Ehe jetzt einer im 20. Stock sitzt und den ganzen Tag nur fernsieht, bin ich schon fast erleichtert, wenn er ein bisschen schwarz arbeitet. Thilo Sarrazin

„… und Jogi Löw bekommt eine rosa Feder in den A****“

Der Fußball-Weltmeister vermarktet sich künftig als „Die Mannschaft“ – und das rechte Lager in Deutschland dreht durch.

„Das Auto“ – mit diesem Schlagwort macht Volkswagen Werbung für seine Produkte. Nun soll nach dem Willen von Manager Oliver Bierhoff die deutsche Fußball-Nationalmannschaft unter dem Begriff „Die Mannschaft“ vermarktet werden. Der DFB greift damit einen Spitznamen auf, der im Ausland schon lange gang und gäbe ist. Je nach Landessprache wird die deutsche Elf dort gerne La, El oder The Mannschaft genannt.

„Mannschaft“ – das ist für fremde Zungen ein typisch deutsches Wort wie Sauerkraut oder Waldsterben. Beinahe unaussprechlich, aber mit hoher Symbolkraft. Es steht für Zusammenhalt, für Teamgeist, für all das, was nach Ansicht ausländischer Beobachter bei der letzten Weltmeisterschaft in Brasilien Philipp Lahm und Co. zum Titel führte: „Argentinien hat Messi. Portugal hat Ronaldo. Deutschland hat ein Team!“, so lautete eine der meistverbreiteten Twitter-Nachrichten, die irrtümlich der englischen Fußballlegende Steven Gerrard zugeschrieben wurde.

Nun könnte man sich darüber freuen, dass die „Die Mannschaft“ international allmählich das bislang übliche Synonym „Die Panzer“ abgelöst hat, und die Bundesrepublik 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges mittlerweile mit deutlich sympathischeren „deutschen Tugenden“ assoziiert wird als noch bei den WM-Triumphen 1990, 1974 oder gar 1954. Weniger fußballinteressierte Beobachter könnten sogar die durchaus berechtigte Frage stellen, ob es überhaupt von Nachrichtenwert ist, wenn Deutschlands Kicker ab sofort in einem Bus zum Stadion fahren, auf dem groß „DIE MANNSCHAFT“ steht. Die meisten hiesigen Freunde des runden Leders werden jedenfalls die Meldung gelesen, sie achselzuckend zur Kenntnis genommen haben und dann zum jeweiligen Tagesgeschäft übergegangen sein.

DFB begeht Genozid

Ganz anders fiel die Reaktion in den sich selbst gerne als „nationalkonservativ“ bezeichnenden Kreisen aus. Das rechte Lager reagierte auf Bierhoffs Ankündigung so, als stünde die offizielle Umbenennung Deutschlands in beispielsweise „Schland“ unmittelbar bevor. Dieter Stein, Verleger und Chefredakteur der einschlägig bekannten „Jungen Freiheit“, postete:

„IRRE! Aus für Nationalmannschaft: DFB löscht NATION und spricht nur noch von ,Die Mannschaft‘.

In seinem Blatt, das für die Szene so wichtig ist, wie früher das „Neue Deutschland“ für die SED, malte man gleich den Teufel an die Wand: Demnächst werde „Die Mannschaft“ das „Das Team“ heißen (Denglisch – schlimm!) oder gar „Die Bunten“ (Multikulti – noch schlimmer!), vielleicht am Ende noch „X-Schaft“ (Gendermainstream – am allerschlimmsten!).

Die bekanntlich nach rechts weit offene Empörungsskala der Zielgruppe erreichte daraufhin Höhen, die seit den winterlichen Pegida-Großdemonstrationen, als man bereits vom „Marsch auf Berlin“ und dem „Sturz der Volksverräter Merkel, Schäuble und Co.“ schwärmte, nicht mehr gemessen wurden. In den Kommentarbereichen der sozialen Netzwerke herrscht Hysterie, eifrig wird der unmittelbar bevorstehende Untergang des deutschen Volkes beschworen.

„Nun muss wohl jeder merken, dass wir unserer Nationalität endgültig beraubt werden sollen. (…) Bald wird es auch keine NATIONALhymne mehr geben.“

„Das ist Teil der Abschaffung der Nationalstaaten …. Erst schleichend, jetzt immer offensichtlicher ….. (…) Das ist Genozid!“

„Soso, ,Die Mannschaft‘, das Wort ,deutsch‘ musste anscheinend weg, schließlich ist es offensichtlich das Ziel der ,Eliten‘, ,Deutschland‘ als Nation und die Deutschen als Volk abzuschaffen.“

„Trikots in Regenbogenfarben wären noch super. Und Löw sollte sich eine Rosa Feder in den Arsch schieben.“

So weit eine kleine Auswahl der rhetorischen Ergüsse, die jeden künftig vor der Metapher vom Land der Dichter und Denker zurückschrecken lassen werden.

Spanier sind nicht unbedingt Anhänger des Kommunismus und Belgier keine Satanisten

Merkwürdigerweise hieß der Film des DFB über den WM-Triumph, der im November vergangenen Jahres ins Kino kam und am 2. Januar in der ARD ein Renner war, „Die Mannschaft“, ohne dass sich damals Stein und seine Gefolgschaft darüber echauffiert hätten. Seltsam auch, dass in Italien die Fußball-Nationalmannschaft „La Squadra Azurra“ genannt wird, in Frankreich „Les Bleus“ in den Niederlanden „Het Elftal“, ohne dass diese Länder bislang dadurch aufgefallen seien, über zu wenig Nationalgefühl zu verfügen. Niemand kommt auch auf die Idee, die Spanier, die ihre Elf „La Roja“ nennen, als Sympathisanten des Kommunismus zu brandmarken oder die Belgier („Les Diables Rouges“/„Rode Duivels“) als Anhänger des Satanismus. In Deutschland hingegen veröffentlichte der AfD-Kreisverband Märkisch-Oderland auf Facebook gar eine Todesanzeige:

Nachruf auf die deutsche Fußballnationalmannschaft! Die letzte WM ist noch in allen Köpfen, auch die unzähligen Deutschlandfahnen und dieser, für gewisse politische Akteure, nahezu unerträgliche Nationalstolz. Linke Gruppierungen riefen ja dazu auf, die Autofahnen zu entfernen und allem Nationalen zu entsagen. Jetzt ist es so weit, eine Ära geht zu Ende. Das National ist gestrichen und soll aus unserem Sprachschatz verbannt werden, nur die links-grüne Gehirnwäsche geht weiter. RIP Nationalmannschaft (*1945 – †2015).

Liebe besorgte AfD- und Pegida-Anhänger, ob „Rumpelfüßler“ oder „Mannschaft“, ob „Panzer“ oder „Adlerträger“ – welche Begriffe Oliver Bierhoff oder Journalisten im In- und Ausland auch immer einfallen werden, alle Welt weiß, um wen es geht. Gestorben ist nicht die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, sondern lediglich Euer Verstand.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alexander Van der Bellen, Hamed Abdel-Samad, Lothar Wieland.

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