Die meisten Massenmörder sind merkwürdig. Mark Benecke

Wie geht die Zeit-Chefredaktion mit Mariam Lau um?

Sollte diese Darstellung aus der Ausgabe des „Spiegel“ zutreffen, dann hat die Chefredaktion der „Zeit“ im Umgang mit ihrer Redakteurin Mariam Lau ihre Fürsorgepflicht schwerwiegend verletzt: Sie hat sie zu einem Artikel motiviert, sie danach ins Messer öffentlicher Erregung laufen lassen, um sich dann schliesslich von ihr zu distanzieren, kritisiert Franz Sommerfeld.

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Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass der amtierende Chefredakteur Bernd Ulrich Mariam Lau in dieser Situation ein Gespräch verweigert hat, wie der „Spiegel“ behauptet. Denn das würde den einfachsten Massstäben verantwortungsvoller Personalführung widersprechen. So berichtet der „Spiegel“:

„Kein Ar­ti­kel kommt am Chef­re­dak­teur vor­bei ins Heft, auch in der »Zeit« nicht. Lau hat­te sich nicht da­nach ge­drängt, über das Für und Wi­der der See­notret­tung zu schrei­ben. Sie war aus­drück­lich dazu er­mun­tert wor­den. Eine Re­dak­teu­rin, die in der Re­dak­ti­on für ihr mit­füh­len­des Herz be­kannt ist, hat­te ei­nen Bei­trag über die Not­wen­dig­keit pri­va­ter Hilfs­ein­sät­ze an­ge­bo­ten. Das kön­ne man ger­ne ma­chen, hat­te di Lo­ren­zo auf ei­ner Res­sort­be­spre­chung er­klärt, er wün­sche sich al­ler­dings auch eine ab­wei­chen­de Mei­nung im Blatt. Teil­neh­mer der Sit­zung wuss­ten an­schlie­ßend zu be­rich­ten, dass Ul­rich sein Un­be­ha­gen ge­äu­ßert, dann aber ein­ge­lenkt habe. Wenn Lau von den Vor­be­hal­ten des stell­ver­tre­ten­den Chef­re­dak­teurs ge­wusst ha­ben soll­te, dann dürf­te sie das eher an­ge­sta­chelt ha­ben.

Lau ist eine furcht­lo­se Per­son. Sie selbst be­zeich­net sich ge­le­gent­lich als »Kra­wall­schach­tel«, was für eine ge­sun­de Form der Selbst­iro­nie spricht, eine Gabe, mit der Mit­ar­bei­ter der »Zeit« nicht im Über­maß ge­seg­net sind. Sie ist auch eine der we­ni­gen Re­dak­teu­re, die es wa­gen, in ih­ren Tex­ten re­gel­mä­ßig quer zur Mei­nung ih­rer Vor­ge­setz­ten zu lie­gen. Theo­re­tisch kann je­der über al­les schrei­ben, die »Zeit« ver­steht sich schließ­lich als li­be­ra­les Blatt. In der Pra­xis hat die­se Frei­heit al­ler­dings Gren­zen, und zwar ge­nau dort, wo der Be­reich be­ginnt, den Ul­rich für sich be­an­sprucht: also gro­ße Tex­te über die Kanz­le­rin und die lan­gen Li­ni­en der Po­li­tik. Flücht­lings­po­li­tik ist Chef­sa­che, Ideo­lo­gie­kri­tik erst recht.

Viel­leicht hät­ten die Din­ge eine an­de­re Wen­dung ge­nom­men, wenn das Ver­hält­nis des stell­ver­tre­ten­den Chef­re­dak­teurs zu sei­ner Ber­li­ner Re­dak­teu­rin bes­ser wäre. Der Kon­takt be­schränk­te sich schon seit Län­ge­rem auf das Not­wen­digs­te. Eine Be­geg­nung auf Kon­fe­ren­zen ließ sich nicht ver­mei­den, das brach­te das Re­dak­ti­ons­ge­schäft mit sich. Aber dar­über hin­aus un­ter­band Ul­rich je­den per­sön­li­chen Aus­tausch. Dar­an än­der­te auch die jet­zi­ge Kri­se nichts. Kol­le­gen ge­gen­über be­rich­te­te Lau, dass selbst in den Kri­sen­ta­gen die Bit­te um ein per­sön­li­ches Ge­spräch ins Lee­re ge­lau­fen sei.

Ul­rich war von An­fang an ge­gen den Text. Als er dann ein paar Stun­den vor Re­dak­ti­ons­schluss auf sei­nem Tisch lan­de­te, muss er sei­ne schlimms­ten Be­fürch­tun­gen be­stä­tigt ge­se­hen ha­ben. Statt nur das Für und Wi­der der See­notret­tung zu er­ör­tern, hat­te Lau die Ge­le­gen­heit ge­nutzt, grund­sätz­lich ge­gen die mo­ra­li­sche Selbst­über­hö­hung der Flücht­lings­hel­fer an­zu­schrei­ben. So wie Ul­rich es sah, war er da­mit mit­ge­meint, wo­mit er nicht ganz falsch lag. Ab­leh­nen konn­te oder woll­te er den Text aber auch nicht, schließ­lich hat­te di Lo­ren­zo ihn ja aus­drück­lich ge­wünscht. Au­ßer­dem war die Uhr­zeit so weit fort­ge­schrit­ten, dass sich ein Um­bau des Blat­tes schwie­rig ge­stal­tet hät­te.

So schob Ul­rich das Ärger­nis in das ur­laubs­be­dingt aus­ge­dünn­te Po­li­ti­k­res­sort, soll­ten die sich mit Lay­out und Über­schrift be­fas­sen. Am Ende mach­te der Chef­re­por­ter Ste­fan Wil­le­ke die Zei­le »Oder soll man es las­sen?«, schein­bar ohne die bei­den Tex­te wirk­lich ge­le­sen zu ha­ben. Es muss­te jetzt al­les sehr schnell ge­hen. Vor al­lem an der Über­schrift ent­zün­de­te sich spä­ter die Kri­tik, weil man sie los­ge­löst von den Tex­ten so ver­ste­hen konn­te, als hiel­te es die »Zeit« für eine denk­ba­re Op­ti­on, Men­schen zur Ab­schre­ckung im Meer er­sau­fen zu las­sen…

Als am Don­ners­tag vergangener Woche die Re­dak­ti­on bei­sam­men­sitzt, um sich Mut zu ma­chen, ist der Sitz des Chef­re­dak­teurs leer. Di Lo­ren­zo hat in der Wo­che, in der der Lau-Text er­schien, sei­nen Som­mer­ur­laub an­ge­tre­ten. Auch die Kri­se, die sei­ne Zei­tung durch­rüt­telt, be­wegt ihn nicht dazu, sein Fe­ri­en­haus in Ita­li­en zu ver­las­sen. Man kann das als be­son­de­re Form der Non­cha­lance deu­ten oder aber, wie ei­ni­ge tak­tisch den­ken­de Men­schen in der Re­dak­ti­on, als Aus­druck ge­ho­be­ner Raf­fi­nes­se. War­um sich mit ei­ner Kri­se ver­bin­den, de­ren Ge­sicht ein an­de­rer ist? Es ist Ul­rich, der for­mal für den Ar­ti­kel und die ver­ma­le­dei­te Über­schrift ver­ant­wort­lich ist. Dass er nicht so sehr den Text als viel­mehr des­sen Prä­sen­ta­ti­on pro­ble­ma­tisch fin­de, dar­auf hin­zu­wei­sen hat di Lo­ren­zo auch im Fe­ri­en­ort Zeit ge­fun­den.“

Bleibt noch die Frage, wie lange Mariam Lau bei der „Zeit“ bleibt.

Quelle: Frank Sommerfeld

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