, auf die Entwicklung der individuellen und gesellschaftlichen Potenziale ausgerichteten Sozialität nur aus der Weiterentwicklung der erreichten materiellen Entwicklung gewonnen werden können, und nicht aus einer blanken Negierung ihrer (noch so beschränkten) Rationalität und Produktivität. Und das gilt sogar für den „Finanzsektor“, dessen Instrumentarien jede höhere Gesellschaftlichkeit auch bräuchte, nennen wir sie Sozialismus oder wie immer.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Zitelmann, Franz Sommerfeld, Dietmar Bartsch.

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