„Menschen auf den MĂŒllhaufen werfen“

von Frigga Haug29.11.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Weil Arbeit immer noch durch Erwerb definiert ist, gelten immer mehr Menschen als nutzlos. Sören Musyal sprach mit der Soziologin Frigga Haug ĂŒber ein neues VerstĂ€ndnis von Arbeit, das bedingungslose Grundeinkommen und das Betreuungsgeld.

*The European: In Ihrem Buch „Die Vier-in-einem-Perspektive“ plĂ€dieren Sie dafĂŒr, den Begriff der Arbeit weiter zu fassen, indem Sie vier Dimensionen aufzeigen: Reproduktion, Erwerb, Kulturarbeit und politisches Engagement. Warum?*
Haug: Zum einen ist Erwerbsarbeit eine sehr spezielle Form, als Mensch tÀtig zu sein. Sie ist sehr eingegrenzt, man muss kalkulieren und man verkauft sich. Es herrscht ein Regiment, in dem man nicht macht, was man möchte, sondern das, was man am Markt als Arbeit vorfindet.

Dazu aber kommt, dass diese als Lohnarbeit bezeichnete TĂ€tigkeitsform am Markt immer weniger wird. Es gibt immer mehr Arbeitslose und das bedeutet ja, dass die Gesellschaft immer weniger Arbeit in Lohnform braucht. Man redet schon davon, dass etwa ein Drittel der bisher in Lohnarbeit BeschĂ€ftigten nicht mehr nötig ist. Man könnte die Menschen auf den MĂŒllhaufen werfen oder in die Auswanderung schicken oder sonst was machen, als Lohnarbeitende aber werden sie nicht mehr gebraucht. Die einzige Gegenstrategie ist, die Arbeitszeit so zu verkĂŒrzen, dass sich das ausgleicht. Das tut man jedoch nicht.

„Diese ganze Entwicklung steuert auf eine Krise der ganzen Arbeitsgesellschaft zu“

*The European: TatsÀchlich ist doch ein gegenlÀufiger Trend zu beobachten?*
Haug: Genau. In den 1970er-Jahren kĂ€mpften wir fĂŒr die 35-Stunden-Woche. Seitdem ist es immer aufwĂ€rts gegangen. Gleichzeitig sind die ProduktivkrĂ€fte so entwickelt, dass – grob geschĂ€tzt – nur noch die HĂ€lfte der Arbeitszeit notwendig wĂ€re. Dann gibt es seit den 70er-Jahren eine wachsende Unruhe und eine Frauenbewegung, die dagegen kĂ€mpft, dass Hausarbeit und die Arbeit an anderen Menschen in die gesamtgesellschaftliche Arbeit nicht eingerechnet werden. Das ist Arbeit, die auf jeden Fall getan werden muss. Dadurch aber, dass sie nicht gezĂ€hlt wird, gelten die damit BeschĂ€ftigten – also z.B. Hausfrauen oder Pflegerinnen oder auch Erzieherinnen – als weniger wichtig und verdienen weniger oder gar kein Geld.

Da entsteht natĂŒrlich eine Unruhe. Auf der einen Seite nimmt die Lohnarbeit ab, auf der anderen Seite nimmt die Hausarbeit nicht ab. Gleichzeitig mĂŒssen die dort BeschĂ€ftigen irgendwelche Jobs annehmen, weil der Lohn nicht mehr fĂŒr die ganze Familie reicht. Kurz: Diese ganze Entwicklung steuert auf eine Krise der ganzen Arbeitsgesellschaft zu.

*The European: Das wÀre also Reproduktionsarbeit als eine zusÀtzliche Perspektive.*
Haug: Korrekt, aber schon, wenn ich das hier entfalte, fragt man sich, ob das schon alles an menschlicher Arbeit ist? Und in meiner Untersuchung, die ich seit etwa 30 Jahren mache, ist immer wieder die Frage aufgetaucht, wer eigentlich Politik macht. Wer greift in die Gesellschaftsgestaltung ein? Warum bleibt fĂŒr uns alle keine Zeit, politisch tĂ€tig zu sein, und Dinge zu kritisieren? Und warum mĂŒssen die Menschen aus der Gesellschaft ehrenamtlich tĂ€tig werden, wenn sie doch Zeit fĂŒr Politik finden? Politik ist doch eine ganz ehrwĂŒrdige Arbeit, die von allen Gesellschaftsmitgliedern gemacht werden mĂŒsste. Aber dafĂŒr mĂŒssen eben auch alle kompetent genug sein.

*The European: Und woher soll diese Kompetenz kommen?*
Haug: Genau diese Frage bringt mich auf ein viertes Element: Wie bewegen sich die Menschen eigentlich in dieser Gesellschaft? Welche Möglichkeiten nutzen sie eigentlich? Und da kommt man auf eine sehr traurige Bilanz. Insbesondere Frauen nehmen so gut wie keine Möglichkeit zur eigenen Entfaltung wahr. Die Anzahl der Frauen, die schlummernde Möglichkeiten entwickeln und versuchen, diese zu leben, kann man an einer Hand abzĂ€hlen. Wenn die Menschen sich als Selbstzweck setzen sollen und nicht wie bei Lohnarbeit fĂŒr andere arbeiten, wenn sie an sich selber arbeiten und sich ausbilden, lernen und entwickeln und Geige spielen wollen, mĂŒsste dafĂŒr auch Zeit vorhanden sein. Und ich wĂŒrde eben auch diesen Teil Arbeit nennen.

Das Problem daran, das auch Arbeit zu nennen, ist, dass ich auf diese Weise zwar die Gelegenheit habe, vier Arbeitsarten nebeneinanderzustellen und das Ganze als Zeitproblem weiter zu bearbeiten. Aber ich habe natĂŒrlich auch den Nachteil, dass ich zunĂ€chst vier so unterschiedliche Formen der Arbeit gleichschalte.

Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ich zu einer kĂ€mpferischen, wohlgesinnten Frauengruppe gesagt habe, auch der Teil, wie wir uns selbst entwickeln, sei doch Arbeit. Da gab es einhellige Empörung: „Du wirst doch nicht sagen, dass, wenn ich zu Hause Cello spiele, sei dasselbe, wie wenn einer auf dem Bau arbeitet?“ – Und schon war da wieder der mĂ€nnliche Bauarbeiter in Lohnform und wurde aufgewertet und das Cello verschwand im Schrank, weil es Luxus ist. Es braucht eine lange Zeit, die verschiedenen Arbeitsarten zu diskutieren und dann auch wiederum leichthĂ€ndig das Wort Arbeit fallen zu lassen, wenn es um andere TĂ€tigkeiten geht. Das gilt aber dann fĂŒr alle vier.

*The European: Anke Wolf-Graaf schreibt, Reproduktionsarbeit sei die unsichtbare Basis der kapitalistischen Akkumulation. Stellt eine feministische Bewegung auch die Systemfrage, wenn sie den Stellenwert der Reproduktionsarbeit verÀndern will?*
Haug: Ich wĂŒrde an dieser Stelle von einem Herrschaftsknoten sprechen. Das soll meinen, dass die Weise, wie Arbeit gegen Geld und fĂŒr den Profit zur dominanten TĂ€tigkeit in dieser Gesellschaft gemacht wird und so den Kapitalismus am Laufen hĂ€lt, unbedingt den Bereich braucht, wo Menschen unterwegs sind und alles, was mit der Wiederherstellung der Menschheit zu tun hat, umsonst erledigen. Das meint nicht nur die Kinder, die Alten, die Kranken, die Behinderten, sondern ĂŒberhaupt Freundlichkeit in der Welt oder liebende Beziehungen. All das ist ausgegrenzt und lĂ€uft extra und der Kapitalismus wĂŒrde nicht funktionieren, wenn es nicht eine Gruppe gĂ€be, die sich dieser TĂ€tigkeit umsonst und freundlich annĂ€hme. Gewöhnlich sind das die Frauen. Insofern sind sie eine notwendige SĂ€ule fĂŒr die kapitalistische Reproduktion.

Andererseits ist es so: Ab welchem Punkt ist es eine Systemfrage? Im Kapitalismus ist die „Vier-in-einem-Perspektive“ natĂŒrlich nicht durchsetzbar, aber innerhalb des Kapitalismus muss man anfangen, die einzelnen StĂŒcke zusammenzufĂŒgen und versuchen, sie zu realisieren. So, dass wir schon jetzt damit anfangen können und nicht erst den Kapitalismus abschaffen mĂŒssen, bevor wie tĂ€tig werden. Der Prozess des Politikmachens muss an den Grenzen des Kapitalismus entlang gehen und ihn jeder Zeit infrage stellen und die Grenzen verschieben. Wir stellen also – um die Frage direkt zu beantworten – die Systemfrage.

„Das bedingungslose Grundeinkommen ist zu bescheiden“

*The European: Sie messen dem Politikmachen eine elementare Bedeutung zu. Sie schreiben an anderer Stelle, das Stellvertretermodell mĂŒsse in seine Schranken verwiesen werden. Fordern Sie die direkte Demokratie?*
Haug: Ja und nein. Direkte Demokratie jetzt sofort einzufĂŒhren, mit diesem Volk, das wir sind, hat natĂŒrlich auch furchtbare Seiten. Auch das ist ein Lernprozess und nicht von heute auf morgen durchsetzbar. Aber ich bin auf jeden Fall dafĂŒr, dass alle von unten die Gesellschaft gestalten und sofort damit anfangen und beim Machen lernen, wie es geht. Ich wĂŒrde Jahrzehnte fĂŒr den Lernprozess veranschlagen, aber es können nur die Mitglieder der Gesellschaft ihre Gesellschaft machen. Wenn es von oben fĂŒr sie gemacht wird, schlĂ€gt es gegen sie aus.

*The European: Statt der 35-Stunden-Woche ĂŒbersteigen manche Branchen die 40-Stunden-Woche. Wie soll sich bei den Menschen ĂŒberhaupt das Bewusstsein entwickeln, dass Erwerbsarbeit gekĂŒrzt werden mĂŒsste?*
Haug: Das ist langwierig, aber gar nicht so schwierig. Ich habe bestimmt 100 Veranstaltungen zur „Vier-in-einem-Perspektive“ gemacht und ĂŒberall fingen die Menschen an, sich zu fragen, was mache ich eigentlich, wenn ich vier statt acht Stunden arbeite? MĂŒsste ich dann auf alles verzichten, oder könnte ich dann wirklich dieses und jenes machen? Es tauchten immer mehr Möglichkeiten vor ihrem Horizont auf. Die Menschen können realisieren, dass eine radikale ArbeitszeitverkĂŒrzung eigentlich von der Mehrheit begeistert gelebt werden wĂŒrde. Sie haben aber Angst, es zu fordern und ihren Job zu verlieren. Das ist kein Klima, in dem freies Denken und WĂŒnschen und sich Engagieren gedeihen kann.

Die ArbeitszeitverkĂŒrzung als Forderung an sich gibt es ja schon, aber ich bin immer unglĂŒcklich damit. Denn VerkĂŒrzung allein reicht nicht. Es muss klar sein, wofĂŒr wir diese VerkĂŒrzung brauchen. Und auch diese frĂŒhere Kampagne der Gewerkschaften, „Samstags gehört Vati mir“, Ă€ndert doch nichts, weil Reproduktionsarbeit eben immer anfĂ€llt und nicht nur samstags. Es muss klar sein, dass man in alle vier Bereiche geht und dass es alle gleichzeitig tun. Es muss immer klar sein, was ich mit der Zeit tun will, um die ich kĂ€mpfe.

*The European: Wie sollen die Leute die finanziellen Einschnitte kompensieren?*
Haug: Es ist tatsĂ€chlich immer so, dass jemand aufsteht und fragt, wer das bezahlen soll. Dabei ist diese Frage fĂŒr Menschen, die nicht an der Regierung, sondern nur an der Gesellschaft beteiligt sind, merkwĂŒrdig, weil sie sich die Frage als Regierungsfrage stellen: Ich bin die Regierung, habe das ganze Geld und wie bezahle ich das, wenn die Leute nur vier Stunden arbeiten wollen? Dabei leben die Frauen, die die ReproduktionstĂ€tigkeit ĂŒbernehmen mussten, ja doch auch. Die ziehen ja auch nicht obdachlos durch die Straßen. Kurz: In dieser Gesellschaft gibt es doch schon eine – wenn auch ziemlich ungerechte – Verteilung, dass alle existieren können.

SelbstverstĂ€ndlich brauchen alle Menschen die sozialen Garantien des Lebens, damit sie sich ĂŒberhaupt in allen Bereichen des Lebens bewegen können und nicht ĂŒberlegen mĂŒssen, wo kriege ich die Margarine fĂŒr morgen her. Das ist eine Grundvoraussetzung. Deswegen sind die Vertreter des bedingungslosen Grundeinkommens immer begeistert bei den Veranstaltungen. Sie meinen, es ginge in die gleiche Richtung. Das tut es zwar in Teilen, aber das bedingungslose Grundeinkommen ist zu bescheiden.

*The European: Zu bescheiden?*
Haug: Ja. Es besteht nicht darauf, dass die Menschen in die Gestaltung der Gesellschaft einbezogen werden und dass sie ein Recht auf einen Erwerbsarbeitsplatz haben. Es ist doch ein Skandal, wenn das nicht so ist. Das steht in der Verfassung – Menschen können doch nicht einfach ausgebootet werden. GrundsĂ€tzlich aber mĂŒssen wir errechnen, welches Einkommen bei halbierter Lohnarbeitszeit nötig ist, um gut leben zu können. Dann wĂŒrde man doch leicht einsehen können, was im Durchschnitt ein kĂŒnftiges Gehalt sein soll. Unter der Vorstellung, dass die Gesellschaft weniger ungerecht sein sollte, dass nicht so viel Geld in den HĂ€nden von ganz wenigen ist, könnten wir diese Frage in aller Ruhe angehen und sagen, ein durchschnittliches Einkommen sollte fĂŒr alle möglich sein.

*The European: Welchen Wert hat Erwerbsarbeit ĂŒberhaupt in unserer Gesellschaft?*
Haug: 1998 hat Gerhard Schröder im berĂŒhmten Schröder-Blair-Papier geschrieben, kein Mensch könne mehr mit einem lebenslangen Arbeitsplatz rechnen. Trotz einer solchen ErschĂŒtterung, obwohl Arbeitslosigkeit gesellschaftliche eingeplant ist und man mit Ruhe zusieht, wie die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien bei 50 Prozent liegt, ist der alte Stolz, einer Lohnarbeit nachzugehen, noch immer in den Herzen der Menschen. Ein Arbeitsloser gilt als minderwertiger Mensch, er hat kein Recht, am gesellschaftlichen Reichtum teilzuhaben, er ist eigentlich niemand und hat keine IdentitĂ€t. Zu sagen „Ich bin arbeitslos“, ohne vor Scham im Boden zu versinken – das geht nicht. Das gilt jedoch hauptsĂ€chlich fĂŒr MĂ€nner, denn Frauen mussten ja schon eine ganze Weile sagen: „Ich tue nichts, ich bin nur Hausfrau“, und sich dann errötend verstecken, weil man schon weiß, das ist jemand, die hauptsĂ€chlich faulenzend Pralinen isst. Obwohl dieses Bild von allen Seiten angenagt und nicht haltbar ist, bleibt es so, dass man sich nur dann sinnvoll und nĂŒtzlich in der Gesellschaft fĂŒhlen kann, wenn man einen Vollzeitarbeitsplatz hat, der einem das Recht gibt, dies und jenes zu tun.

„Man kann viel Fantasie entwickeln, wie das alles besser gehen kann, aber sicher nicht mit dem Betreuungsgeld“

*The European: Sie haben gesagt, es sei lange so gewesen, dass die Reproduktionsarbeit nicht wertgeschĂ€tzt wird, weil sie nebenbei verrichtet wird. Ist das gerade im Bundestag beschlossene Betreuungsgeld ein Weg, Reproduktionsarbeit fortan zu vergĂŒten und damit wertzuschĂ€tzen?*
Haug: Das ist doch immer noch die HerdprĂ€mie, wo die Menschen ihre Kinder zu Hause halten und nicht in die Krippen oder KindergĂ€rten geben? Zu Hause bleiben und dafĂŒr wenig Geld bekommen. Alle VorschlĂ€ge, die augenblicklich gemacht werden, mĂŒssen mit den gleichen Problemen umgehen, mit denen auch ich umgehe, aber dieses Modell widerstrebt mir vollstĂ€ndig, weil es die gesamtgesellschaftliche Arbeitsteilung ĂŒberhaupt nicht infrage stellt. Es dreht das Rad zurĂŒck. KindergĂ€rten und Krippen sind fĂŒr die Kinder viel besser. So werden sie in einer Kleinfamilie eingesperrt, wo sie den Überforderungen und Launen einer einzigen Person ausgesetzt sind und nicht ihresgleichen um sich herum haben. Das ist aber allgemein bekannt. Das geht auf Kosten der Kinder, das geht auf Kosten der Frauen, die es daran hindert, in der Welt tĂ€tig zu sein.

Insofern ist das, wie Ernst Bloch gesagt hat, ein Versuch, die Frauen auf ewig ans Kreuz der Geschichte zu nageln. So geht es nicht. Wenn im Staat einige darĂŒber nachdenken, wie man die Lage der nĂ€chsten Generation strukturell verbessern kann, dann sollten die Gedanken auf alles und alle gerichtet werden. Man kann viel Fantasie entwickeln, wie das alles besser gehen kann, aber sicher nicht mit dem Betreuungsgeld.

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