Begehren soll sich durch Konsum ausdrücken. Susie Orbach

Steiniger Pfad

Angehende Großmacht zu sein bedeutet, das Gleichgewicht zu wahren, wenn die Welt um einen herum im Chaos ist und die Erde unter den Füßen bricht. Die Türkei hat noch einen weiten Weg vor sich.

türkei mittlerer-osten syrien

Die Türkei wird wieder zu einer bedeutenden regionalen Macht. Drei Prozesse definieren dabei ihre Strategie. Der erste ist ihr Zuwachs an relativer Macht. In einer Region mit destabilisierten Mächten steigt die relative Stärke der Türkei. Dadurch entstehen neue Optionen für Ankara. Der zweite ist die mögliche äußere Bedrohung, die durch die Destabilisierung verursacht wird und der Ankara versucht, Herr zu werden. Der dritte ist die Rolle der USA, die in der Region nicht länger stabil und vorhersagbar ist, sondern sich seit dem Irak-Krieg im Umbruch befindet.

Die Türkei entwickelt sich zu einer großen Macht. Sie ist bislang aus einer Reihe von Gründen noch keine: Ihre Institutionen sind noch immer limitiert, wenn es um die Fähigkeit geht, regionale Angelegenheiten zu managen; die politische Basis ist noch nicht bereit, die Türkei als eine Großmacht zu sehen und regionale Interventionen zu unterstützen; die Region ist noch nicht so weit, die Türkei als eine Vorteil bringende und stabilisierende Macht zu betrachten. Jeder Staat muss viele Stufen nehmen, um zu einer regional dominanten Kraft zu werden. Die Türkei steht noch am Anfang dieser Treppe.

Die Türkei im Übergang

Gegenwärtig befindet sich die türkische Strategie in einer Übergangsphase. Zwar ist die Türkei nicht mehr in ihrem Bündnissystem des Kalten Krieges gefangen, doch hat sie das Fundament für eine reife regionale Politik auch noch nicht gelegt. Sie kann die Region nicht kontrollieren und kann gleichfalls nicht ignorieren, was dort vor sich geht. Der syrische Fall ist diesbezüglich lehrreich. Syrien ist direkter Nachbar und Instabilität in Syrien kann sich auf die Türkei auswirken. Es gibt keine internationale Koalition, die darauf vorbereitet ist, in die Destabilisierung Syriens einzugreifen. Deshalb hat die Türkei eine Haltung eingenommen, die offenes Einschreiten unterlässt, gleichzeitig aber Optionen offenhält, falls der Zustand für die Türkei nicht mehr länger tolerabel ist.

Wenn wir das türkische Umfeld als Ganzes betrachten, sehen wir diese übergangsweise Außenpolitik überall am Werk, egal ob im Irak oder dem Kaukasus. Im Falle Irans versucht Ankara lediglich, nicht Teil US-amerikanischer Koalition zu sein, während es gleichzeitig vermeidet, die iranische Position zu unterstützen. Die Türkei hat kein regionales Kräftegleichgewicht hergestellt, wie es eine reife regionale Macht tun würde. Vielmehr hat sie eine türkische Machtbalance geschaffen, in dem Sinne, dass die türkische Macht zwischen der Unterordnung gegenüber den USA und autonomer Selbstbehauptung balanciert wird. Diese Periode der Ausgewogenheit ist vorhersehbar – die USA durchlebten eine ähnliche Phase zwischen dem Beginn des 19. Jahrhunderts und dem Ersten Weltkrieg.

Während sie voranschreitet, muss die Türkei zwei offensichtliche innere Probleme angehen. Wir sagen „während sie voranschreitet“, weil noch keine Nation alle ihre inneren Probleme gelöst hatte, bevor sie eine größere internationale Rolle annahm. Eins der Probleme sind die anhaltenden Spannungen zwischen den säkularen Elementen im Land und den religiösen Kräften. Das ist zum einen eine innere Frage, gleichzeitig aber auch außenpolitisch interessant. Insbesondere bezüglich dem radikalen Islamismus, in dessen Kontext jedes Zeichen einer Islamisierung das Verhalten nicht-islamischer Mächte gegenüber der Türkei verändern könnte. Das andere Problem ist der noch immer ungelöste Konflikt mit der kurdischen Arbeiterpartei (PKK) und deren militanten Gruppen.

Je größer, desto unsicherer

Der Konflikt zwischen Religiosität und säkularem Staat ist in den meisten Staaten heute immanent; er definiert auch die US-amerikanische Politik. Es ist allerdings etwas, womit die Staaten leben. Das PKK-Problem dagegen ist einzigartig und die Kurdenfrage korreliert mit anderen Problemen in der Region. So liegt beispielsweise in der zukünftigen Ausgestaltung des Irak und einer damit möglicherweise einhergehenden teilweisen Autonomie der irakischen Kurdengebiete auch Zündstoff für die Konstellation in der Türkei. Das größte Hindernis ist für die Türkei jedoch, dass, solange die Kurdenfrage ungelöst ist, ausländische Mächte die Kurden als eine entscheidende Schwäche der Türkei betrachten werden und versucht sein könnten, über sie verdeckt in der Türkei zu intervenieren und deren Macht zu untergraben.

Die Türkei sieht sich schon jetzt Anstrengungen seitens Iran und Syrien ausgesetzt, über kurdische Rebellen ihre Entwicklung zu hemmen. Je mächtiger die Türkei wird, desto unwohler dürften sich einige in der Region fühlen, was wiederum die Wahrscheinlichkeit von äußeren Interventionen erhöht. Die Türkei muss sich deshalb intensiv mit der Kurdenfrage befassen, weil regionale Unruhe und von außen befeuerter Separatismus die türkische Macht untergraben und den gegenwärtigen Trend zur Großmacht sogar noch umkehren könnten. Wir sehen hier das Paradox, dass eine Nation desto verwundbarer wird, je mächtiger sie ist. Die USA waren beispielsweise zwischen dem Bürgerkrieg und der Einmischung im Zweiten Weltkrieg unzweifelhaft sicherer als jemals danach. Genauso war die Türkei zwischen 1991 und heute sicherer, als sie es sein wird, wenn sie zur bedeutenden Macht wächst. Gleichzeitig ist es unsicher, nur der kleine Alliierte einer globalen Großmacht zu sein und so das Risiko anderer Länder mitzutragen.

Massiver Stress für Volk und Regierung

Die Idee von Sicherheit unter Staaten ist auf lange Sicht eine Illusion. Sicherheit bleibt nie auf ewig. Die aktuelle Strategie der Türkei dient dazu, sie so lange wie möglich zu erhalten. Das beinhaltet auch, den Ereignissen um sie herum ihren freien Lauf zu lassen, solange deren Ausgang die Sicherheit der Türkei nicht stärker gefährdet, als es eine Intervention tun würde. Wie wir jedoch gesagt haben, ist dies eine Haltung einer Übergangsphase. Die Instabilität im Süden, die wachsende Einflusssphäre Irans, ein sich ausdehnender Einfluss Russlands im Kaukasus und die Möglichkeit, dass die USA an einem Punkt ihre Politik im Mittleren Osten erneut ändern und die Koalition der Türkei einfordern könnten – all diese Umstände sprechen gegen eine Verfestigung des übergangsweisen politischen Verhaltens der Türken.

Die Türkei ist vor allem deshalb so interessant, weil sie die Chance bietet, die Entwicklung eines weniger bedeutenden Landes hin zur Großmacht zu studieren. Großmächte selbst sind weit weniger spannend, weil ihr Verhalten so vorhersehbar ist. Aber einen Übergang zur Macht zu organisieren, ist enorm viel schwerer, als Macht auszuüben. Macht im Übergang bedeutet, das Gleichgewicht zu wahren, wenn die Welt um einen herum im Chaos ist und die Erde unter den Füßen bricht.
Der Stress, den diese Situation auf Gesellschaft und Regierung ausübt, ist massiv. Sie lässt jede Schwäche hervortreten und testet jede Stärke. Und für die Türkei wird es noch eine ganze Weile dauern, bis aus dem Übergang eine stabile Plattform wird.

Übersetzung aus dem Englischen. Der Text ist Teil einer Analyse, die bereits bei Stratfor erschienen ist.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Türkei, Mittlerer-osten, Syrien

Debatte

Weltpolizist? Weltterrorist!

Medium_9b1ff33207

Donald Trump: Beenden Sie Ihre Rolle als Weltpolizei

Die USA „können nicht mehr Weltpolizist sein“, sagte Donald Trump. „Wir möchten nicht mehr von Ländern ausgenutzt werden, die uns und unser unglaubliches Militär nutzen, um sich zu schützen... Wir ... weiterlesen

Medium_169fd8a9b4
von Oskar Lafontaine
29.12.2018

Debatte

Die Zukunft in Syrien

Medium_d73b67f9a0

Peinliche Provokation für das gründeutsche Publikum

Obgleich sich jetzt der Sieg Assads über die hierzulande stets mit Sympathie gehandelten Rebellen, nicht zuletzt über die auf vereinzelte Stützpunkte zurückgedrängten Terrorbanden des IS, immer deu... weiterlesen

Medium_4775a73792
von Herbert Ammon
27.08.2018

Debatte

Sahra Wagenknecht kritisiert GroKo

Medium_3f3bf61d15

Arm trotz Arbeit - Es braucht eine andere Politik!

Jeder in diesem Land weiß, dass ein Mindestlohn von 8,84 Euro nicht zum Leben reicht. Die Bundesregierung hat vor kurzem ausgerechnet, dass man mindestens 12,63 Euro braucht, um nach 45 Jahren Voll... weiterlesen

Medium_6337c9a454
von Sahra Wagenknecht
07.06.2018
meistgelesen / meistkommentiert