Der doppelte Autor

von Gay Talese26.01.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Absolute Wahrheit gibt es nicht. Journalisten mögen nach der Wahrheit streben, doch jeder Satz ist eine Entscheidung. Autoren führen ein Doppelleben: Sie notieren Ereignisse, die erst im Nachempfinden echt werden.

Es gibt keine absolute Wahrheit in der Wahrheit, die man in mutmaßlich ehrlichen Menschen sucht. Dazu gehörten selbst verantwortungsvolle Quellen, aufrichtige Beichtväter, die interessantesten Interviewpartner, die ihre persönlichen Erfahrungen enthüllen oder Menschen, die ihre Autobiografien oder Memoiren niederschreiben und publizieren. Im besten Fall ist die Wahrheit also vage, strittig und von einer Wahrnehmung verfärbt, an welche sich zur Hälfte wieder erinnert wird, und die von Selbstschutz sowie einer idealisierten Wahrnehmung des Selbst getrieben wird. Damit ist nicht gesagt, dass die Menschen (seien es solche, die fragen oder solche, die antworten) notwendigerweise der Täuschung oder Hinterlist schuldig sind. Doch ist es unmöglich, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit (wie es im Gerichtssaal so schön heißt) exakt zu messen.

Objektiven Journalismus gibt es nicht

Während Journalismus sich dafür einsetzt, die Wahrheit ans Licht zu bringen, kann dies keine Zeitung wirklich leisten. Auf jeder Seite einer Zeitung (oder eines Magazins, oder eines Sachbuchs) hat der Autor Entscheidungen getroffen: persönliche Entscheidungen, welche die Gesamtheit ihrer Erfahrungen reflektieren. Notizen sind fehlerhaft, Informationen unvollständig und die Veröffentlichung – was gedruckt werden soll, wie viel gedruckt werden soll, wo das Gedruckte im Werk gezeigt wird (hervorgehoben auf Seite 1? Im unteren Teil von Seite 37 begraben?) – all diese Entscheidungen werden subjektiv, nicht objektiv getroffen. So etwas wie objektiven (absoluten, unbestreitbaren) Journalismus oder Sachliteratur gibt es nicht. Wenn Sachliteratur aber keine absolute „Wahrheit“ beinhaltet, was ist dann ihr Sinn? Ich persönlich schreibe Sachbücher, weil ich bemüht bin, der Wahrheit so nahe zu kommen, wie es dieses Genre nur zulässt. Der Dokumentarroman war das neue und erforschende Genre in den 1960er- und 1970er-Jahren, das nicht nur von meinen herausragenden Altersgenossen wie Tom Wolfe und Hunter Thompson praktiziert wurde. Zahlreiche andere Schriftsteller wie Norman Mailer, Truman Capote, Joan Didion, die sich einen Namen in der Romanliteratur gemacht haben, widmeten sich später der „Kunst der Realität“, wie ich es nenne: dem Bedürfnis, in Erzählform das Leben und die Situationen derer Menschen zu beschreiben, welche uns all die Geschichten zukommen lassen oder die wir aus Eigeninteresse und zwanghafter Neugier verfolgen. Zahlreiche Autoren – und ich bin einer von ihnen – führen eine Art Doppelleben: Sie sind, was sie schreiben und sie sind Zeugen dessen, was sie schreiben. Sie wohnen zugleich innerhalb als auch außerhalb ihrer Selbst. Sie haben eine Distanz zu ihrem Innersten. Zudem besitzen sie ein doppeltes Verhältnis zu ihren literarischen Subjekten. Sie gehen mit ihnen aus, sie turteln mit ihnen, malen und gestalten sie. Sie begleiten sie in die Öffentlichkeit, wo beide sich dem Intellekt und einer kritischen Betrachtung darbieten.

Für den Leser ist es wahr

Nachdem ich 1962 mehrere Male mit dem Wettkämpfer Floyd Patterson gesprochen hatte, konnte ich ihn dazu bringen, mir die Situation zu beschreiben, im Boxring ausgezählt zu werden. Ich bin seine Wörter wieder und wieder durchgegangen; den Moment des Zusammenbrechens im Ring, der Fall auf den Rücken, sich seiner Situation bewusst zu sein – und Tausende von Menschen sehen dir in diesem peinlichen und demütigenden Zustand zu. Seine Beschreibung ist heute, ein halbes Jahrhundert später, noch so lebendig wie damals. Ich sage Ihnen: Keine Dichtung kommt an diese reale Beschreibung heran. Warum? Weil sie wahr ist. Es ist wahr für mich, es ist wahr für Floyd Patterson (der es mir anvertraut hat und mir schließlich bestätigte, dass ich beschrieben hatte, was er wirklich erlebte); und auch für die Leser, die diese 50 Jahre alte Geschichte heute im Sammelband nachlesen, ist es wahr. _Übersetzung aus dem Englischen._

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