Mein Chef, der Roboter

von Friedrich Seher21.09.2018Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Was passiert, wenn “Digital Leadership“ Wirklichkeit wird. So konkrete Wirklichkeit, dass künstliche Intelligenz zum Chef befördert wird. Ein Spitzenmanager wagt eine Dystopie

Mein früherer Chef war ein echter Troll. Eitel wie ein Pfau, unberechenbar wie eine Wetterkapriole, glatt wie eine Schlange, glitschig wie ein Fisch. Entscheidungsfaul, opportunistisch, kurz mit allen Eigenschaften ausgestattet, die man sich das als Mitarbeiter sooo gar nicht wünscht.

Jetzt habe ich einen Neuen. Er ist 24 Stunden präsent, geht nie in den Urlaub oder Krankenstand – wenn man davon absieht, dass manchmal gut gekleidete Ingenieure der Cyborg Inc. auftauchen, die nach kurzer Zeit wieder grußlos abtauchen, einiges an „Wartungsarbeiten“ vornehmen ( sie verändern wahrscheinlich einen Algorithmus oder auch mehrere ) und die durchaus ohne weiteres Aufhebens und sehr schnell arbeiten.

Ich mag ihn. Er hat künstliche Intelligenz (viel, viel besser als gar keine!), er entscheidet fakten- und evidenzbasiert, er kennt keine Emotionen und Sympathien und gibt klare Aufträge. Sein Netzwerk zur Datensammlung und damit zu perfekter Entscheidungsfindung ist nahezu grenzenlos. Entscheidungen trifft er binnen Sekunden – welche Wohltat! Nennen wir ihn Robo. Ein humanoider Roboter. Er ist immer für mich da. Ja, klar, er kontrolliert mich auch – und das immer während. Das finde ich gut, weil ich permanent Feedback über den Fortschritt und Erfolg meiner Arbeit erhalte. Robo hat ein Punktesystem entwickelt, an dem ich mich orientieren und mit KollegInnnen vergleichen kann. Gleichzeitig bietet er Verbesserungsvorschläge für meine Performance an. Ist er unzufrieden mit mir, kann ich das punktgenau nachvollziehen und mein Arbeitsverhalten ändern. Entsprechende Fortschritte teilt er mir – wiederum völlig emotionslos – mit.

Empathie und soziale Kompetenz hat Robo keine – lernt er vielleicht/hoffentlich noch. Aber er kennt meine Stimmungslage aufgrund der Augen-, Mimik- und Sprachdiagnostik. Er analysiert mich völlig emotionslos. Sein Verständnis für typisch menschliches Verhalten ist enden wollend. Aber er geht auf mich ein, er empfiehlt alternativen Freizeitaktivitäten usw. , ja, er geht sogar soweit, mir Vorschläge zu machen, wie ich meine Beziehungen zur Familie und zu den konkurrierenden KollegInnen verbessernd gestalten kann.

Gut, ich habe meinen Dienstvertrag „angepasst“ – die DSGVO ist im neuen Arbeitsverhältnis ohnehin obsolet. Gelegentlich spende ich auf Aufforderung einen Tropfen Blut aus meiner Fingerkuppe – Robo lässt diesen auf Lebensweise, drohende Krankheiten und Suchtverhalten testen und zieht seine Schlüsse – sine ira et studio. Auch viele meiner Entscheidungen bereitet Robo vor: unter anderem welche Urlaubsziele (er sucht auch schon die ideale Varianten und kostenoptimierende Buchungsmöglichkeiten! ). Ich finde das entlastend, ja fast als Gehaltsbestandteil. Kritische KollegInnen finden das bevormundend. Sie übersehen dabei, dass sie die Möglichkeit haben, den Stecker zu ziehen, einen Kabelbrand zu inszenieren, die Notstromfunktion lahmzulegen und alle backups zu zerstören.

Ich für meinen Teil habe mich entschieden, den viersemestrigen Lehrgang für Roboterpsychologie zu belegen, ich will meinen Chef besser verstehen. Kann ja nicht schaden. Insbesondere auch für den umgekehrten Fall, dass ich einmal ein paar dieser Burschen führen muss.

Willkommen in der schönen(?), neuen(!) Welt.

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