Wir sollten mit dem Wort Krieg vorsichtiger umgehen. Tilman Brück

Im Tiefbau zu Berge wir ziehn

Wenn China beschließt, die Seltenerdmetalle selber zu brauchen, dann guckt die westliche Welt in die Röhre. Da hilft kein Jammern und Klagen, wir müssen uns selber aus dieser Abhängigkeit befreien.

Die ausreichende Versorgung mit Rohstoffen ist durch den steigenden Bedarf der dynamischen Schwellenländer und die zunehmende Abhängigkeit hochtechnologischer Industrieprodukte von strategischen Rohstoffen zu einer zentralen Herausforderung für Wirtschaft und Politik in Europa geworden. Wenn Deutschland und Europa nicht zu den Verlierern gehören wollen, müssen Politik und Wirtschaft schnell handeln.

Rund 95 Prozent der heutigen Produktion von sogenannten Seltenen Erden stammen aus dem Reich der Mitte. Der Verbrauch von Seltenen Erden steigt und um diesen globalen Mehrbedarf wissend, haben die Chinesen in den vergangenen Jahren regelmäßig ihre Exportquoten gesenkt und die Steuern auf Ausfuhren erhöht. China will im weltweiten Hochtechnologiesektor endlich mitreden. Durch Joint Ventures mit ausländischen Firmen sollen Produktionsstätten nach China verlagert und technisches Know-how importiert werden. Die jahrelange Arbeitsteilung, dass die Industriestaaten Hightech-Produkte herstellen und der Rest der Welt die Rohstoffe liefert, dürfte damit gebrochen werden.

Im Zweifel nutzen weder Drohungen noch Klagen

Was ist angesichts dieser Lage zu tun? Die EU, Japan und die USA erwägen, China bei der WTO anzuklagen. Aber werden die westlichen Industrieländer es tatsächlich auf einen Handelskrieg mit dem Reich der Mitte ankommen lassen? Wenn China zu dem Ergebnis kommt, dass es aufgrund der begrenzten Eigenreserven die Seltenen Erden selbst benötigt, dann nutzen weder Appelle an die Verantwortung der neuen Supermacht noch Drohungen und letztlich auch keine WTO-Klagen.
Das Fazit? Wir müssen uns schon selbst helfen. Und das ist möglich: Zunächst muss die Recycling-Quote in Europa wesentlich verbessert werden. Metalle sind ohne Qualitätsverlust wiederverwertbar, 2007 wurden 35 Prozent des weltweiten Kupferverbrauchs so gewonnen. Das Recycling von metallischen Abfällen und Schrotten ist eine enorm wichtige Rohstoffquelle, sie ist unsere heimische Mine, neudeutsch „urban mine“.

Gibt es die Möglichkeit, bei uns in Deutschland wieder Bergbau zu betreiben? Ansätze dazu gibt es z.B. im Harz (Technische Universität Clausthal) oder im Erzgebirge (TU Bergakademie Freiberg). Aber nirgendwo gibt es bisher einen Durchbruch. Europa muss stärker in die Forschung von Ersatzstoffen investieren. Gerade die deutsche chemische Industrie ist theoretisch in der Lage, zahlreiche Seltene Erden in einigen Jahren zu substituieren. Vor allem aber: Wir brauchen wieder ein global tätiges Unternehmen, das sich – wie einst die Metallgesellschaft oder die Preussag – wieder an der Exploration und Produktion von Rohstoffen direkt beteiligt. In Heidelberg wurde 2006 die Deutsche Rohstoff AG gegründet, noch fehlt es jedoch am notwendigen Rückhalt in Politik und an Investoren aus der europäischen Industrie, um sich im harten Weltrohstoff-Geschäft zu behaupten.

Ethische und wirtschaftliche Überlegenheit

Der Wettbewerb um Rohstoffe wird hart, die Menschen in den Rohstoffländern dürfen nicht wie früher ausgebeutet werden, sondern sollten vom Abbau und Handel mit Rohstoffen profitieren. Kurzfristig mag es ein Wettbewerbsnachteil gegenüber den Chinesen sein, die Debatte über Blutdiamanten und Konfliktrohstoffe zu führen, Zertifizierungen über die Abbaugeschichte eines Rohstoffes zu fordern – langfristig wird sich eine Politik auf der Grundlage ethischer Mindeststandards nicht nur als moralisch überlegen, sondern auch als wirtschaftlich erfolgreicher erweisen. Ressourcensicherung wird nur nachhaltig sein, wenn sie in den Entwicklungsländern nicht in erster Linie Rohstofflager, sondern Partner sieht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Bernard Rohleder, Hubertus Bardt, Reinhard Bütikofer.

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