Wenn ich träumen will, gehe ich schlafen. Sahra Wagenknecht

Hoffnung aus der Tube

Ein neues Anti-AIDS-Gel sorgt für Aufregung in Südafrika. Für die Frauen des Landes gibt es erstmals die Möglichkeit, sich auch im Falle einer Vergewaltigung vor Ansteckung zu schützen. Doch das Gel ist kein Allheilmittel, es reduziert nur das Infektionsrisiko – ohne Kondome wird es nicht gelingen, die AIDS-Epidemie zu bekämpfen.

Ein neues Anti-AIDS-Gel sorgt seit letztem Monat für Aufregung. Es reduziert das Risiko einer Ansteckung bei lokaler Anwendung enorm. Ein Hoffnungsschimmer, besonders in Südafrikas Kampf gegen die Pandemie. Im Land der Fußball-WM leben die meisten HIV positiven Menschen der Welt.

Das Gel ist neu, viele Betroffene haben nur vage Informationen. Eine Umfrage unter den Patienten einer Pflegestation für AIDS-Kranke in einem Township Kapstadts ergab; sie erhoffen sich von dem Gel Schmerzlinderung, besonders in den Beinen. Das Personal hat schon genauere Vorstellungen, war aber nicht beeindruckt von der 40-prozentigen Senkung der Infektionsrate. Der behandelnde AIDS-Spezialist Dr. Shapi ist zögerlich: Es sei noch ein weiter Weg, bis das Medikament für die breite Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Und das Restrisiko einer Infektion sei immer noch zu hoch.

Jeder vierte Südafrikaner hat schon einmal vergewaltigt

Das Gel, das noch keinen richtigen Namen hat, wurde auch in Südafrika entwickelt und getestet, man verspricht sich viel davon. Würde es doch den Frauen ein Mittel in die Hand geben, dass sie zwar nicht vor Ansteckung schützt, das Infektionsrisiko jedoch erheblich reduziert.

Man muss die grosse Hoffnung die in das Gel gesetzt wird vor dem südafrikanischen Hintergrund betrachten. In Südafrika bekennen sich über 25% der Männer, eine Frauen vergewaltigt zu haben. Häusliche Gewalt steht auf der Tagesordnung. Kondome stehen nicht zur Debatte. Der südafrikanische Mann ist ein Macho, besonders unter den Ärmsten der Armen ist die Gewalt gegenüber den Frauen als Zeichen der Macht ein grosses Problem. Frauen sind die Opfer, sie haben bisher keine Möglichkeit sich zu schützen, das Ergebnis: über 30% der Frauen zwischen 25 und 35 Jahren sind HIV positiv.

In Südafrika wird viel für die Aufklärung getan. Poster, Vereine, Programme: Überall sieht man T-Shirts mit AIDS-Slogans, die von Aktivisten verteilt werden. Aber das Gehörte, das in der Familie, bei Freunden Erlebte, wird nicht Grundlage des eigenen Denkes und Handelns, schon gar nicht in den Shacks, in den Townships, wo Armut und Hoffnungslosigkeit regieren. Das Bildungssystem ist überfordert, die Lehrer in den staatlichen Schulen sind oft nicht qualifiziert oder haben Hemmungen, über Sexualität zu sprechen. Nach den grossen Schulferien laufen die Kliniken regelmässig über mit schwangeren Teenagern. Wie ist das möglich in einem Land, in dem Millionen für Aufklärung und Verhütungskampagnen ausgegeben werden?

Gel und Kondom wären ein zu empfehlender Infektionsschutz

Die Frauen Südafrikas sind stark, aber sie können sich gegen die Gewalt der Männer nicht wehren. Mit dem neuen Mikrobiozid-Gel wird ihnen erstmalig ein Mittel in die Hand gegeben, welches ihnen ermöglicht bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr das Risiko einer HIV-Infektion zu reduzieren. Wird es die Männer, unter Verweis auf das Gel, endgültig dazu bringen das ungeliebte Kondom abzustreifen? Das wäre schlecht, denn es ist auch ein Mittel der Familienplanung. Gel und Kondom wären ein zu empfehlender Infektionsschutz.

Für die Patienten mit den schmerzenden Beinen, im AIDS-Center von Kapstadt, kommt das Gel zu spät. Aber es wird in Zukunft anderen Frauen viel Leid ersparen. Und noch ein Hoffnungsschimmer: Es ist die Rede von einem neuen Präparat, das noch wirksamer sein soll. Wir wünschen es den Frauen, nicht nur denen in Südafrika.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Kathrin Bever, Gita Ramjee.

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