Die unendliche Geschichte

von Gabriele Camphausen16.06.2013Gesellschaft & Kultur

Bei der deutschen Geschichtsaufarbeitung darf es keinen Schlusspunkt geben. Jahrestage wie der 17. Juni bieten die Gelegenheit, den kritischen Maßstab auch an uns selbst anzulegen. Denn die Vorstellung einer unumstößlichen und ewigen Wahrheit ist auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten.

Mit Fug und Recht lässt sich sagen, dass die Aufarbeitung in die Jahre gekommen ist.
Sicherlich: Die Ansätze zu einer Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte waren in den ersten Nachkriegs-Jahrzehnten wahrlich übersichtlich. Von einer Aufarbeitung der NS-Herrschaft im Sinne einer breiten öffentlichen Diskussion können wir also erst seit den 1970er-Jahren sprechen. Aber auch diese Anfänge liegen inzwischen knapp vier Jahrzehnte zurück. Neue Generationen sind herangewachsen, Generationen mit ihren jeweils eigenen Fragen, Befindlichkeiten, Sichtweisen. Und bedenken wir die Schnelligkeit heutiger Entwicklungsrhythmen, so dürfte es eine ganze Reihe an Generationen sein, die diesen öffentlichen Diskurs durchschritten und geprägt haben.

Auf einen kürzeren Zeitraum blickt die Aufarbeitung der DDR-Geschichte zurück, hat sie doch erst seit dem Ende der SED-Diktatur eine breite gesellschaftliche Beteiligung erfahren. Aber auch hier sind mittlerweile über 20 Jahre vergangen, hat es Generationen- und damit verbundene Perspektivenwechsel gegeben.

Was bedeutet dies für die Aufarbeitung der deutschen Diktaturgeschichte? Es ist längst Zeit für eine selbstkritische Standortbestimmung, und dabei sollten wir am allerwenigsten uns selbst und unser Selbstverständnis schonen, ebenso wenig unsere Themenbegrenzungen oder unsere Urteilsskala. Festgefügte Klassifizierungen und Perspektiven machen bequem. Es gilt unsere tatsächlich oder vermeintlich bestätigten Bewertungen zu überprüfen, denn auch wir – ob „Pioniere“ oder später Hinzugekommene – sind letztlich Zeitzeugen, und den kritischen Maßstab, den wir zu Recht im Umgang mit Zeitzeugnissen fordern, müssen wir auch an uns selbst anlegen.

Wir können keinen Schlusspunkt setzen

Der thematische Bogen, den die Aufarbeitung – ein Pauschalbegriff, der letztlich eine sehr heterogene Landschaft umfasst – im Laufe der Jahre geschlagen hat, ist beeindruckend. Es scheint, als gäbe es kaum einen Aspekt, der noch nicht eingehend beleuchtet wurde. Das Mosaik, das wir von der NS-Herrschaft und der DDR-Geschichte bis heute erstellen konnten, ist in seinen Hauptlinien deutlich konturiert. Letztlich sind es Einzelaspekte (wenn auch keineswegs unwichtige), die noch ihrer Analyse und Erörterung harren.

Doch ungeachtet dessen, wie „ausgeforscht“ ein Thema sein mag: bestimmte Fragen werden uns immer wieder von Neuem beschäftigen, da sich die Sichtachsen der Generationen verändern und die Diskussionsbeteiligten die historischen Ereignisse und Erfahrungen neu deuten, neu sortieren. Dies belegen beispielsweise sehr anschaulich die nicht endenden Auseinandersetzungen um Begriffe wie Opfer – Täter – Helden – Mitläufer oder die Versuche, Verantwortlichkeiten und Handlungsspielräume in Diktaturen für die Gegenwart kategorial fassbar zu machen.

Die Vorstellung von der einen unumstößlichen, ewigen Wahrheit, die in manchen Kreisen der Aufarbeitung eine zentrale Ikone darzustellen scheint, ist angesichts dieses natürlichen unaufhaltsamen Wandels nicht aufrechtzuerhalten. Und darin liegt eine der Hauptherausforderungen für uns: zu erkennen und anzuerkennen, dass wir keinen Schlusspunkt setzen können. Die Analyse und Deutung von Geschichte sind nie beendet, vielmehr stets in Bewegung, und sie stellen keine Angelegenheit eines _inner circle_ dar, sondern finden in einer offenen Arena statt. Der Aufarbeiter (sei er Historiker oder eher gelernter Experte) ist nicht der Oberlehrer der Nation, er ist Teil eines öffentlichen Prozesses. Kein Grund also für Selbstgenügsamkeit, kein Anlass für selbstreferenzielle Debatten.

Gar nicht so selten scheint die Öffentlichkeit – auch dies natürlich ein Pauschalbegriff, der ein eigentlich sehr vielschichtiges Spektrum bezeichnet – unverstellter zu fragen, ja fragen zu können, als dies im Bereich der Aufarbeitung der Fall ist. So zum Beispiel, wenn es um die Vergleichbarkeit von Diktaturerfahrungen geht.

Augen für Neues offen halten

Hinter der Beziehung zwischen NS- und DDR-Geschichtsaufarbeitung liegt eine teils sehr schwierige Wegstrecke. Sie ist gekennzeichnet von manchem Konkurrenzstreit, von Abwehr und Misstrauen. Immerhin ist inzwischen ein mehr oder minder friedliches Nebeneinander erreicht worden. Welches Potenzial aber wäre hier noch zu heben, wenn wir mehr Mut und Willen bewiesen und uns an gemeinsame Fragestellungen herantrauten. Welche Analogien wie Unterschiede weisen beispielsweise die jeweiligen Denunziationsformen auf, wie hoch war ihr systemerhaltender Wert? Welche Spezifika zeigen die Widerstandsformen im nationalsozialistischen Deutschland und in der DDR im Vergleich: Gibt es einen gemeinsamen Kanon an Widerstandsbegriffen, gibt es abweichende Erscheinungen? Wie schauen wir auf die Biografien, in denen sich Opfer- und Täterdasein kreuzen? Allein diese Fragen deuten an, wie viel Neuland es noch zu erkunden gibt.

Eine Anmerkung am Rande: Ist die innerdeutsche Diktaturendiskussion durch manche Trennlinie begrenzt, so gilt dies für den internationalen Raum erst recht. Hinter der Zäsur zwischen der Aufarbeitung von Nationalsozialismus/Faschismus einerseits und Kommunismus andererseits verbergen sich noch zahlreiche Erkenntnismöglichkeiten.

Und so kehren wir letztlich wieder zu der eingangs formulierten Forderung zurück: Wir sollten unsere Positionen nicht für die Ewigkeit definieren und unser Denken nicht an ein für allemal fixierten Regeln ausrichten. Zu einer integren und sorgfältigen Aufarbeitung gehört nämlich auch, die Augen für Neues offen zu halten.

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