Verurteilt mich; das hat nichts zu bedeuten; die Geschichte wird mich freisprechen. Fidel Castro

Weil unsere Väter gelogen haben

Das ZDF hat es geschafft, die nüchternen Details einer Generation herauszuarbeiten, deren Alltagsleben untrennbar mit dem monumentalen Wahn verknüpft ist.

Mehr als sieben Millionen Deutsche haben vor Kurzem eingeschaltet, als im ZDF der erste Teil der Weltkriegs-Miniserie „Unsere Mütter, unsere Väter“ lief. Ein Jahrzehnt nach der amerikanischen Serie „Band of Brothers“ hat Deutschland also nachgelegt. In vielerlei Hinsicht deutet die Serie auf einen Umbruch in der deutschen Fernsehlandschaft hin. Zum ersten Mal wird die Kriegserfahrung einer jungen Generation in Nahaufnahme gezeigt, als Reality-TV, mit Fokus auf dem einzelnen Menschen und nicht, wie bisher so oft, auf den politischen und militärischen Rahmenbedingungen der 40er-Jahre.

Die Serie kommt zur rechten Zeit: Die Generation, die Europas destruktivste Epoche der jüngeren Vergangenheit überlebt hat, hat nicht mehr lange zu leben. Am Ende dieses Jahrzehnts wird es kaum noch Augenzeugen des damaligen Zeitgeistes und des Nazi-Horrors geben.

Erinnerungen von Veteranen

Die ZDF-Miniserie erzählt die Geschichte von fünf Freunden: Friedhelm und Wilhelm, zwei Brüder und Soldaten an der Ostfront; Charlotte, eine Krankenschwester hinter der Front; Greta, eine Sängerin aus Berlin, die von einer Karriere als zweite Marlene Dietrich träumt; und Viktor, ihr jüdischer Freund und ein begabter Schneider. Bevor die Brüder an die Front abkommandiert werden, trifft man sich ein letztes Mal in einem Berliner Café, um auf die eigene Jugend und Freundschaft anzustoßen. Der Rest der Serie handelt dann vom Verlust, von der Enttäuschung, vom Tod und von der Wiedergeburt.

Es tut dieser Perspektive gut, dass das Große Ganze – Totalitarismus, Diktatur und totaler Krieg – dabei im Hintergrund bleibt. Stattdessen geht es um die persönlichen Sorgen, Nöte, Karrierehoffnungen, Hoffnungen und jugendlichen Fehltritte der fünf Jungen und Mädchen. Zu leicht vergessen wir: Die Kriegsgeneration war kaum erwachsen, als sie zu den Waffen gerufen wurde. Bedeutungsschwere politische Diskussionen über das Nazi-Regime und den Krieg im Osten sucht man vergeblich.

In den vergangenen Jahren bin ich durch Österreich gereist, um die Erinnerungen von Veteranen aus Wehrmacht und Waffen-SS und von Zivilisten zu dokumentieren. Alle hatten gemeinsam, dass sie beim Ausbruch des Krieges noch Jugendliche oder junge Erwachsene waren. Die meisten Deutschen waren keine Entscheidungsträger in den Berliner Reichsministerien oder Stabsoffiziere hinter der Front, sondern kleine Zahnräder in der großen mörderischen Maschine, die wir heute im Singular als „das dritte Reich“ bezeichnen. Wir haben über den Alltag in Nazi-Deutschland gesprochen, über Konzentrationslager, über Hitler und über den Krieg.

Im Kampf neben den besten Soldaten

„Unsere Mütter, unsere Väter“ schafft es, diese Erinnerungen in eine filmische Form zu pressen. Junge Soldaten und Zivilisten hatten oftmals eine verengte Sichtweise auf die politische Realität, haben sich nicht viel darum gekümmert, selten kritisch über die Grundsatzfragen nachgedacht und sich instinktiv hingezogen gefühlt zur Idee eines „tausendjährigen Reiches“ – schon allein aus Karrieregründen. Widerstandsgruppen wie die „Weiße Rose“ waren die Ausnahme.

Ich habe beispielsweise mit Hans Stoisser gesprochen, Veteran der Luftwaffe, der 1945 vor Berlin von den Sowjets gefangen genommen und in ein sibirisches Arbeitslager gesteckt wurde. Das Schlimmste an der Haft sei gewesen, dass er kein Pilot mehr habe werden können, so Stoisser. Erst ein Jahrzehnt später seien ihm die politischen Konsequenzen seines Handelns als Soldat bewusst geworden.

Oder da ist Hans Url, ein ehemaliger ME-109-Pilot, der in den letzten Kriegswochen Teil eines Kamikaze-Schwadrons war und nach dem Krieg ein erfolgreicher Richter wurde. Bei Kriegsende ärgerte er sich vor allem über seine ausbleibende Beförderung in den Offiziersrang: „Ich hatte per Telegraf schon Bescheid über meine Beförderung erhalten, aber das offizielle Schreiben muss beim Angriff auf das Luftfahrtministerium im April 1945 vernichtet worden sein.“

Ein Freiwilliger der Waffen-SS, der nur anonym sprechen wollte, war vor allem von den schmucken Uniformen und dem guten Ruf der Elitetruppe fasziniert. „Ich wollte im Kampf neben den am besten ausgebildeten Soldaten kämpfen. Die Waffen-SS hatte diesen Ruf.“ Später fügt er hinzu: „Zum Glück wurde ich nie für ein Erschießungskommando ausgewählt. Wahrscheinlich hätte ich geschossen.“

Weil unsere Väter uns angelogen haben

Das Teuflische an der Nazi-Herrschaft war ihre Banalität. Oder, anders ausgedrückt, die Banalität einer mit sich selbst beschäftigten und von der Nazi-Führung für ihren Krieg rekrutierten Jugend. Der britische Dichter Rudyard Kipling, dessen Sohn sich im Ersten Weltkrieg freiwillig meldete (mit Unterstützung seines Vaters) und wenige Wochen später an der Westfront fiel, hat seine Haltung zum Krieg und zur darin zerriebenen Jugend einmal so zusammengefasst: „Wenn jemand fragt, warum wir gestorben sind, sagt ihm: ,Weil unsere Väter uns angelogen haben.‘“

Das Geniale an einer Serie wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist es, dass sie deutlich macht, wie sich persönliche und scheinbar apolitische Entscheidungen zum kollektiven moralischen Selbstmord aufsummieren können. Oder, um es mit einem anderen Dichter zu sagen: „Es sind nicht die großen Dinge, die einen Menschen ins Irrenhaus bringen. Nein, was einen ins Irrenhaus bringt, ist die nie abreißende Serie von kleinen Tragödien.“ (Charles Bukowski)

Das deutsche Fernsehen hat es endlich geschafft, die nüchternen Details einer Generation herauszuarbeiten, deren Alltagsleben untrennbar verknüpft ist mit einem monumentalen Wahn.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Helmut Donat, Gabriele Camphausen, Volker Beck.

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