Gewaltmarsch

von George Ritzer17.11.2014Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Die Globalisierung ist in vollem Gange. Der beste Beweis dafür ist, dass versucht wird, sie aufzuhalten.

Wenn über Globalisierung gesprochen wird, dann wird der Begriff meist synonym für wirtschaftliche Entwicklungen benutzt. Man muss nur einige Texte des prominenten „New York Times“-­Kolumnisten Thomas Friedman lesen, um die Grenzen dieser Perspektive zu erkennen: Friedman argumentiert, dass die Vernetzung der Welt die wirtschaftliche Entwicklung vorantreibt. Nicht erklären kann er, warum Milliarden von Menschen dabei immer weiter abgehängt werden. Die wirtschaftliche Globalisierung hat manche Barrieren eingerissen, andere aber aufgetürmt.

Was erklärt die Tendenz, Globalisierung gleichzusetzen mit wirtschaftlicher Integration? Erstens sind ökonomische Fragen immens wichtig, für Staaten ­genauso wie für den Einzelnen. Zweitens hat fast jedes globale Phänomen einen wirtschaft­lichen ­Aspekt. Die Auswirkungen wirtschaftlicher Entwicklungen sind daher enorm. Nur: Das gilt genauso für andere Formen der Globalisierung. Weltweite Pandemien, Klimawandel, grenzüberschreitende ­Migration, die Abwanderung qualifizierter Eliten aus armen ­Ländern, das Internet und soziale Netzwerke, die Verbreitung politischer und religiöser Ideologien, Drogenhandel und Terrorismus sind allesamt globale Phänomene von immenser Bedeutung.

Alte Ängste werden wieder aktuell

Der wichtigste Grund ist allerdings ein anderer: ­Innerhalb der Sozialwissenschaften haben sich Ökonomen eine hegemoniale Stellung erarbeitet. Ihr Wort hat Gewicht, ihre Gedanken beeinflussen die Politik und werden von Medien dankbar aufgenommen. Es überrascht deshalb nicht, dass der akademische Superstar Thomas Piketty ein Ökonom ist. Seine Thesen haben sich mit immenser Geschwindigkeit verbreitet. Sie sind globalisiert worden.

In einer kapitalistisch dominierten Welt verwundert das nicht: Die Wirtschaft ist zum Maßstab geworden, an dem wir die Welt und damit auch die Globalisierung messen. Doch es ist ein Fehler, Globalisierung auf wirtschaftliche Fragen zu reduzieren und gleichzeitig auf Basis wirtschaftlicher Entwicklungen zu generalisieren.

Das zeigt sich vor allem an der Frage, ob heute – im Nachgang der Finanz- und Wirtschaftskrise – mit dem Ende der Globalisierung zu rechnen sei. Ein ähnliches Argument war schon nach dem Ersten Weltkrieg zu hören. Jetzt wird vor allem in den USA und in Europa erneut das Ende der Globalisierung herbeigeredet. Als Beweis wird beispielsweise der Versuch zitiert, Migranten durch eine stärkere Kontrolle der Außen- und Landesgrenzen an der Einreise nach Europa oder in die Vereinigten Staaten zu hindern. Im Nahen Osten versuchen muslimische Extremisten zur gleichen Zeit, ein neues Kalifat zu errichten, das Kritiker an der Einreise hindern und ihre neuen Ideen zensieren würde. Auch hier werden der Globalisierung scheinbar Grenzen gesetzt.

Doch selbst wenn diese Pläne zur Realität werden sollten, lässt sich dadurch die globale Zirkulation von Ideen, Extremisten und Öl (und die damit verbundenen Einnahmen) nicht verhindern. Auch Waffen­lieferungen und finanzielle Unterstützung für Regime und deren Gegner würde es weiterhin geben. Selbst explizite Versuche­ der Renationalisierung können die Globalisierung nicht einfach ausschalten. Die globale Welt ist längst Realität geworden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Globalisierung unausweichlich ist. Stellen Sie sich vor, welche Konsequenzen ein nuklearer Winter oder eine ­globale Pandemie (die heute folgenreicher wäre als die Spanische Grippe der 1910er-Jahre) hätten. Beides wären globale Ereignisse, durch die die heutigen Globalisierungsprozesse verlangsamt oder in ­andere Bahnen gelenkt würden.

Globalisierung wird oftmals als Prozess weltweiter Vernetzung definiert und gemessen an der Größe und Dichte ­globaler Finanzströme, an sozialen Netz­werken und ­Migrationswellen. Das ­Gegenteil dieser Vernetzung ist die Abkapselung: Das Erheben von Importzöllen, die Stärkung nationaler Grenzen, die Beschränkung von Arbeitserlaubnissen, die Internet-­Zensur in China. Globalisierung, so das Argument, sei nur möglich, wenn diese unerwünschten Barrieren selten und relativ durchlässig seien.

Irgendwann gibt jede Barriere nach

Doch keine Barriere der Welt kann völlig undurchlässig sein. Das letzte Jahr hat gezeigt, wie viel Informationen sogar aus streng gesicherten Computernetzwerken von Geheimdiensten nach außen dringen können. Das, was wir heute als Globalisierung bezeichnen, findet genau in diesem Spannungsfeld statt. Je mehr die Mobilität von Kapital, Migranten, Ideen und Umweltverschmutzung zunimmt, desto stärker wird auch der Widerstand gegen solche Entwicklungen, und neue Barrieren werden errichtet. Eine Zeit lang mag diese Strategie Erfolg haben, aber irgendwann gibt jede Barriere nach. Globale Strömungen unterspülen oder überfluten sie, angetrieben von den Profiteuren einer barrierefreien Welt.

Es ist für die globale Bedeutsamkeit eines Phänomens nicht notwendig, dass es überall auftritt. McDonalds hat nur auf der halben Welt Filialen, gilt aber trotzdem als globale Marke. Manche Länder werden vom Klimawandel verschont bleiben oder sogar davon profitieren, doch trotzdem haben wir es mit einer globalen Gefahr zu tun. Manche Veränderungen manifestieren sich beinahe über Nacht (man denke nur an den 11. September), andere entfalten sich über Jahre oder Jahrzehnte. Manche Ideen – wie beispielsweise die des radikalen Islamismus – sind aggressiv und destruktiv, andere, zum Beispiel Modetrends, sind vor allem eine Frage des Lifestyles. Gemeinsam ist ihnen die globale Dimension.

Unausweichlich ist keine dieser Entwicklungen. Neue Entwicklungen können neue Widerstände hervorrufen oder die Vernetzung beschleunigen. Globalisierung ist also ein ständiges Aufbauen und Einreißen von Barrieren – heute genauso wie zukünftig.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die erstaunlichen Geschäfte der Greta Thunberg-Lobby

Greta Thunberg bricht mit einem Segelboot in die USA auf. Das globale Medienspektakel um die Klimaschützerin erreicht einen neuen Höhepunkt. Doch im Hintergrund ziehen Profis ihre PR-Strippen und machen erstaunliche Geschäfte.

"Ganz klar die Ausländerkriminalität."

Vor einigen Wochen stellte Friedrich Merz völlig zu Recht - aber natürlich auch völlig entsetzt - fest, dass sehr viele Polizisten und Soldaten mittlerweile Unterstützer der Alternative für Deutschland sind.

Unsere Positionen sind keineswegs AfD-nah

Gern unterstellen unsere Gegner der WerteUnion, unsere Positionen seien AfD-nah. Die Realität ist aber, dass die WerteUnion Positionen vertritt, die über Jahrzehnte unbestritten Positionen der CDU/CSU waren. Leider hat die alte Parteiführung diese Positionen in den letzten Jahren aber über Bord

Der Rest der Welt hält Deutschland für verblödet

Deutschland ist nur für kaum mehr als 1 % des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, während China, der größte Emittent, vom Pariser Klimaschutzabkommen das Recht auf Steigerung seiner CO2-Emissionen eingeräumt bekommen hat. Die politisch herbeigeführte Verelendung der deutschen Bevölk

Fünf Gründe, die für die E-Mobilität sprechen

Die Absatzzahlen steigen sprunghaft. Die Batterietechnik meldet Durchbrüche. Die Produktion von E-Autos wird ab sofort in gewaltige Volumina vorstoßen. Branchenexperten sprechen vom „Take-off“ der E-Mobilität.

Warum Sie aus der Klimakirche austreten sollten

Es gibt in der Wissenschaft unterschiedliche Meinungen darüber, ob es eine allgemeine Klimaerwärmung gibt und welchen Anteil der Mensch daran hat. Diese unterschiedlichen Positionen werden von Politik und Systemmedien nicht offen diskutiert; vielmehr wird wahrheitswidrig behauptet, dass nur ein un

Mobile Sliding Menu