"Herr PrĂ€sident, Deutschland und die TĂŒrkei brauchen einander"

von Frank-Walter Steinmeier3.10.2018Außenpolitik, Europa

Beim Besuch des tĂŒrkischen PrĂ€sidenten Recap Tayyip Erdogan betonte BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier “Integration bedeutet, dass wir miteinander lernen, teilzuhaben an diesem demokratischen Gemeinwesen, es zu pflegen, Vielfalt und Vielstimmigkeit auszuhalten, aber gemeinsam gegenzuhalten, wenn andere – sei es in unserem eigenen Land oder von außen – Misstrauen oder Zwietracht sĂ€en”.

“Herzlich willkommen in Berlin!

Es ist gut, sich wiederzusehen. Es ist gut, miteinander zu sprechen. Und, ja, es ist auch gut, zu streiten – jedenfalls, wenn wir es auf eine “”möglichst gute Art”” tun, wie es im Koran heißt. Sehr geehrter Herr PrĂ€sident, ich freue mich, dass unsere LĂ€nder nach zu vielen groben Tönen das GesprĂ€ch miteinander wieder suchen.

In diesem Monat vor ganz genau 70 Jahren, nur wenige Schritte von hier entfernt, hielt der spĂ€tere BĂŒrgermeister von Berlin, Ernst Reuter, eine Rede, die bis heute unvergessen ist: “”Ihr Völker der Welt [
], schaut auf diese Stadt!”” – ein Berliner Leuchtfeuer, jene Rede, gebaut auf der erlebten Erfahrung von Krieg und Diktatur, ein flammendes PlĂ€doyer fĂŒr die Freiheit!

Wenn ich an Reuters Rede – und an die in ihr beschworenen Werte – erinnere, dann erinnere ich zugleich an die enge Bindung zwischen Deutschland und der TĂŒrkei. Denn: Dass er diese Rede halten konnte, verdanken wir auch dem Land, das so offen und großherzig war, in den Jahren nationalsozialistischer Diktatur vertriebene jĂŒdische und politisch verfolgte Deutsche aufzunehmen – darunter hunderte verfolgte Wissenschaftler wie Friedrich Dessauer oder Ernst Eduard Hirsch, KĂŒnstler wie Bruno Taut oder Paul Hindemith.

Vielen dieser Menschen ist die TĂŒrkei eine zweite Heimat geworden. Ernst Reuter selbst hat zwölf Jahre seines Lebens in Istanbul und Ankara verbracht, seine Familie und er haben die TĂŒrkei schĂ€tzen und lieben gelernt.

Die deutsche Emigration in die TĂŒrkei ist ein nicht allzu bekanntes, aber umso bemerkenswerteres Kapitel unserer langen und wechselvollen Beziehung. Sie reicht weit in die Jahrhunderte zurĂŒck, hat Höhen und Tiefen erlebt, und sie ist insbesondere durch die Menschen, die aus der TĂŒrkei zu uns gekommen sind, zu einer ganz besonderen Beziehung gewachsen. Diese deutsch-tĂŒrkische Beziehung, sie ist gewiss einzigartig – und gewiss nicht einfach.

Deutschland ist reicher geworden durch die inzwischen fast drei Millionen Menschen, die ihre Wurzeln in der TĂŒrkei haben und in Deutschland zuhause sind. “”Reicher geworden”” ĂŒbrigens im ganz buchstĂ€blichen Sinne: Der wirtschaftliche Aufstieg und Wohlstand meines Landes ist schlicht nicht denkbar ohne die vielen aus der TĂŒrkei, die wir in den vergangenen Jahrzehnten gebeten haben, hier zu arbeiten, ohne ihre Familien, die nachkamen, ohne ihre Kinder und Enkel. Aber ich meine “”reicher geworden”” auch im gesellschaftlichen, kulturellen, lebensweltlichen Sinne. Ich bin stolz und dankbar, BundesprĂ€sident eines vielfĂ€ltigen und weltoffenen Deutschlands zu sein, in dem Generationen tĂŒrkischer Zuwanderer ihre Spuren hinterlassen haben, in dem Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft ihr Zuhause finden – ein Zuhause mit Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.

NatĂŒrlich steckt unsere freiheitliche und offene Gesellschaft voller WidersprĂŒche und Konflikte. FĂŒr die viel beschworene Integration gibt es weder Zauberformeln noch einen harmonischen Endzustand. Integration ist ein Prozess, der alle Beteiligten in die Pflicht nimmt: die, die seit Generationen Deutsche, und die, die zugewandert sind. Integration beginnt mit einem Bekenntnis, das uns allen – gleich welcher Herkunft – zusteht, nĂ€mlich: “”Hier will ich leben, hier kann ich mitgestalten.”” Integration bedeutet, dass wir miteinander lernen, teilzuhaben an diesem demokratischen Gemeinwesen, es zu pflegen, Vielfalt und Vielstimmigkeit auszuhalten, aber gemeinsam gegenzuhalten, wenn andere – sei es in unserem eigenen Land oder von außen – Misstrauen oder Zwietracht sĂ€en. Und ganz ohne Zweifel gehört zu den gemeinsamen Pflichten, dass wir uns jeder Form von Diskriminierung, Rassismus und Fremdenhass entgegenstellen! Erst jĂŒngst haben wir in der AufklĂ€rung der Mordserie des NSU in den finstersten Abgrund des Hasses geblickt. Wir haben diese abscheulichen Verbrechen, und insbesondere ihre Opfer, nicht vergessen. Sie beschĂ€men uns bis heute.

Auf unseren Reisen durchs Land stellen meine Frau und ich immer wieder mit Freude fest: Zum gesellschaftlichen Leben in Deutschland gehören heute – mehr als jemals zuvor in der bundesdeutschen Geschichte – Abgeordnete, Journalistinnen, Schriftsteller, Schauspielerinnen, Sportler und Unternehmer mit tĂŒrkischen Wurzeln. Unter ihnen sind auch Menschen wie MevlĂŒde Genç, deren Kraft und Wille zur Versöhnung nach dem entsetzlichen Brandanschlag in Solingen vor 25 Jahren mich tief beeindruckt hat. Wir hĂ€tten sie gern heute Abend hier begrĂŒĂŸt, und sie wĂ€re gern gekommen – leider lassen ihre KrĂ€fte es nicht zu, und wir grĂŒĂŸen sie von hier aus sehr herzlich.

All diese Menschen prĂ€gen unser gemeinsames Deutschland, und ich freue mich, dass einige von ihnen heute Abend hier sind. Sie sind der wichtigste Teil unserer Beziehungen – auf sie kommt es an! Sie können bezeugen, dass viele, sehr viele Menschen in Deutschland, Anteil daran nehmen, wie unsere LĂ€nder zueinander stehen – und wie die Lage im jeweils anderen Land ist. Das Interesse aneinander ist groß, die Emotionen sind groß. Was in der TĂŒrkei geschieht, ist wichtig fĂŒr diese Menschen, und es ist wichtig fĂŒr Deutschland. Ebenso wie in der TĂŒrkei besonders genau beobachtet wird, was in Deutschland geschieht. Wir sind und bleiben wichtig fĂŒreinander. Im Wissen darum sollten wir unsere kĂŒnftige Beziehung gestalten.

In der Erinnerung an Ernst Reuter, den ich am Anfang meiner Rede erwĂ€hnt habe, steckt fĂŒr mich zweierlei: Dankbarkeit – fĂŒr die Offenheit und Mitmenschlichkeit, die die TĂŒrkei ihm und vielen anderen gegenĂŒber bewiesen hat. Aber eben auch dies: Hoffnung. Vor 80 Jahren fanden Deutsche Schutz in der TĂŒrkei – heute suchen beunruhigend viele aus der TĂŒrkei bei uns Zuflucht vor wachsendem Druck auf die Zivilgesellschaft. Ernst Reuters Beispiel aber sollte uns Mut machen: Seine gesamte Biographie verkörpert das Ringen um die Besserung der politischen VerhĂ€ltnisse, die Überwindung von Zwang und Unfreiheit, sie verkörpert die Hoffnung auf Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.

Diese Hoffnung hegte er fĂŒr das Zusammenleben der Völker – ganz besonders natĂŒrlich fĂŒr unsere beiden LĂ€nder.

Und diese Hoffnung hege auch ich, und mit mir viele Deutsche. Wir wĂŒnschen uns, dass die TĂŒrkei zwei Jahre nach dem Trauma des Putschversuchs zum Ausgleich zurĂŒckfindet. Wir wĂŒnschen uns, dass die Versöhnung der scharfen gesellschaftlichen GegensĂ€tze auf der Grundlage von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit gelingt.

Und wir wĂŒnschen uns das nicht nur. Deutschland hat ein sehr handfestes, ausgeprĂ€gtes Interesse an einer wirtschaftlich erfolgreichen und stabilen, an einer demokratisch verfassten und europĂ€isch orientierten TĂŒrkei.

Ich begrĂŒĂŸe daher ausdrĂŒcklich alle BemĂŒhungen, die dabei helfen, nach konfliktreichen Monaten zu unserer gewachsenen guten Beziehung zurĂŒckzufinden. Zu solchen MĂŒhen gehört der offene Austausch ĂŒber das, was uns trennt. Wir haben heute Morgen ausfĂŒhrlich darĂŒber gesprochen: Ich sorge mich als PrĂ€sident dieses Landes um deutsche Staatsangehörige, die aus politischen GrĂŒnden in der TĂŒrkei inhaftiert sind, und ich sorge mich auch um tĂŒrkische Journalisten, Gewerkschafter, Juristen, Intellektuelle und Politiker, die sich noch in Haft befinden. Ich hoffe, Herr PrĂ€sident, Sie verstehen, dass wir darĂŒber nicht zur Tagesordnung ĂŒbergehen.

Herr PrĂ€sident, Deutschland und die TĂŒrkei brauchen einander – auch in Europa. Wir brauchen einander im Ringen um einen Frieden im Nahen und Mittleren Osten, im Kampf gegen Terrorismus und im BemĂŒhen darum, die Lage der FlĂŒchtlinge aus den Kriegsgebieten der Region zu erleichtern. Herr PrĂ€sident, wir wĂŒrdigen die enormen Leistungen Ihres Landes fĂŒr Millionen Menschen, die aus Syrien geflohen sind. Knapp eine Million schulpflichtige FlĂŒchtlingskinder sollen bis zum Ende des nĂ€chsten Schuljahres in das regulĂ€re Schulsystem eingegliedert werden. Und das ist nur ein Beispiel fĂŒr die großen Aufgaben, die Migration und Integration mit sich bringen, in Ihrem Land und natĂŒrlich auch hier in Deutschland. Ich finde: Wie wir diese Aufgaben gemeinsam bewĂ€ltigen können, darĂŒber sollten wir uns verstĂ€ndigen.

Meine Damen und Herren, die Herausforderungen drĂ€ngen uns zur Eile. Doch VerstĂ€ndigung braucht Zeit, sie braucht Geduld und Beharrlichkeit. Und sie braucht Vertrauen. Herr PrĂ€sident, Sie haben die große EmotionalitĂ€t gespĂŒrt, die Ihrem Besuch in meinem Lande entgegenschlĂ€gt. Diese Emotionen sind Ausdruck der besonderen Beziehungen unserer LĂ€nder einerseits, aber auch Ausdruck der Irritationen der letzten Monate, die noch nicht ĂŒberwunden sind. Ein Besuch allein kann NormalitĂ€t nicht herstellen. Aber er könnte ein Anfang sein, der Anfang eines Weges, der ĂŒber viele, konkrete Schritte zu neuem Vertrauen fĂŒhrt. Herr PrĂ€sident, verehrte Frau Erdoğan, auf diesen Weg – darauf, dass Vertrauen zwischen unseren LĂ€ndern wieder wachsen möge, möchte ich mein Glas erheben. Darauf, dass aus der besonderen Beziehung zwischen der Republik TĂŒrkei und der Bundesrepublik Deutschland, zwischen den Menschen unserer LĂ€nder eine freundschaftliche und fĂŒr beide Seiten fruchtbare Beziehung wĂ€chst!”

Quelle: “BundesprĂ€sident”:http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2018/09/180928-Tuerkei-Staatsbankett.html

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