Die Vorrangstellung des weißen Mannes ist heute zu Ende. Peter Scholl-Latour

Eine neue Zivilisationsfinsternis

Glück in Zeiten des Unglücks ist, wenn man zur richtigen Zeit auf dem falschen Weihnachtsmarkt ist.

Aus Berlin erreichen uns Bilder großer Düsternis. Ein schwarzer Laster rast in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Zerfetze Stände, zermalmte Menschen, Polizeisirenen, wo eben noch Weihnachtslieder gespielt wurden. 12 Tote sind am Ende dieser Nacht zu beklagen – und 48 Verletzte. „Unsere Ermittler gehen davon aus, dass der LKW vorsätzlich in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gesteuert wurde“, teilte die Berliner Polizei soeben über Twitter mit.

Damit reiht sich das Ereignis ein in die weltweite Serie des Unheils. In immer kürzerer Abfolge werden seit längerem schon mit tonloser Stimme die Sprechzettel der Betroffenheit verlesen. Man trauere mit den Angehörigen, man verurteile die Tat, man werde alles tun, um aufzuklären. Die Orte wechseln, die Ratlosigkeit bleibt.

Die neue Normalität ist keine, an die man sich je wird gewöhnen können. Was sind festlich geschmückte Weihnachtsbäume noch wert, wenn unter den Zweigen nicht Geschenke, sondern Tote liegen? Ab dem wievielten Anschlag beginnt der Krieg? Sind wir noch Zuschauer oder schon Partei?

An sonnigeren Tagen eint uns das Wissen, dass die Geschichte der Menschheit eine Fortschrittsgeschichte ist. Auch in diesen schicksalhaften Stunden, in denen in Ankara ein Botschafter seinen Schussverletzungen erliegt und in Berlin ein Weihnachtsmarkt angegriffen wird, sind wir zur Zuversicht verdammt. Doch wir erleben hautnah, dass der Weg zum Licht zuweilen durch höhlenartige Katakomben führt. Hier unten singt man keine Kirchenlieder.

Eine neue Zivilisationsfinsternis

Der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wird so zum Wahrzeichen einer neuen Zivilisationsfinsternis: Im Schatten des alten Wahnsinns wächst der neue. Neben der Turmruine, die vom Bomberkrieg über Berlin erzählt, befindet sich ein LKW, der offenbar kaltblütig in ein Mordinstrument verwandelt wurde.

Und die Regierung? Kauft Drohnen und neue Kampfflugzeuge, nicht um den Terrorismus, sondern um die eigenen Ohnmachtsgefühle zu bekämpfen. Man will uns beeindrucken, nicht die Täter. Denn die laufen zwischen den Fronten hin und her wie die Eichhörnchen im Stadtpark. Wem der Bau einer Rucksackbombe zu kompliziert ist, setzt sich ins Führerhaus eines Lastwagens. Der Krieg ist disruptiv geworden, die Regierung nicht.

Die Zündschnur brennt, sie schlängelt sich von Aleppo über Nizza bis zum Berliner Breitscheidplatz – und wir wissen nicht, ob sich eine politische Kraft findet, sie rechtzeitig auszutreten. Wir schaffen es derzeit noch nicht einmal, die Vielzahl der Täter und Motive zu entwirren. Viele haben das Gefühl, Zuschauer der eigenen Biografie zu sein. Glück in Zeiten des Unglücks ist, wenn man zur richtigen Zeit auf dem falschen Weihnachtsmarkt ist.

Die Kerze der Zuversicht ist gestern Abend nicht erloschen. Aber sie hat zu flackern begonnen.

Der text erschien zuerst auf: Achse des Guten

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ramin Peymani, Lilover Laylany Rodriguez , Jörg Hubert Meuthen.

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