Die Fußstapfen, in die ich hier trete, sind im wahrsten Sinne des Wortes groß. Ilse Aigner

Die wahre Atombombe

Iran blickt einer historischen Möglichkeit entgegen, die Machtbalance am Persischen Golf zu verändern. Dies hat wenig mit Teherans Nuklearprogramm zu tun. Entscheidend ist stattdessen Irans konventionelle militärische Kapazität, sein offener wie verdeckter politischer Einfluss und die Entscheidung der USA, ihre Truppen aus dem Irak abzuziehen.

Für Jahrhunderte verstand sich Iran als legitime aber unterdrückte Großmacht in der Region des Persischen Golfes, kleingehalten vom Osmanischen Reich, dem Britischen Empire und schließlich den Amerikanern. In der Abwesenheit einer Weltmacht, der Entfernung der Türkei und Ankaras Unwille, über die eigenen Grenzen hinweg Macht auszuüben, ist Iran heute auf dem Weg zur dominanten Kraft am Golf. Der Rückzug der USA aus dem Irak Ende vorigen Jahres pflasterte Iran diesen Weg, auf dem es die bestimmende Landmacht in der Region werden wird.

Das heißt nicht, dass der Iran davorsteht, irgendwo einzumarschieren – Teheran handelt subtil. Macht zu haben ist wichtiger, als sie zu nutzen, vor allem, wenn diese Macht auf politischem Einfluss fußt. Zwar wäre es nicht fair, zu argumentieren, dass Iran den Irak im Zuge des US-Abzugs zu einem Satellitenstaat gemacht hat, nichtsdestotrotz hält Teheran massiven Einfluss auf die politischen Prozesse in Bagdad.

Es ist leicht, zu verstehen, warum Iran diesen Einfluss sucht. Nach einem langen und bitteren Krieg mit Irak in den 1980er-Jahren, in dessen Verlauf Iran mehr als eine Millionen Tote zu beklagen hatte, baute das Land seine nationale Sicherheitspolitik nach der Prämisse auf, dass der Irak nie wieder zu einer ähnlichen Bedrohung werden dürfe. Eine Einmischung in die Politik des Nachbarn war deshalb die logische Folge. Sie fing an, während die USA in Irak waren und nahm zu, seit diese das Land verlassen haben. Irans Macht innerhalb Iraks vergrößert die Einflusssphäre bis an die Grenzen einer ganzen Reihe von Ländern. Irak ist die strategische Position der Region, mit Grenzen zu Kuwait, Saudi-Arabien, Jordanien, Syrien, Türkei und Iran. Wer immer Irak beherrscht, ist in der Lage, die gesamte Region zu beeinflussen – auch die Amerikaner wussten das.

Die Machtverhältnisse in der Region werden sich grundlegend ändern

Die Ereignisse in Syrien verstärken das Wachstum der iranischen Macht. Das Regime von Präsident Baschar al-Assad hat den einjährigen Aufruhr auch deshalb überstanden, weil Iran Material und Training liefert. Sollte das alevitische Regime (auch ohne Assad) überleben, wird es von Iran abhängig sein. Was einst eine Beziehung zwischen Gleichen war, in der Syrien auch einmal auf Distanz zu Iran ging, wird sich massiv in Richtung Irans verschieben. Berücksichtigt man zusätzlich Irans Einfluss auf die Hisbollah und deren substanzielle Macht im Libanon, erkennt man die stattfindende Transformation der iranischen Einflusssphäre, die sich vom westlichen Afghanistan bis in den mediterranen Raum erstreckt.

Die Machtverhältnisse in der Region wird das grundlegend verändern. Iran wird den Einfluss über ein Gebiet haben, das entlang der nördlichen Grenze Saudi-Arabiens verläuft und bis an die südliche Grenze der Türkei reicht. Je nachdem, wie robust sich dieser Einfluss erweist und wie stark dieser mit konventioneller militärischer Präsenz unterstützt werden kann, ist es Iran möglich, deutlichen Druck auf die Akteure der Region zu geben, insbesondere auf Saudi-Arabien und Jordanien.

Es ist wichtig, festzuhalten, dass die Existenz von nuklearen Waffen nicht in diese Kalkulation mit einfließt. Selbst wenn Iran nie damit begonnen hätte, an Kernwaffen zu forschen, oder seine Programme einstellen würde, sein Einfluss wüchse dennoch. Diese Bewegung ausgelöst hat zunächst die Invasion der USA in Irak, weil sie die Machtbalance zwischen den Nachbarmächten zerstörte. Der Abzug der Amerikaner schließlich schuf das Vakuum, in das hinein Iran sich nun ausdehnt.

Irans Streben nach Atomwaffen dient der Ablenkung

Die Frage der nuklearen Bewaffnung hat die eigentliche Tatsache verdeckt: Zum ersten Mal in Jahrhunderten hat Iran eine ernsthafte Möglichkeit, die dominante Macht in der Region zu werden. Es ist klar, dass die Iraner an Kernwaffen arbeiten. Was dagegen nicht klar ist, ist, ob sie diese auch wirklich besitzen wollen und wie sie sie im Fall der Fälle gedenken einzusetzen. Denn abseits all der aggressiven Rhetorik, die in erster Linie dazu dient, im eigenen Inland zu mobilisieren, geht Iran außenpolitisch sehr behutsam vor. Während man sich in verdeckten Operationen und taktischer Unterstützung von befreundeten Regimen und Gruppen engagiert, war Teheran sehr bedacht darauf, offenes Engagement zu vermeiden und sich selbst nicht zu übernehmen.

Irans Versuch, Nuklearwaffen zu erlangen, scheint primär dazu zu dienen, vom regionalen Machstreben abzulenken. Im Grunde würde der Besitz einiger weniger Atomwaffen für Iran mehr Gefahren zur Folge haben als der Nicht-Besitz. Solche Waffen gar gegen Israel einzusetzen, würde die eigene Vernichtung nach sich ziehen. Die Iraner, und auch hier wird wieder ihre nach außen getragene Rhetorik ignoriert, waren und sind extrem vorsichtig damit, Konflikte auf ihrem eigenen Boden auszutragen. Sie vermeiden alles, was das Regime gefährden könnte. Der Einsatz von Atomwaffen gegenüber Israel würde diese Bestrebungen zunichte machen.

Trotzdem kann solch eine komfortable Annahme über die mögliche Handlungsweise des Iran keine Grundlage für die Politik Israels sein – gerade weil eine Handvoll Atombomben Israel auslöschen könnten. Das Problem Israels ist, dass es entscheiden muss, wie es mit der Bedrohung umgeht. Die Grundregel der strategischen Planung besagt, auf Fähigkeiten und nicht auf Absichten zu setzen. Fähigkeiten verändern sich nur mit einiger Zeit, Absichten dagegen können sich sehr plötzlich verändern. Die Frage für Israel ist also: Was genau ist Irans nukleare Fähigkeit?

Der Iran muss glaubhaft machen, dass er Atomwaffen bauen kann

Angereichertes Uran führt nicht zwingend zu Atomwaffen. Es kann eine unterirdische Sprengung ermöglichen, das aber auch nur unter der Maßgabe stabiler und kontrollierter Bedingungen. Eine Waffe hingegen muss klein genug sein, um auf ein Transportsystem zu passen und den extremen Bedingungen standhalten, die beispielsweise ein Transport via Rakete mit sich bringt. Eine Rakete vibriert beim Flug mit bis zu zehn G und mehr. Nachdem sie die Atmosphäre verlässt, befindet sie sich im Vakuum, ist extrem unterschiedlichen Temperaturen ausgesetzt und trifft beim Wiedereintritt auf enorme Hitze. Eine solche Waffe zu kreieren benötigt hohe Ingenieurskunst und qualitativ hochwertige Produktionsprozesse. Es ist nicht klar, ob der Iran darüber verfügt. Um allerdings diplomatische Konzessionen zu erlangen, ist es für die Iraner unverzichtbar, Unsicherheit darüber herzustellen, ob sie in der Lage sind, eine einsetzbare Waffe zu bauen.

Vom israelischen Standpunkt aus betrachtet, ist der Raum für Zweifel allerdings sehr begrenzt. Dieses Ungleichgewicht der Prioritäten ist das eigentliche Problem beim Umgang mit Iran. Das zentrale Problem ist Irans wachsende Macht und Einfluss, der eventuelle Besitz von Nuklearwaffen ist eigentlich ein Nebenschauplatz. Dennoch steht für Israel das Nebenthema ganz oben auf der Agenda, während die USA die größer werdende Einflusssphäre im Fokus haben. Deshalb haben Israel und die USA eine unterschiedliche Wahrnehmung des iranischen Problems und andere Arten, darauf zu reagieren – die USA wollen mehr Zeit, etwas, das Israel in seiner Wahrnehmung nicht hat.

Das Problem Israels ist militärischer Natur. Es ist nicht klar, ob die israelische Luftwaffe, eine kleine Truppe, die dafür designt ist, Missionen mit kurzer Reichweite zu absolvieren, die iranischen Atomanlagen zerstören könnte. Zunächst ist da die Frage, ob verlässliche Informationen darüber gesammelt werden können, welche Einrichtungen überhaupt wichtig sind. Zweitens muss man fragen, ob nicht-nukleare Waffen überhaupt in der Lage sind, die gebunkerten Einrichtungen zu zerstören. Drittens ist offen, ob Israel in der Lage ist, nur aus der Luft ausreichend Schaden anzurichten. Es wird klar, dass dies eine breit angelegte Kampagne werden würde und keine einzelner Angriff wie der, der einst die irakischen Anlagen zerstört hat. Die Möglichkeiten der Israelis, eine solche Aktion effektiv umzusetzen, ist fraglich, vor allem wenn die iranische Luftverteidigung eingreift und man simples technisches Versagen einkalkuliert. Im Nicht-Handeln liegt für Israel also Risiko, genau wie im Handeln und Scheitern.

Die wahre Atombombe in den Händen der Iraner

Es existiert aber ein noch größeres Risiko. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Iran auf jede Attacke Israels damit reagieren würde, die Straße von Hormus zu schließen, durch die beinahe 40 Prozent der weltweiten Ölexporte geschifft werden. Dadurch würde sich Iran zwar selbst Schaden zufügen, die Weltwirtschaft aber würde vernichtet. Das ist die wahre Atombombe in den Händen der Iraner. Die USA und Europa können sich ein solches Szenario nicht erlauben, während Israel nicht auf die Hilfe der USA verzichten kann. Weil Israel nicht die Kapazität hat, sich mit der iranischen Marine auseinanderzusetzen, ist die Vorstellung weit hergeholt, es könne Iran ohne Washingtons Unterstützung attackieren. Die US-Marine müsste zuerst die iranischen Seestreitkräfte angreifen, um eine Verminung der Straße von Hormus zu verhindern. Doch selbst die US-Streitkräfte könnten den Erfolg einer solchen Operation nicht garantieren. Die Israelis also würden den USA und anderen ein großes Risiko aufladen – ohne Garantie auf einen erfolgreichen Ausgang.

Es ist also Irans wachsender Einfluss und nicht dessen Atomprogramm, das uns beschäftigen sollte. Die USA können kein Land mit 80 Millionen Einwohnern invadieren, während Luftangriffe gegen die iranischen Streitkräfte Monate dauern würden und auch dann noch scheitern könnten. Deshalb muss das Ziel der USA sein, die Vergrößerung der iranischen Einflusssphäre zu limitieren. Darum ist Syrien so wichtig für die USA. Und deshalb haben Russland und China kein Interesse an einer Lösung der syrischen Krise – beiden gefällt die derzeitige Machtbalance zwischen den USA und Iran, weil sie die Kräfte der Amerikaner bindet. Für die USA dagegen ist der Sturz des Assad-Regimes zum zentralen Anliegen geworden.

Doch auch in Syrien liegen Risiken und Anstrengungen, welche die USA nicht auf sich nehmen können. Das führt dazu, dass Washington eher das Wachstum des iranischen Einflusses akzeptieren oder ihnen in Verhandlungen entgegenkommen wird. Dies wiederum dürfte zu ernsthaften Komplikationen für Saudi-Arabien führen, einem traditionellen Verbündeten der Amerikaner. Doch zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine Option mehr, die keinen ernsthaft belastet.

Am Ende wollen die USA und Europa Öl kaufen. Die Iraner wollen den Handel kontrollieren. Von wem er Öl kauft, ist dem Käufer weniger wichtig als der Umstand, dass überhaupt Öl zu kaufen ist. Hier überschneiden sich die Interessen des Westens mit denen Irans. Schlussendlich erwarte ich, dass Iran sein Atomprogramm opfern würde, wenn es damit die Kontrolle am Persischen Golf erlangt. Damit müssen sich die USA – aber auch Europa – als Nächstes auseinandersetzen.

Übersetzung aus dem Englischen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Israel, Usa, Iran

Debatte

Die Weltlage ist beunruhigend

Merkel soll beim Iran wie Schröder beim Irak Nein zum Krieg sagen

Dietmar Bartsch warnt vor einem neuen Iran-Konflikt. Wir müssen der Eskalationspolitik der USA widersprechen. Gerhard Schröders Entscheidung mit seinem Nein zum Irak-Krieg war völlig richtig. Deuts... weiterlesen

Medium_e004f53d02
von Dietmar Bartsch
16.05.2019

Kolumne

Medium_2c39e622cc
von Stefan Groß
13.03.2019

Debatte

Steinmeier bejubelt die iranischen Mullahs

Medium_38c4f6988e

Dass ist nicht mein Bundespräsident

Als Sohn eines Persers, der vor dem mordenden iranischen Regime geflohen ist, kann ich nicht glauben, dass dies auch mein Bundespräsident sein soll, schreibt Ramin Peymani. weiterlesen

Medium_42121ee6e7
von Ramin Peymani
26.02.2019
meistgelesen / meistkommentiert