Es gibt ein europäisches Lebensmodell, das wir verteidigen müssen. Guido Westerwelle

Wie wir lehren, die Bombe zu hassen

Wenn wir einen Atomkrieg verhindern wollen, dürfen wir uns nicht länger auf unser Glück verlassen. Vor allem da wir längst wissen, was zu tun ist.

Während der Kubakrise warf ein US-Kriegsschiff eine Bombe so nah neben einem sowjetischen U-Boot ab, dass die Kommunikationssysteme der Sowjets versagten. Die U-Boot-Besatzung verlor die Verbindung nach Moskau. Der Kapitän wandte sich also an seine Offiziere: Sollte er seine Kommandogewalt nutzen und den Start der Atomraketen befehlen? Am Ende ging es glimpflich aus – aber nur dank einer Zwei-zu-eins-Mehrheit unter den drei sowjetischen Offizieren.

Es gibt Dutzende solcher Geschichten. Sie alle führen uns vor Augen, wie oft die Welt sich durch menschliche Irrtümer, technische Fehler, Fehleinschätzungen oder -kalkulationen am Rande einer nuklearen Katastrophe befunden hat. Seit Beginn des Kalten Krieges hat uns weniger die Ausgereiftheit von Kontrollsystemen oder staatsmännisches Geschick vor der Zerstörung bewahrt, sondern vor allem pures Glück.

Das Risiko für den Einsatz von Atomwaffen steigt

Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass uns das Glück treu bleibt. Es gibt noch immer mehr als 22.000 Atomwaffen. Sie sind heute auf mehr Länder verteilt und in instabileren Regionen zu finden als zur Zeit des Kalten Krieges. Kommando- und Kontrollsysteme sind in manchen Atommächten fragil. Terroristen versuchen, Atomwaffen oder zumindest Pläne für deren Herstellung unter ihre Kontrolle zu bringen. Ob Unfall oder bewusster Einsatz: Das Risiko für die Verwendung von Atomwaffen steigt.

Niemand sollte an den fatalen Konsequenzen einer nuklearen Explosion zweifeln: Zum einen würden Hitze und Druckwelle einer solchen Explosion immense Zerstörung anrichten und durch die Strahlenbelastung auch künftige Generationen schädigen. Nicht umsonst gelten Atomwaffen als die wahlloseste und inhumanste Waffe im militärischen Arsenal. Zum anderen würde bereits ein mittelschwerer Nuklearkrieg zwischen Indien und Pakistan dafür sorgen, dass radioaktive Partikel hoch in die Atmosphäre gelangen und einen nuklearen Winter auslösen. Die Schäden für die globale Landwirtschaft wären verheerend.

2009 wirkte es, als ob das nukleare Schlafwandeln ein Ende hätte. Obama widmete damals eine außenpolitische Rede in Prag vor allem der Frage nach nuklearer Abrüstung. Gemeinsam mit Russland verhandelten die USA über einen neuen Abrüstungsvertrag, um die Anzahl der strategischen Atomwaffen zu reduzieren. Das Pentagon nahm diesen Grundsatz sogar in die eigene Haushaltsplanung auf. Auch die Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag (NPT) kam 2010 zusammen und verständigte sich zumindest auf einige Maßnahmen – fünf Jahre zuvor war die Sitzung noch gescheitert. Der Plan sah unter anderem vor, den Nahen Osten atomwaffenfrei zu halten. Außerdem wurden neue Anstrengungen unternommen, um den Kernwaffenteststopp-Vertrag umzusetzen und die Herstellung von waffenfähigem Spaltmaterial zu verhindern. Bei einem Gipfeltreffen wurde beschlossen, Atomwaffen endgültig sicher wegzuschließen und Schurkenstaaten sowie Terroristen den Zugang zu verweigern.

Nur drei Jahre später ist von diesen politischen Initiativen kaum etwas übrig geblieben. Ein weiterer Abbau der Arsenale der USA und Russlands ist zwischen den Debatten um konventionelle Waffen und Raketenabwehrsysteme zerrieben worden. Der NATO-Gipfel in Chicago hat lediglich dazu geführt, überholte Gedanken zum Atomkrieg ­aufzuwärmen. China modernisiert mit Nachdruck seine Waffen und Trägersysteme. Indien und Pakistan rüsten auf. Der Iran ist näher an der Entwicklung einer eigenen Atomwaffe als jemals zuvor – selbst wenn das Land nach derzeitigen Einschätzungen keine Waffen baut. Die Pläne für einen atomwaffenfreien Nahen Osten stecken in der Sackgasse. Die Ratifizierung des Testverbots und Verhandlungen über die Kontrolle spaltbarer Materialien stehen still. Gipfeltreffen produzieren viel heiße Luft, aber wenig Substanz.

Wenn wir die nukleare Katastrophe verhindern wollen, müssen atomare Abrüstung und der NPT wieder zentrale politische Themen werden. Als Besitzer von 95 Prozent der weltweiten Atomwaffen müssen die USA und Russland Vorreiter bei der Zerstörung alter Waffen sein. Sie sollten sich deshalb dazu verpflichten, 90 Prozent ihres Arsenals bis zum Jahr 2025 zu vernichten. Die Anzahl der sich im Einsatz befindenden Atomraketen muss sinken. Der Alarmzustand bei atomaren Waffensystemen sollte die Ausnahme und nicht die Regel sein. Politiker in den USA, in Russland und ihre Verbündeten müssen sich von der Theorie nuklearer Abschreckung verabschieden und ihre außenpolitische Abhängigkeit von Atomwaffen verringern. Das gelingt nur, wenn alle Akteure sich gemeinsam hinter den NPT stellen, das Testverbot durchsetzen und die Produktion spaltbarer Materialien beenden.

Das Thema in die Köpfe der Verantwortlichen hämmern

Eine aktivere Rolle der G20 in diesen Fragen wäre hilfreich. Die Staaten dieses Forums sind sowieso daran interessiert, ihre globale Stellung zu festigen – auch jenseits der Bewältigung der Finanzkrise. Es geht nicht um die Verabschiedung neuer Beschlüsse oder die Schaffung neuer Diskussionsforen als vielmehr um die entschlossene Umsetzung bereits vorhandener Vereinbarungen. Diese wichtige Initiative von oben wird aber ausbleiben, wenn der Druck von unten fehlt. Ehemalige Staatsführer, Allianzen von kleinen und mittelgroßen Staaten sowie zivilgesellschaftliche Akteure müssen weiter auf die Umsetzung der Beschlüsse drängen.

Einige Initiativen sind bereits aktiv. In Europa, im asiatisch-pazifischen Raum und in den USA haben Fürsprecher Netzwerke gebildet, um das Thema zurück auf die politische Agenda zu heben. Nichtregierungsorganisationen prangern Fehlverhalten an, um Staaten zur Umsetzung ihrer Beschlüsse zu bewegen. Eine internationale Koalition zur Unterstützung einer Atomwaffenkonvention wächst. Aktivisten klären die Öffentlichkeit über die Gefahren auf.

Wir brauchen mehr solcher Initiativen! Das Thema muss tief in die Köpfe der Verantwortlichen gehämmert werden, bis es dort endgültig verankert ist. Der Atomwaffensperrvertrag und nukleare Abrüstung sind politische Notwendigkeiten, keine bloßen Optionen.

Wir kennen derzeit lediglich zwei Bedrohungen, die das Leben auf der Erde in seiner derzeitigen Form auslöschen können. Und Atomwaffen töten deutlich schneller als Kohlendioxid.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Marc Lipsitch, David Quammen, Bill McGuire.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 1/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Weitermachen, der Weltuntergang fällt aus: Lesen Sie, wie sich die Menschheit gegen Asteroiden, Pandemien und Co. zur Wehr setzt. Außerdem: Warum die SPD-Troika den Sozialdemokraten schadet und welche Wirtschaftsweisheiten 2013 endgültig in den Papierkorb der Geschichte gehören.

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