Was europäische Unternehmen von Google lernen sollten

Fritz Frey23.10.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Tel Aviv, Berlin, London: An diesen europäischen Standorten wird vor allem die Startup-Landschaft gefeiert und gefördert. Dabei spielt bei allem Ideenreichtum und neuen Entwicklungen besonders eine traditionelle Branche eine tragende Rolle: die Werbewirtschaft. Erst durch ihre Tätigkeiten können sich Innovationen auf dem Markt durchsetzen.

Der Wunsch nach einem europäischen Google

Ein europäisches Facebook oder ein europäisches Google soll her: Wer sich regelmäßig die Statements von Wirtschaftspolitikern in der EU anhört, der wird schnell feststellen, dass der Wunsch, mit den USA mitzuhalten und einen modernen Tech-Giganten aus den Reihen der europäischen Staaten zu sehen, groß ist. Viele Gedanken und Positionspapiere zur Stärkung und Förderung der Startup- und Techstandorte wurden seitdem ausgetauscht. Dabei sind auch zahlreiche Startups mit aufregenden Geschäftsmodellen entstanden, die sich längst auch global etabliert haben, darunter Spotify und die Berliner Audioplattform Soundcloud. Nur das allseits dominierende Unternehmen ist hierbei noch nicht entstanden. Selbst China hat mit Alibaba eine Plattform, die vielleicht nicht das nächste Amazon ist, aber Amazon zumindest auf dem asiatischen Markt einige Marktanteile wegnimmt.

Dabei geht es nicht alleine darum, das beste Produkt auf den Markt zu bringen oder die vielzitierte „Disruption“ herbeizuschwören. Das gelingt nur den Unternehmen, die das große Ganze perfekt im Blick haben und visionäres Denken besitzen, um die technologischen Entwicklungen und Anforderungen der Gesellschaft zehn bis zwanzig Jahre im Voraus einschätzen zu können. Erfolgreichen Gründern gelingt es, ein unmittelbares Problem zu identifizieren, für das es bislang noch keine gute Lösung gab und erzeugen dann Aufmerksamkeit für sich und die eigene Lösung.

Aufmerksamkeit ist eine unterschätzte Währung

Im europäischen Raum herrscht noch immer überwiegend die Meinung, dass ein gutes Produkt nicht laut beworben werden, sondern sich von selbst verkaufen sollte. Dem ist mitnichten so. Wer ein gutes Produkt oder eine gute Dienstleistung entwickelt hat, der hat bereits einen wichtigen Schritt getan. Ein besonders hartes und unterschätztes Stück Arbeit folgt allerdings erst im Anschluss mit den Marketing- und Werbemaßnahmen. An wen richtet sich das Produkt, in welchen Medien und Plattformen sollte man sein Produkt bewerben, wie kann man Außenwerbung nutzen um die gesamte Werbeeffizienz zu verbessern? Längst ist der Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit kein Beiwerk mehr, sondern sehr komplex.

Dabei sind in den letzten Jahren nicht nur unzählige Werbeplattformen dazu gekommen, sondern auch Möglichkeiten, die Effizienz einzelner Kampagnen zu messen. In Social Media- oder E-Mail-Kampagnen lässt sich genau bestimmen und auswerten, welche Zielgruppe werblichen Content empfangen soll – und wer ihn tatsächlich auch angeklickt oder ein Produkt gekauft hat.Verbraucher erhalten durch das Eingeben ihrer Daten mehr Komfort und auf sie zugeschnittene Kauf- oder Nutzungsempfehlungen, die ihnen im Idealfall einen echten Nutzen bringen. Für Unternehmen lassen sich zum einen die Werbekosten effizienter planen, aber auch die Produkte und Dienstleistungen können nach dem Reverse Engineering-Prinzip weiterentwickelt und an die Zielgruppe angepasst werden, da konkrete Informationen dazu zur Verfügung stehen.

Auch der in den vergangenen Jahren stark vernachlässigte Bereich der Außenwerbung steht vor einer Revolution: statt eintöniger Plakatkampagnen können mittlerweile kurze digitale Videoclips an prominenter Stelle angezeigt werden. Diese Kampagnen können in Echtzeit geändert und an aktuelle Ereignisse angepasst bzw. so geplant werden, dass sie etwa nur zu Hauptverkehrszeiten angezeigt werden. Mit der Analyse digitaler Außenwerbekampagnen durch Tracking lässt sich zudem hyperlokal auswerten, welche Zielgruppe in welchem Kiez besonders auf eine Werbeschaltung anspringt und wo Werbung eher ineffizient ist.

Was europäische Unternehmen von Google lernen sollten

Die Bedeutung der Werbewirtschaft ist also weitaus größer als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Es geht nicht nur darum, Aufmerksamkeit für einzelne Produkte zu erzeugen, sondern unmittelbar Produkte zu verbessern oder sogar neue Produkte auf Basis durch Werbekampagnen ermittelter Daten zu entwickeln. Facebook und Google haben dieses Prinzip verinnerlicht und nutzen aus Werbung gewonnenes Wissen dafür, um ihre Innovationen voranzutreiben und weiter zu wachsen. Europäische Unternehmen müssen sich stärker daran orientieren, wenn sie irgendwann ein ähnliches Wachstum anstreben.

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