Online ist inzwischen Teil der realen Welt. Zeynep Tufekci

Ein Platz an der Sonne

Adieu Büro, hallo heimischer Balkon. Dank der Digitalisierung der Arbeitswelt müssen Sie sich in Zukunft nicht mehr zwischen Berufs- und Familienleben entscheiden, sondern können Ihre neu erworbenen Freiheiten genießen. Gut so!

Wenn es zu einer Veränderung des Arbeitsmarktes kommt, betrachtet man dies in Deutschland stets mit Argwohn. Die Auswirkungen der Arbeits-Digitalisierung werden dabei sowohl mit Sorge als auch Optimismus betrachtet. Die Realität des gegenwärtigen Arbeitsmarktes zeigt aber, dass die Digitalisierung eine gewisse Flexibilität und Freiheit geschaffen hat, besonders dann, wenn man die Arbeitsmodelle von heute mit den überholten Modellen der letzten Generationen vergleicht.

Vor Jahren, zur Zeit des Industriezeitalters, wurde das typische Arbeitsverhältnis durch festgesetzte Arbeitszeiten und Standorte sehr eingeschränkt. Jeder Angestellte musste zur selben Zeit am selben Ort erscheinen, damit die tägliche Arbeit erledigt werden konnte. Dank verschiedenster Innovationen – besonders innerhalb der Mobiltechnologie und Collaboration Models – muss heute kein Unternehmen mehr an diesem veralteten Arbeitsmodell festhalten. Es ist nicht länger nötig, alle Mitarbeiter zur selben Zeit in ein Büro zu pferchen, denn sowohl Smartphones als auch kostenlose Möglichkeiten, globale Videokonferenzen abzuhalten oder wichtige Dokumente über Cloud-basierende Technologien zu übermitteln, gestatten die kollegiale Zusammenarbeit, sodass das traditionelle Büro, wie wir es kennen, zunehmend überflüssiger wird. Folglich kann heute die Arbeit zum Arbeiter gebracht werden.

Das Zeitalter der „digitalen Nomaden“

Die Digitalisierung hat ebenfalls zur Entwicklung neuer Branchen wie der Onlinearbeit geführt – einer Entwicklung weit weg vom uns bekannten Arbeitsmodell. Online-Arbeitsplätze ermöglichen es Unternehmen und Fachkräften auf der ganzen Welt, sich zu finden und über das Internet zusammenzuarbeiten. Durch die Möglichkeit, Fachkräfte nach Bedarf zu finden, sowie neu entdeckte, flexible und kosteneffektive Wege der Personalbeschaffung investieren immer mehr Unternehmen in Online-Fachkräfte. Allen Einschätzungen nach wird der im Jahr 2012 mit 1 Milliarde USD berechnete Online-Arbeitsmarkt auf 5 Milliarden USD im Jahr 2018 wachsen.

Onlinearbeit bringt auch Fachkräften entscheidende Vorteile, denn Freiberufler haben selbst volle Kontrolle über ihre Karriere und können Entscheidungen über Arbeitszeiten, -plätze und -methoden selbst treffen. Karriereportfolios können zielstrebig und genau nach den Vorstellungen des Freiberuflers erstellt werden. Einer Umfrage von Genesis Research zufolge sagten 90 Prozent aller befragten Freiberufler, dass sie durch Onlinearbeit Freiheiten genießen können, von denen sie, als sie noch in traditionellen Arbeitsverhältnissen beschäftigt waren, nur geträumt haben; 69 Prozent der Befragten beschreiben ihre Onlinearbeit ebenfalls als weitaus interessanter als andere Jobs.

Dieser Paradigmenwechsel hat nicht nur in der Geschäftswelt, sondern auch in der Welt der Angestellten und deren Lebensgestaltung Aufsehen erregt. Durch die Möglichkeit, von überall aus arbeiten zu können, ist nun beispielsweise der Wohnort frei wählbar, und so zieht es viele Freiberufler näher an den Wohnort ihrer Familien. In traditionellen Anstellungen hätten sie sich dies eventuell nicht erlauben können, besonders dann nicht, wenn sich dieser Ort in ländlicheren Gegenden befindet, wo der Arbeitsmarkt klein oder stagnierend ist. Andere wiederum bevorzugen gar keinen festen Wohnort. Diese „digitalen Nomaden“ umreisen die Welt und arbeiten dann, wenn es sich anbietet.

Diese Flexibilität hat eine große Auswirkung auf die Art und Weise, wie Freiberufler ihr Leben gestalten: Berufstätige müssen sich nicht länger zwischen ihrem erfüllenden Berufsleben und dem Familienleben entscheiden, sondern genießen die Freiheit, beispielsweise von zu Hause arbeiten zu können oder ihre Arbeitszeiten so zu legen, dass sie mit dem Tagesablauf ihrer Kinder vereinbar sind.

Tendenz steigend

Das Konzept „zur Arbeit gehen“ entfernt sich zunehmend von einem festen Standort, sodass Büroräumlichkeiten immer mehr den Bedürfnissen der mobilen Bewohner angepasst werden. Viele Unternehmen empfinden Büroräumlichkeiten trotz flexibler Arbeiterschaft als wichtig, denn nach wie vor wird ein zentraler Ort der Zusammenkunft gegenüber einem täglich wechselndem Treffpunkt bevorzugt. Allerdings tendieren Unternehmen zunehmend zu Büroräumlichkeiten, die eine offene, von allen Mitarbeitern geteilte Bürofläche bieten, wo die Zusammenarbeit und Kreativität gefördert werden kann. Auch werden Arbeitsweisen wie das „Hotdesking“, bei der sich der Freiberufler einen Arbeitsplatz innerhalb des Büros eines Unternehmens für einen gewissen Zeitraum reserviert, immer beliebter.

Gleiches gilt für „Co-Working-Spaces“. Ganz nach der Idee des Internetcafés als Büro, kann sich ein Freiberufler oder Start-up-Unternehmen je nach Bedarf ein Büro innerhalb eines öffentlichen Co-Working-Space anmieten. Dadurch erhält der sonst so isolierte Freiberufler sozialen Kontakt zu gleichgesinnten Berufstätigen, woraus sich immer häufiger Arbeitsgemeinschaften und Netzwerke entwickeln.

Diese neuen Arbeits- und Netzwerkstrategien beeinflussen die Struktur eines jeden Unternehmens, denn nun können talentierte Fachkräfte jederzeit zu bestehenden Teams als Unterstützung hinzugefügt werden. Der bereits erwähnten Studie nach dauert der Einstellungsprozess einer Online-Fachkraft durchschnittlich 2,8 Tage, während dieser auf dem traditionellen Weg rund 24 Tage beträgt. Diese flexible Art und Weise des Einstellungsprozesses ermöglicht es den Teamleitern, sich auf strategische und zielorientierte Arbeit zu konzentrieren, während die Leitung der Onlineteams durch andere Mitarbeiter getätigt werden kann. So erhalten Juniormitarbeiter die Chance, durch die Leitung der Onlineteams wertvolle Managementerfahrungen zu sammeln.

Heute erleben wir lediglich die Anfänge des Arbeitswandels – im Jahr 2020 soll bereits jeder Dritte online arbeiten. Unternehmen, die diesen Wandel und das Potenzial, was darin steckt, ignorieren, werden daher langfristig das Nachsehen haben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Frank-Walter Steinmeier, Frank Schäffler, Rainer Zitelmann.

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