Fortschritt braucht den Schritt nach vorne, nicht zurück. Franz Müntefering

Krieg in den Sternen

Menschen haben seit jeher Konflikte ausgefochten. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Einzig Akteure und Schauplätze wechseln.

Wenn wir in die Zukunft blicken, dürfen wir die Konstanten unserer Geschichte nicht ignorieren, denn sie setzen sich fort. Viele Aspekte menschlichen Lebens waren immer da und werden immer da sein. Wir haben von jeher gearbeitet und geliebt. Krieg jedoch überschattet alle diese Facetten und beeinflusst sie auf katastrophale Weise. Deshalb spielt er beim Nachdenken über die Zukunft eine zentrale Rolle.

Um die Entwicklungen im 21. Jahrhundert vorherzusagen, müssen wir das wichtigste Phänomen des 20. Jahrhunderts betrachten: den Untergang des europäischen Imperialismus. Um 1900 dominierten die Europäer den Großteil der Welt. Um 1970 war Europa von den USA und der Sowjetunion besetzt, nachdem es sich in seinen fortwährenden Kriegen aufgerieben hatte. Als dann 1991 die Sowjetunion zusammenbrach, blieb nur eine globale Macht übrig: die Vereinigten Staaten. Europa verharrte in einem Zustand der politischen Uneinigkeit, ohne militärische Macht. Und ist weiter einer der größten Gefahren ausgesetzt: Es ist reich und schwach.

Widerstand gegen die US-Dominanz

Die USA sind heute das Epizentrum des internationalen Systems und werden es wohl auch für den Rest des 21. Jahrhunderts bleiben. Und doch – übertragen wir den Wandel, den Europa bis 1991 erlebte, auf die USAgibt es auf lange Sicht guten Grund zur Annahme, dass auch sie ersetzt werden könnten. Historisch bedeutete dies immer Krieg. Ich glaube jedoch nicht, dass es in diesem Jahrhundert schon so weit ist: Der einzige potenzielle Herausforderer wäre ein vollständig vereintes Europa, mit einer Wirtschaftskraft größer als die der USA und dem Potenzial, sie auch militärisch herauszufordern. Diese Möglichkeit aber ist passé.

Zu welchem Grad Europa wieder zu seiner staatlichen Kleinteiligkeit zurückkehren wird, ist schwer vorherzusagen. Es ist aber wichtig, daran zu denken, dass Europa in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts ein Schlachthaus war und in der zweiten Hälfte ein besetzter Kontinent mit extrem wenig Raum für politische Entwicklung. Der Zeitraum seit 1991, in dem die europäischen Staaten frei entscheiden konnten, war kurz und geprägt von wirtschaftlicher Prosperität. Die letzten 20 Jahre sagen deshalb so gut wie nichts über die europäische Geschichte aus. Sie sind nicht viel mehr als ein historischer Wimpernschlag.

Das größte Problem ist nicht, dass Europa wieder in Nationalstaaten zerfallen könnte. Entscheidender ist die Frage, ob damit auch all die Konsequenzen eintreten, die in Europa – historisch betrachtet – Normalzustand waren. Der Kontinent hat in der Vergangenheit bereits Perioden des Friedens erlebt. Sie haben nie lange gedauert. Es gibt wenig Grund zur Annahme, dass die jetzige Episode eine Ausnahme ist.

Die neuen globalen Mächte: Japan, Türkei und Polen

Genauso schwierig ist es, sich 100 Jahre US-Dominanz ohne Widerstand vorzustellen. Wir haben im letzten Jahrhundert gesehen, wie unreif und unbeholfen die Vereinigten Staaten ihre Macht eingesetzt haben – genau wie man es von einem so jungen Imperium eben erwartet. Wie in jedem Jahrhundert, werden auch in diesem neue Mächte emporsteigen. Ich gehe von drei Ländern aus, die in der Lage sein werden, den USA Widerstand zu leisten.

Das erste Land, Japan, ist bereits heute eine Großmacht. Es verfügt über die drittgrößte Wirtschaftskraft der Welt und – im Gegensatz zu seinem großen Rivalen China – über eine geeinte Gesellschaft. Zudem hat Japan das deutlich größere militärische Potenzial und vor allem technisches Know-how. Eine entscheidende Komponente im Krieg der Zukunft. Japan ist das Zentrum in Asien, nicht China.

Die zweite kommende Großmacht ist die Türkei. Sie profitiert davon, kein Teil der Europäischen Union zu sein, und hat deshalb eine robuste Wirtschaft. Die Türkei wird das Vakuum füllen, das der US-Abzug aus dem Irak schafft. Sie ist die führende islamische Macht und nimmt diese Rolle auch langsam an. Die Türkei wird in der Zukunft weite Teile der islamischen Welt dominieren.

Und drittens erwarte ich, dass Polen die neue führende Macht in Europa wird. Denn Deutschland, die derzeitige Führungsmacht, hat zwei wesentliche Schwächen: Es ist so sehr von Exporten abhängig, dass es zum Gefangenen seiner Kunden wird – chancenlos, seine Abhängigkeit ohne große Depression zu reduzieren. Deutschlands schrumpfende Bevölkerung wird zudem nicht mehr produktiv genug sein, um den Exportkreislauf am Leben zu halten. Polen ist wesentlich dynamischer und verfügt über weniger Schwächen. Weil Deutschland und Europa generell einem Abwärtstrend folgen, wächst Polens Vorteil relativ. Es wird Deutschland deshalb als europäische Führungsnation ablösen.

Die USA aber, so glaube ich, werden auch bis zur Jahrhundertwende die dominante Supermacht bleiben. Nicht weil sie moralisch oder kulturell überlegen wären, sondern aufgrund ihrer relativen Position im internationalen System. Diese kann von keiner der anderen Mächte vollständig übernommen werden, dafür sind die jeweiligen Defizite in einzelnen Bereichen zu groß. Aber die drei aufkommenden Mächte werden untereinander und mit anderen Ländern Koalitionen formen, um Amerika zu widerstehen und seine Macht zu beschränken.

Auch Krieg wird es geben. Obwohl eine Konstante, wird er sich natürlich verändern. 1900 hätte sich kaum jemand vorstellen können, welche Verheerung Bomber einmal Deutschland zufügen würden – 
die Gebrüder Wright hoben in dem Jahr das erste Mal ab. Technologie hat den gesunden Menschenverstand noch immer besiegt. Genauso wie die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts die Einführung der Luftfahrt erlebte, wird die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts die Weiterentwicklung der Raumfahrt sehen. Dem Krieg wird neuer Raum geschaffen, auch das ist eine Konstante der Geschichte.

Das also ist meine Vision von der Welt in 100 Jahren. Sie wird der Vergangenheit in allen Teilen ähneln, außer in zweien: Die Namen und Orte der wettstreitenden Mächte werden andere, und die Sphäre des Krieges wird größer sein. Die Menschen werden arbeiten und lieben wie zuvor – und dabei weiter von der Katastrophe des Krieges erschüttert und geformt.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jakob von Uexküll, Ben Scott, Michael Hardt.

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Dieser Beitrag ist in der ersten Printausgabe des The European enthalten.

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