Wir müssen jederzeit mit IS-Anschlägen rechnen. Guido Steinberg

Der Mythos vom Gleichgewicht der Natur

Wir können das Klima nicht retten, weil die Erdgeschichte zeigt, dass es schon immer chaotisch war. Die derzeitige Erwärmung hat für die Menschen der Nordhalbkugel enorme Vorteile. Ein Plädoyer für weniger Hysterie und mehr Sachlichkeit.

Die Energiewende geht von der Vorstellung eines natürlichen Gleichgewichts aus. Dabei wird angenommen, dass das Klima ohne den Einfluss des Menschen stabil bleibt. Der Mensch stört dieses Gleichgewicht mit seinen Treibhausgasemissionen. Der Meeresspiegel steigt und es kommt zu immer mehr Extremereignissen wie Hurrikans, Dürren und Überschwemmungen. In dieser Logik kann das Problem nur dadurch gelöst werden, dass der Treibhausgasausstoß möglichst rasch auf null zurückgefahren wird. Was, nebenbei bemerkt, höchst unrealistisch ist. Die Vorstellung von einem natürlichen Gleichgewicht ist zudem wissenschaftlich gesehen falsch: Die belebte und unbelebte Natur waren zu keinem Zeitpunkt im Gleichgewicht und werden es auch niemals sein. Veränderungen passieren meist langsam, sind aber fast immer drastisch.

Zum Beispiel war die Luft die meiste Zeit seit dem Entstehen der Erde nicht atembar und ein Mensch wäre in wenigen Minuten erstickt. Der Sauerstoff ist das Stoffwechselprodukt der Grünalgen. Er hat sich in der Atmosphäre ähnlich wie heute das Kohlendioxid langsam angereichert. Das aggressive Gas war für viele Lebewesen, die damals auf der Erde lebten, giftig und führte zu einem dramatischen Artensterben. Ein anderes Mal wurde es extrem kalt und die Ozeane froren bis zum Äquator ein. Die Erde wurde zu einer lebensfeindlichen Eiskugel. Auch das Leben selbst war niemals im Gleichgewicht. Ständig entstanden neue Arten und ältere Arten starben aus.

Das Klima war nie im Gleichgewicht

Heute wird befürchtet, dass die menschengemachte Klimaerwärmung zu einem Artensterben führen könnte. Aber alle Pflanzen und Tiere, die es heute gibt, haben den seit Jahrmillionen anhaltenden Wechsel von Warmzeiten und Eiszeiten überstanden. Veränderungen sind der Antrieb der Evolution. Hätte es jemals ein stabiles Gleichgewicht gegeben, hätte die Evolution gestoppt und es gäbe den Menschen nicht. Auch das Klima war nie im Gleichgewicht. Während der letzten Million Jahre gab es rund zehn Eiszeiten, in denen große Teile Europas, Nordamerikas und Asiens unbewohnbar waren. In einer Eiszeit ist das Klima extrem kalt, trocken und es gibt ausgedehnte Stürme. Mit der Temperatur schwankte der Meeresspiegel: In den Eiszeiten war er 130 Meter tiefer. In der langen tropischen Phase, die vor 200 Millionen Jahren begann, war er 70 Meter höher als heute. Und vor gar nicht so langer Zeit, am Ende des Mittelalters, gab es die Kleine Eiszeit, die mit kalten Wintern, Fehlernten und Hungersnöten viel Leid über Europa brachte. Während der vergangenen 400.000 Jahre lag die Temperatur nur für kurze Zeiten in dem für den Menschen angenehmen Bereich.

Die menschengemachte Erwärmung ist auch ein Segen, zumindest für Europa

Was folgt aus diesen Erkenntnissen? Erstens: Die menschengemachte Klimaerwärmung gibt es und sie wird zu einem ernsten Problem werden, wenn die Kohlendioxidemissionen so weitergehen wie bisher. Insofern muss etwas geschehen. Aber Hysterie ist nicht angebracht, denn auch ohne den Einfluss des Menschen verändert sich das Klima. Zweitens: Der Mensch verursacht eine Erwärmung, das ist richtig. Aber ohne diese Erwärmung würde es immer kälter werden. Denn vor 5.000 Jahren erreichte die Temperatur ein Optimum und sinkt seitdem langsam der nächsten Eiszeit entgegen. Die Kleine Eiszeit war der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung. In der Wissenschaftszeitschrift „Science“ wurde vor Kurzem eine Arbeit veröffentlicht, die belegt, wie der Kaltzeittrend durch die menschengemachte Erwärmung abrupt unterbrochen wurde. Hätte sich die natürliche Abkühlung des Planeten fortgesetzt, wäre es heute ein Grad kälter. Man könnte Nordeuropa nicht mehr bewohnen. Und insofern ist die menschengemachte Erwärmung auch ein Segen, zumindest für Europa. Die Vorstellung einer gutmütigen Natur jedenfalls entbehrt jeder Grundlage.

Interessant ist, dass einige Klimaforscher den Kaltzeittrend bezweifeln. Ihre Computer sagen vorher, dass die Warmzeit für viele Jahrtausende stabil geblieben wäre. Es ist möglich, dass sie recht haben. Aber es ist auch möglich, dass ihre Rechner das vorhersagen, was die Ideologie vom natürlichen Gleichgewicht unterstützt und was die Simulationen im Moment zu leisten imstande sind. Denn die Datenlage ist im Vergleich zur Komplexität des Wettergeschehens auf der Erde extrem dünn. Vieles haben wir noch nicht verstanden, beinahe täglich werden neue Erkenntnisse veröffentlicht, etwa darüber, wie Bodenmikroben auf die Erderwärmung reagieren und wie das ihren Gas-
Ausstoß verändert. Wir erahnen im Moment nur, was die höheren Temperaturen für die Wasserkreisläufe des Planeten und die Niederschlagsbildung bedeutet, wie verheerende Vulkanausbrüche das Klima verändern oder wie sich Windkraftparks auf Luftströmungen und damit auf das regionale Wettergeschehen auswirken. Die Rechnermodelle können nicht alles berücksichtigen, sie arbeiten mit vereinfachten Annahmen. Und eine alte Regel in der Klimaforschung besagt: Womöglich sorgt schon der Flügelschlag eines Schmetterlings am Ende der Welt für ein unvorhersehbares Ereignis Tausende Kilometer entfernt. Anders formuliert: Winzige Ursachen haben unter Umständen maximale Wirkungen. Die chaotischen Klimaschwankungen der Vergangenheit jedenfalls beweisen das. ´

Es wird nicht gelingen, den globalen Treibhausgasausstoß rechtzeitig herunterzufahren

Vorerst wird sich die menschengemachte Klimaerwärmung fortsetzen, denn überall auf der Welt steigen die Treibhausgasemissionen ungebremst weiter an – und es ist kein Ende in Sicht, denn die weniger entwickelten Nationen setzen ihre wirtschaftliche Aufholjagd fort. Das wird dazu führen, dass das Nordpolarmeer im Sommer eisfrei wird und der Dauerfrostboden, der ungefähr die Hälfte der Fläche Russlands unbewohnbar macht, sich immer weiter zurückziehen wird. Auch wenn die Deutschen das mit großer Sorge betrachten, hat die Erwärmung für die Bewohner der nördlichen Länder enorme Vorteile. Langfristig freilich wird es zu warm werden. Dann brauchen wir einen Plan B für die Lösung des Klimaproblems, denn es wird nicht gelingen, den globalen Treibhausgasausstoß rechtzeitig herunterzufahren. Das sind nur die Träume der Bewohner eines reichen Landes, die Armut und Überbevölkerung meist nur aus den Medien kennen, sie zumindest selbst nicht am eigenen Leib gespürt haben.

Deshalb muss man alle Optionen in Betracht ziehen und nicht nur auf eine politisch proklamierte Energiewende schielen, die sich ohnehin nur die Luxusstaaten leisten können – und auch deren Wohlstand hängt von ihrem wirtschaftlichen Erfolg ab, der letztlich auf billiger Energie beruht und Treibhausgase produziert. Weltenretter-Hysterie jedenfalls bringt niemanden ernsthaft weiter. Sie definiert lediglich Verbotszonen und Unwörter wie Atomkraft, fossile Brennstoffe oder Geoengineering. Alle diese Ansätze haben ihre Probleme, aber wo Denkblockaden herrschen, lässt sich nicht einmal mehr diskutieren. Und das ist gefährlich. Zumal es nicht nur um Deutschland geht, sondern um die Zukunft der gesamten Menschheit. Und andere Kulturen haben andere Vorstellungen von der Welt und beschreiten womöglich andere Wege, als es sich der Westen vorstellt, weil sie müssen. Aufhalten kann das niemand. Aber im Dialog bleiben kann man. Nur so lässt sich etwas bewegen. Für alle.

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