Ich hatte manchmal das Gefühl, ich bin eher Inhaber einer Reparaturwerkstatt. Kurt Georg Kiesinger

Wann kehrt die CDU mitten ins Leben zurück?

Es ist der große Tag der CDU. Wer wird Angela Merkel als Parteichefin beerben? Einer, der vor 18 Jahren dabei war, wirft einen Blick zurück.

Vor 18 Jahren habe ich am CDU-Parteitag in Essen, auf dem Merkel gewählt wurde, teil genommen. Heute sehe ich ihren Abschied vom Spitzenamt auf phoenix. Damals leitartikelte ich in der Mitteldeutschen Zeitung zum Parteitag:

Wann kehrt die CDU mitten ins Leben zurück?

Morgen endet die kurze Zeit des Jubels für Angela Merkel, die die vergangenen CDU Regionalkonferenzen prägte. Denn am Montag wird sie zur Parteichefin gewählt. Noch einmal wird Begeisterung aufkommen. Doch die Neugier auf die neue wird noch im Verlaufe des Essener Parteitages dem Verlangen nach stärkerer politischer Klarheit und Führung weichen.

Dann während der Spendenaffäre hat sich einen Populismus in der CDU breitgemacht, der nur mit der Sehnsucht der Partei nach Bodenhaftung gleich welcher Art zu erklären ist. Die CDU gibt sich neuerdings gerne links. In Nordrhein Westphalen wettert CDU Spitzenpolitiker Jürgen Rüttgers gegen einen „Turbo Kapitalismus“ und will der Zukunftsindustrie ausländische Fachkräfte vorenthalten. Der neue Fraktionschef Friedrich Merz wiederum legt sich mit dem Industrie und Handelstag an. In der Europa Politik – einst Kohls Uhr ureigenrm Feld – überwiegen mittlerweile die euroskeptischen Unionsstimmen.

Während Bundeskanzler Gerhard Schröder die SPD mit dem Internet Zeitalter versöhnen will, schielt Rüttgers mit seiner „Kinder-statt-Inder-Kampagne“ auf die möglichen Verlierer des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses. Das sind die verunsicherten traditionellen SPD Wähler, die gelegentlich auch Rechtsradikale wählen. Die CDU sollte wissen, dass sie sich damit keine zukunftsfähige Grundlage schafft. Schon gar nicht in Zeiten eines wirtschaftlichen Aufschwungs, der durch aus einen positiven Stimmungswechsel im Land bewirken kann.

Die CDU braucht nur auf ihre eigenen Erfahrungen während der Oppositionszeit in den siebziger Jahren zurück zu greifen. Damals erlag sie nach kurzzeitiger Verirrung eben nicht der Versuchung, alle Gegner der Ostpolitik hinter sich zu einen. Es gelang der CDU dank Helmut Kohl und anderen, ihre Anhängerschaft über die Jahre an die neue Außenpolitik zu gewöhnen und beim Wechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl nahtlos daran anzuschließen.

Gemessen an den siebziger Jahren geht es heute um viel mehr. Der gegenwärtige Umbruch zerstört vertraute gesellschaftliche Bindungen und verändert das Wirtschaften und Arbeiten in einem Maß, das noch gar nicht zu übersehen ist. Umso mehr ist das Land darauf angewiesen, dass die CDU wieder zurück in den politischen und geistigen Wettbewerb findet. Keine Partei verfügt über ein fest gefügtes Programm. Aber die von der CDU modernisierten Vorstellungen zur Zukunft der Familie decken sich mit Einstellungen unter der Jugend. Das Beispiel zeigt, dass traditionelle Werte durchaus Bestand haben können. Und warum sollten christliche Ideen nicht der wachsenden Sehnsucht nach mehr Spiritualität entsprechen? Um ihre Kräfte zu erproben, braucht sich die CDU nur an ihr neues Motto „mitten im Leben“ zu halten. Schon aus Eigennutz. Denn auch der CDU droht ansonsten das Schicksal einer Zersplitterung, dass andere europäischen Parteien bereits ereilt hat.

Quelle: Facebookseite des Autors

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, Gunter Weißgerber, Dokumentation - Texte im Original.

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