Rezo, eine Chance für Deutschland

Franz Sommerfeld1.06.2019Politik

Rezo hat diesen die Demokratie gefährdenden Prozess unterbrochen. Er trifft den Nerv vieler Menschen. Das ist erfreulich, weil es zeigt, dass das politische Interesse nicht abstirbt. Sein Bemühen, die eigene schonungslose Kritik mit einer Fülle von Dokumenten zu belegen, ermöglicht politischen Streit.

“Das sei „Propaganda von der ganz feinen Sorte“, empört sich Jasper von Altenbockum in der FAZ”:https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/rezos-anti-cdu-video-propaganda-von-der-ganz-feinen-sorte-16202294.html. Aber was ist Propaganda? Zählen dazu auch Plakat Parolen wie „Liebe kennt keine Grenzen“ (FDP), „Nur die Liebe zählt“ (Tierschutzpartei), „Sicherheit ist nicht selbstverständlich“ (CDU), „Kommt der Mut, geht der Hass“ (Grüne)?

Also Wahlkampf-Claims, die sich hüten, politisch umstrittene Themen auch nur anzusprechen oder anzudeuten, um ja keinen Wähler zu verschrecken? Um sie einzulullen? Wird dem FAZ-Redakteur bei solchem Umgang mit dem mündigen Bürger auch „übel vom Anschauen“, wie es ihm bei Rezos Video nach eigener Darstellung erging?

Dieses Video ist in der Tat ein „Dokument der Zeitgeschichte“, wie der FAZ-Kommentator richtig notiert. Es markiert den Einbruch der digitalen Kommunikation in deutsche Wahlkämpfe, die bislang von den traditionellen Parteien immer noch in analoger Art und Weise geführt wurden.

Das erklärt auch die Hilflosigkeit der CDU Spitze, ihr Zögern, Kramp-Karrenbauers bibelunkundiger Hinweis auf sieben Plagen und schliesslich die elfseitige PDF Antwort ohne jede Möglichkeit, sie zu kommentieren und zu hinterfragen. Es bleibt nur schade, dass das Antwort Video von Philipp Amthor unter “Verschluss gehalten wird”:https://m.youtube.com/watch?v=OizauK_j6_Q). Kein anderer Zwanzigjähriger bedient sich so elegant wie er der Attitüde des früh Gealterten. Im unveröffentlichten Video verzichtete er auf Krawatte, für ihn eine Revolution.

Doch wirklich sensationell am Rezo-Video ist seine geballte Ladung purer Politik. Dieses Mal keine Spass- oder Satirepartei, sondern voller Ernst. Das ist die Antwort der nachwachsenden Generation auf die systematische Entpolitisierung der deutschen Wahlkämpfe und wohl auch des hiesigen Politikbetriebes. Längst werden Parolen, Claims und Musterrreden in Agenturen entwickelt, die den politisch Verantwortlichen in den Parteien nur noch kleine Korrekturen erlauben. Die Tiefen-Analysen der Meinungsforscher geben den politischen Takt dafür vor. Angela Merkels mütterlicher Ansatz, politischen Streit zu unterlaufen und sie selbst machen zu lassen, hat die politische Entleerung noch verstärkt.

Rezo hat diesen die Demokratie gefährdenden Prozess unterbrochen. Er trifft den Nerv vieler Menschen. Das ist erfreulich, weil es zeigt, dass das politische Interesse nicht abstirbt. Sein Bemühen, die eigene schonungslose Kritik mit einer Fülle von Dokumenten zu belegen, ermöglicht politischen Streit. Anstatt grenzenlose Liebe zu plakatieren, lässt sich nun über die Themen diskutieren. Einige klassische Medien, auch die FAZ, belassen es nicht bei Empörung, sondern beginnen, “seine Kritik Ernst zu nehmen”:https://www.faz.net/aktuell/politik/die-zerstoerung-der-cdu-das-rezo-video-im-faktencheck-16202603.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

Das ist eine Chance, nicht nur für die CDU, sondern für Deutschland.

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