Drachmen nach Athen tragen

von Friedrich Thelen24.11.2012Außenpolitik, Wirtschaft

Ein Schuldenschnitt für Griechenland würde das falsche Signal senden. Aber es gibt eine Alternative, in der die Drachme eine Rolle spielt und Athen dennoch in der Euro-Zone verbleiben könnte.

Für oder wider den Schuldenschnitt Griechenlands gibt es eine Reihe respektabler Gründe. Glaubensüberzeugungen – für oder gegen Europa – helfen vielleicht dem Gemüt, aber nicht der Lösung hochkomplizierter Finanz- und Wirtschaftsprobleme. Fakt ist, dass Athen seit Jahren hoch verschuldet ist, auf den Kapital-Märkten keine neuen Kredite mehr erhält und zusätzlich von Jahr zu Jahr tiefer in die Rezession rutscht.

Allein in diesem Jahr wird die griechische Wirtschaft um sechs Prozent schrumpfen. Um aus dieser Wirtschaft und Staat lebensbedrohenden Krise herauszufinden, wird es einer Kombination von Maßnahmen bedürfen. Denn der vom IWF in die Debatte eingebrachte Schuldenschnitt allein wird Griechenland nicht wieder wettbewerbsfähig machen. Wobei man der Fairness halber auch sagen muss, dass dies ja längst ausgegebenes Geld ist und keine frischen Impulse für die griechische Wirtschaft bringt.

Kräfte von außen müssen helfen

Was Griechenland vor allem braucht, ist ein ökonomisches Wiederbelebungsprogramm. Die griechischen Politeliten haben die Lohnstückkosten nach oben schießen lassen und die Chancen der billigen Euro-basierten Kredite dazu verwandt, um aus jeweiligem wahltaktischen Kalkül den Lebensstandard weit über die Produktivität hinaus zu befördern. Und ehrlicherweise muss man auch zugestehen, dass Deutschland wie die anderen Euro-Länder dies sehend zugelassen hat. Der zynische Satz in der Finanzwelt lautet: Beim Athener Euro-Beitritt hatten zwei griechische Familien ein Auto – jetzt hat jede griechische Familie zwei. Gleichzeitig ist die gesamte griechische Verwaltung – besonders die der öffentlichen Finanzen, und das ist leider international unbestritten – korrupt.

Dort müsste an sich die Reform ansetzen. Aber wie? Da die griechischen Finanzbeamten die notwendige radikale Umkehr weder wollen noch können, müssten Kräfte von außen hinzutreten. Da Beamte aller anderen Nationalitäten vor Ort sogleich als Besatzer empfunden würden, ist dem FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle ein Ausweg eingefallen. Er schlägt vor, dass der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso alle die in Brüssel beschäftigten griechischen EU-Beamten einsammelt und sie für mehrere Jahre zur Durchsetzung des Reformprozesses nach Athen schickt – wofür sie einen großzügigen Bonus bekommen sollen.

Aber selbst die schärfste Reformkur bringt die griechische Wirtschaft noch nicht wieder in Fahrt. Das Land braucht ausländische Investitionen, und die bekommt Athen bei der derzeitigen Verfassung der Wirtschaft und den hohen Lohnstückkosten nicht. Da ist es schon eine Überlegung wert, wenn das Land, das aus wohlerwogenen Gründen Mitglied von Euro und EU bleiben soll, über Mechanismen nachdenkt, die ihm seine Attraktivität zurückgeben. Dabei könnte man an eine Parallelwährung denken. Die macht Abwertung nach außen – wie schon in Drachme-Zeiten – möglich und hält den Binnenzahlungsverkehr aufrecht. Wie alle Auswege aus der Krise ist dieser Weg nicht risikolos. Aber er würde die befürchtete Kettenreaktion des Ausbrechens mehrerer Krisenländer aus dem Euro verhindern.

Falsches Signal an die Griechen

Erst, wenn über diese fundamentalen Probleme entschieden ist, sollte man sich dem Schuldenschnitt zuwenden. Vorab: Die Gefahr der Nachahmungsforderung durch andere Euro-Krisenländer ist eher gering. In Irland, Portugal und Spanien liegen die Probleme anders und diese Länder können sich mit hoher Wahrscheinlichkeit wohl selbst aus der Schuldenfalle befreien. Gewichtiger ist das Argument des sogenannten falschen Signals an die Griechen selbst. Motto: Aus Angst vor den fatalen Auswirkungen unserer Dauerschwäche auf die anderen EU-Regierungen werden diese uns im Notfall immer wieder die Schulden / Zins / Last durch Schuldenschnitte abnehmen.

Das ist kein leichtfertiger Einwand. Wenn aber, wie zuvor erörtert, die innere und äußere ökonomische sowie administrative Situation sich im Lande grundlegend ändert, kann es in Zukunft zu solchen Riesendefiziten nicht mehr kommen, weil die Mechanismen von _good governance_ und Abwertungsmöglichkeiten dem entscheidend entgegenwirken.

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