„Zukunft ist keine Kopie der Gegenwart!“

von Gabor Steingart29.07.2019Innenpolitik, Medien, Wissenschaft

Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, sprach mit Gabor Steingart über Demokratie als Voraussetzung für ein glückliches Leben, die Medienkonzentration und -vielfalt in Deutschland und die Frage, warum sich ein Medienvisionär mit 20 Jahren „Spiegel“-Erfahrung für einen Tag vom Kapitän zum Schiffsjungen degradieren lässt.

Herr Steingart, auch Sie möchten wir zuerst fragen: Welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Demokratie und Freiheit sind für mich die wichtigsten Voraussetzungen für ein glückliches Leben. Erst unter diesem Dach kann sich der Einzelne gemäß seiner Talente und Vorlieben entwickeln.

Die Große Koalition wackelt. Im ARD Polit-Talk „Maischberger“ sprachen Sie bereits von Hinweisen auf Neuwahlen im Herbst. Aber: Bei einem GroKo-Aus würden wichtige Projekte auf der Strecke bleiben. Was nun?

Diese Koalition hat in der Bevölkerung keine Mehrheit mehr, wie mittlerweile die Meinungsumfragen aller Institute zeigen. Ich halte Neuwahlen für eine gute Möglichkeit, den erstarrten Dialog zwischen Gesellschaft und politischer Klasse zu reanimieren. Da bleibt nichts auf der Strecke. Aus dem Dialog mit angeschlossenem Neubau entsteht im Gegenteil eine neue Legitimation – als Voraussetzung für eine Gestaltung des Zukünftigen.

Mit Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg haben wir kürzlich über die ausgeprägte Medienvielfalt im „Land der Fjorde“ gesprochen. Wie bewerten Sie die Medienkonzentration und -vielfalt in Deutschland?

Verbesserungsbedürftig. Der Einfluss des Staates und der Parteien ist über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr ausgeprägt. Die belebende und damit auch beglückende Erfahrung von Neugründungen im Bereich des Journalismus, die in Amerika mit Ted Turner und seinem „CNN“ begann und sich über Ariana Huffington, „Politico“, „Business Insider“ bis zu „Axios“ fortsetzte, die fehlt diesem Land.

Gerade erst haben Sie ein neues Medienunternehmen gegründet. Schon 2020 heißt es „Leinen los“ für Deutschlands erstes Redaktionsschiff – die „Pioneer One“. Sind Sie ein Medienvisionär, Herr Steingart?

Ich glaube jedenfalls, dass Zukunft nicht nur eine Kopie der Gegenwart ist. Das gilt vom Autofahren bis zum Zeitunglesen. Wir sind Teil einer großen evolutionären Entwicklung von Mensch und Natur, was die Geschäftsmodelle der Firmen einschließt. Nostalgie ist jedenfalls kein Geschäftsmodell.

Stichwort Qualitätsjournalismus: In einem Interview kritisierten Sie die Werbefinanzierung im Medienbereich als „schleichenden Übergang zur Prostitution“. Was genau meinen Sie damit und wie geht’s anders?

Ich glaube, dass es zwei Berufsgruppen gibt, die nur den Bürgerinnen und Bürgern verantwortlich sein sollten und die keinerlei Zweitauftraggeber vertragen. Das sind Politiker und das sind Journalisten. Parteispenden korrumpieren, auch wenn das denen, die sie entgegennehmen, oft gar nicht bewusst ist. Und die Werbung in den Medien, geschaltet von jenen, über die wir kritisch berichten sollen, schafft ebenfalls eine innere Zerrissenheit. Verlage und Sender sollen publizistisch unabhängig sein von denen, von denen sie ökonomisch abhängen. Wie geht das?

Portale, die mit reißerischen Überschriften locken, erzielen in sozialen Netzwerken oftmals mehr Reichweite als etablierte Nachrichtenseiten. Sind „Clickbait“ eine Bedrohung für den klassischen Journalismus?

Wenn wir guten, klugen und unabhängigen Journalismus betreiben, kann uns niemand bedrohen. Die Berufsehre darf sich nicht an Klickzahlen orientieren, sondern muss das Aufdecken von Missständen und das Aussprechen unbequemer Wahrheiten ins Zentrum rücken.

 Herr Steingart, unsere siebte Frage ist immer eine persönliche: Warum sind Sie Journalist geworden und werden Sie auf der Jungfernfahrt der „Pioneer One“ neben dem Wort auch mal das Ruder übernehmen?

Es gibt keinen guten Journalisten, hat Rudolf Augstein mal gesagt, der nicht zumindest hofft, mit seiner Arbeit die Welt verbessern zu können. Und ein Stück Abenteuerlust kommt in meinem Fall sicher auch hinzu. Als ich mich bei Augstein als 28-jähriger bewarb, beendete ich mein Anschreiben mit einem polnischen Aphorismus: „Besitze Piratenflagge. Suche Partner mit Schiff.“ Daraus wurden dann 20 „Spiegel“-Jahre. Und ja: Bei unserer Jungfernfahrt mit der Pioneer One im Frühjahr 2020 werde ich dem Kapitän assistieren, so gut ich kann. Vielleicht als Schiffsjunge.

 Vielen Dank für das Interview Herr Steingart!

Das Interview führte Sven Lilienström

 

Quelle: Initiative Gesichter der Demokratie

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