Die Welt ist so groß, dass alle Irrtümer darin Platz haben. Rudolf Augstein

Die britische Königin und ihre Rolle im Commonwealth

Seit über sechzig Jahren ist die britische Königin Elisabeth Oberhaupt des Commonwealth. Der BBC-Moderator und Journalist George Alagiah, Autor der BBC World News-Dokumentation The Queen: Her Commonwealth Story, beschreibt die ganz besondere Beziehung der Monarchin zu den 53 Nationen des Commonwealth.

Für eine Frau, von der manche sagen, sie spreche selten, falls überhaupt, jemals laut aus, was sie wirklich denke, ist die Einmischung von Königin Elisabeth in die heikle Frage, wer ihr als Oberhaupt des Commonwealth nachfolgen solle, gelinde gesagt, untypisch. Während des Commonwealth Summit, der letzten Monat in London stattfand, erklärte sie, dass es ihr “sincere wish”, also ernsthafter Wunsch sei, dass ihr Sohn Prinz Charles ihren Platz einnehmen solle, wenn die Zeit gekommen sei. Die versammelten Delegationen aus 53 Ländern des Commonwealth, die 2,4 Milliarden Menschen, also ein Drittel der Menschheit repräsentierten, stimmten einhellig zu.

Wer mehr von dieser Regelung profitiert, die britische Königsfamilie oder der Commonwealth – ist strittig. Was mir aber bei der Produktion der BBC World –News Dokumentation What The Queen: Her Commonwealth Story klar wurde, ist: Die Commonwealth-Rolle Ihrer Majestät, der Königin von England, bietet ihr eine seltene Gelegenheit, bis zu einem gewissen Grad unabhängig zu agieren, was sie im eigenen Land nie könnte. Bei den Eröffnungsreden im Parlament werden ihr die Worte buchstäblich in den Mund gelegt. Das ist nicht der Fall, wenn sie als Oberhaupt des Commonwealth spricht. Man erkennt es an ihren Weihnachtsansprachen, die sich traditionell an den Commonwealth richten, und die sie ohne die Ratschläge der Minister ausformuliert. Im Jahr 1983 sagte die Queen nach einer Reise nach Südafrika, dass das größte Problem der Welt der Unterschied von reichen und armen Ländern sei. Könnte sie jemals ähnliches über die Ungleichheit im Vereinigten Königreich sagen? Das käme einer konstitutionellen Krise gleich.

Es ist ein Verdienst der über 60- jährigen Führung des Commonwealth durch die britische Königin, dass sie in den meisten Fällen Kontroversen vermeiden konnte, ob konstitutionelle oder andere. Das ist wahrlich ein Erfolg, wenn man die historischen Ereignisse während ihrer Regentschaft betrachtet. Die Queen überwachte den Wandel des Vereinigten Königreichs von der Kolonialmacht zu seiner heutigen Form, einer Inselnation, die gerade ihre Rolle in der Welt neu definiert. Indien, das Juwel in der Krone, mag für seine Unabhängigkeit vor ihrer Inthronisation gekämpft haben und diese auch erreicht haben. Aber es passierte so einiges im ehemaligen Empire – nicht zu vergessen, die „Winds of Change, die durch Afrika bliesen: Seit den späten 50er Jahren – mit 1957 Malaysia, Nigeria im Jahr 1960 oder St. Kitt & Nevis im Jahr 1983 – schrumpfte das ehemalige britische Weltreich wie ein Luftballon, bei dem man die Luft ablässt.

Stelle man sich in all dem einen meinungsgewaltigen oder wichtigtuerischen Monarchen vor. Wie wäre so jemand mit dem Übergang vom Weltreich zum Commonwealth umgegangen? Meiner Meinung nach wäre der Prozess aufreibender und erbitternder gewesen, hätte nicht die Queen ihren Einfluss geltend gemacht. Sie war Chef-Zuhörerin, nicht Chef-Rednerin. Sie machte sich viele, manche sogar unerwartete Freunde. Man denke an den großmächtigen ehemaligen australischen Premier Bob Hawke, der sich vergebens dafür einsetzte, dass Australien eine Republik würde, und damit die Queen als Head of State eliminieren wollte. Als ich ihn in seinem Büro traf, das einen Blick auf die Hafenbrücke von Sidney freigibt, sagte er mir, er habe unglaublichen Respekt vor ihr.
Die Archivaufnahmen ihrer Commonwealth-Reisen und davon gibt es viele im BBC-Archiv, zu betrachten, heißt, Zeuge davon zu werden, wie aus einer scheuen Erscheinung mit wenig Selbstbewusstsein eine Frau wurde, die ihre Rolle geschickt spielte und mit großem Erfolg umsetzte. Man sollte auch daran denken, dass sie dies als Frau in einer Männer-dominierten Welt erreichte. Im Gespräch mit mir äußerte Prinzessin Anne, Queen Elisabeth spiele die Rolle eines Mannes “ehrenhalber”. Ich weiß, was sie meint, bin mir dabei aber nicht so sicher. Bei verschiedenen Gelegenheiten wurde mir versichert, dass genau diese Tatsache dazu führte, dass die Commonwealth-Politiker ihr vertrauten. Sie hat sich die Wertschätzung von Top-Politikern in aller Welt erworben, auch in Zeiten, in denen der Respekt vor der britischen Regierung nicht groß war.

Den eindeutigen Beweis hierfür lieferte die kontroverse Debatte über die Apartheid in Südafrika innerhalb des Commonwealth in den 1980er Jahren. Nahezu jedes Mitglied, darunter mächtige Staaten wie Indien, Kanada und Australien sprachen sich für Sanktionen aus. Dagegen sprach sich Premierministerin Margaret Thatcher aus. Dieser Disput drohte den Commonwealth auseinanderzubrechen. Bei einem Treffen von wichtigen Staatsführern in London im Jahr 1986 brach sie mit Konventionen und lud zum “Arbeitsessen” im Buckingham Palace am Vorabend des offiziellen Treffens. Acht Gäste saßen am Tisch, sieben waren für Sanktionen, einer dagegen: Frau Thatcher. Im Laufe des Dinners machte die Queen klar, dass sie einen Konsens ihres geliebten Commonwealth wünsche. Der damalige Generalsekretär Sir Shridath Ramphal, erzählt mir, dass jeder am Tisch wusste, an wen der Appell gerichtet war. Er fügte an, Frau Thatcher habe finster dreingeblickt. Diese Ansicht wurde auch von Sir William Heseltine, damaliger Privatsekretär der Queen, bestätigt. Er beschreibt ihre unerwartete Intervention als die „vielleicht mutigste politische Initiative des Jahrzehnts“.

Dies ereignete sich 30 Jahre, nachdem sie den Thron bestiegen hatte. Aber sie hatte diese unabhängigen Züge bereits früher an sich. Im Jahr 1961 zeigte sich die britische Macmillan-Regierung besorgt über ihre geplante Reise nach Ghana. Politische Unruhen- Bomben gingen hoch- so die Befürchtung, machten die Reise gefährlich, und man könne diese als Unterstützung eines wachsend autoritären Kwame Nkrumah missdeuten. Die Königin zeigte sich entschlossen. Sich bewusst, dass Ghanas erster Führer mit dem kommunistischen Block flirtete, bestand sie auf der Reise und verwies darauf, dass sie ihre Aufgabe beim Commonwealth sehr ernst nehme.

Diese Hingabe ist nicht geringer geworden, eher größer. Es wird schwer sein, ihre Nachfolge anzutreten. Die britische Königin hat einen Standard gesetzt, vor dem sich Prinz Charles messen lassen muss.

The Queen: Her Commonwealth Story wird am Samstag, den 12. Mai um 19.10 Uhr und am Sonntag, den 13.Mai um 12.10 Uhr auf BBC World News ausgestrahlt (deutsche Sendezeit)

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Andreas T. Sturm, Wolf Achim Wiegand, Wolf Achim Wiegand.

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