Die Mussbruchstelle

Georg Fahrenschon14.07.2011Wirtschaft

Die Marktmacht der Ratingagenturen haben wir lange unkritisch hingenommen, teilweise sogar gestärkt. Eine europäische Alternative ist kostspielig und nicht über Nacht realisierbar. Jedoch müssen wir die luftabschnürende Bedeutung der US-Agenturen jetzt drastisch einschränken.

Die Ratingagenturen sind wieder in den Schlagzeilen. Sind sie Sündenböcke wider Willen oder unberechenbare Täter? Unbestritten haben die drei großen US-Ratingagenturen durch Versäumnisse und gravierende Fehleinschätzungen bei der Beurteilung vor allem von strukturierten Finanzprodukten zur Dynamik und zum Ausmaß der Finanzmarktkrise beigetragen. Gleichzeitig haben sie die Emittenten bei der Gestaltung der Papiere beraten. Dieses Verhalten hatte wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Um die Finanzmarktstabilität des Euroraumes insgesamt zu sichern, unternehmen die EU-Staaten und der IWF große Anstrengungen mit beachtlichen Rettungsschirmen. Aber auch die von der Schuldenkrise akut betroffenen Staaten wie Griechenland und Portugal nehmen tiefe Einschnitte vor, die von den Menschen dort viel abverlangen. Und wieder sind es die drei großen US-Ratingagenturen, die eine zweifelhafte Rolle einnehmen: Bei einer angemessenen Beteiligung privater Gläubiger auf freiwilliger Basis einen Zahlungsausfall des Schuldnerstaates unterstellen zu wollen, ist alles andere als ein konstruktiver Beitrag zur Lösung des Problems.

Komplexer und zeitintensiver Prozess

Als Antwort erschallt immer stärker der Ruf nach einer europäischen Ratingagentur. Ja, wir brauchen mehr Wettbewerb und mehr Sensibiliät für kontinentaleuropäische Grundsätze. Die Europäische Kommission sollte aber nicht den Eindruck erwecken, es könne schnelle Lösungen geben. Der Aufbau neuer Ratingagenturen ist ein komplexer und zeitintensiver Prozess, der auch hohe finanzielle Anstrengungen erfordert. Die Etablierung unabhängiger europäischer Ratingagenturen kann daher allenfalls ein langfristiges Projekt sein. Es ist aber richtig, lieber spät als nie damit zu beginnen. Was ist also kurz- bis mittelfristig zu tun? Zahlreiche Finanzmarktakteure haben sich ausschließlich auf die Urteile der Ratingagenturen verlassen, ohne sich selbst ein angemessenes Bild über die Risiken zu machen. Dieses Verhalten wird unterstützt dadurch, dass externen Ratings in “Basel II(Link)”:http://de.wikipedia.org/wiki/Basel_II bei der Unterlegung von Forderungen mit Eigenkapital eine große Bedeutung zugewiesen wird. Basel II hat zur Legitimierung des Gebrauchs externer Ratings beigetragen und damit einen negativen Anreiz für Institute geschaffen, ihr eigenes Risikomanagement und die (Weiter-)Entwicklung ihrer bankinternen Ratings zu vernachlässigen. Wir haben in gewisser Weise den Zauberlehrling selbst geschaffen. Das erinnert mich an Fabeln, wo Gespenster immer größer werden, je mehr die Angst der Menschen steigt. Mit anderen Worten: Die drei großen US-Agenturen beziehen ihre Marktmacht vor allem durch die Absolutheit der Beachtung ihrer Ratings.

Handeln statt Wehklagen

Griechenland ist aktuell gar nicht am Markt tätig, da derzeit die Staaten der Eurogruppe und der IWF seine Kreditversorgung garantieren. Das Eurosystem entscheidet nach eigenen Kriterien, unter welchen Voraussetzungen es Papiere als Sicherheit für seine Refinanzierungsgeschäfte akzeptiert. Anders ist dies bei den Basel-II-Regelungen für das Eigenkapital der Banken und den Vorschriften für Versicherungen. Hier sollte die EU-Kommission ergänzende Bestimmungen prüfen, die regeln, dass bei einer Inanspruchnahme von Rettungsschirmen die Ratings nicht verpflichtend und bindend sind, da der IWF und die Staaten der Eurogruppe hinter den betreffenden Ländern stehen. Wir müssen die überhöhten Wirkungen der Ratings überprüfen und verändern. Statt lautem Wehklagen lieber Handeln.

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